21 Juni 2022

Das europapolitische Quartett: Nord-, Mittel- und Osteuropa gegen das deutsch-französische Tandem?

Mit:
  • Minna Ålander, Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin
  • Carmen Descamps, Deutsche Botschaft, Madrid
  • Manuel Müller, Universität Duisburg-Essen / Der (europäische) Föderalist, Berlin
  • Julian Plottka, Universität Passau / Universität Bonn
  • Sophie Pornschlegel, European Policy Centre, Brüssel
Dieses Gespräch entstand als Online-Chat und wurde redaktionell bearbeitet.

Karte der EU. Dänemark, Estland, Finnland, Lettland, Litauen und Schweden sind orange hervorgehoben. Bulgarien, Kroatien, Polen, Rumänien, die Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn sind rot hervorgehoben.
EU-Mitgliedstaaten in Nordeuropa (orange) und in Mittel- und Osteuropa (rot), nach EuroVoc-Klassifikation.

Manuel
Der russische Angriff auf die Ukraine hat auch in der EU in den letzten Monaten zu einigen Veränderungen geführt. Dazu gehört auch eine Verschiebung der informellen Ländergruppen und Allianzen zwischen Regierungen im Rat: Die nördlichen und östlichen Mitgliedstaaten, die eine harte Haltung gegenüber Russland fordern, sind enger zusammengerückt. Polen und Ungarn, lange Zeit enge Verbündete in der Visegrád-Gruppe, haben sich über den Krieg entzweit. Aber auch Deutschland und Frankreich stoßen unter den nord- und ostmitteleuropäischen Staaten auf scharfe Kritik.

Im europapolitischen Quartett sind wir heute zu fünft: Mit dabei ist diesmal auch Minna Ålander von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Minna, du hast vor einigen Wochen auf Twitter die Abkürzung NCEE („Northern, Central and Eastern Europe“) geprägt, die sich seitdem ausgebreitet hat. Magst du zum Einstieg kurz sagen, wen du mit NCEE genau meinst – und welche gemeinsamen Interessen und Positionen diese Länder aus deiner Sicht verbinden?

Was vereint die NCEE-Länder?

Minna
Ich habe im Laufe des Frühlings beobachtet, dass die nord-, zentral- und osteuropäischen Länder immer mehr eine einheitliche Position gegenüber Russland im Krieg gegen die Ukraine vertreten. NCEE ist keine feste oder formalisierte Gruppe. Für mich zählen dafür die nordischen und baltischen Länder, die mittel-osteuropäischen Länder außer Ungarn, aber auch südosteuropäische Staaten wie Rumänien. Also quasi die Länder in der (direkten) Nachbarschaft von Russland bzw. die Russland potenziell in seiner Einflusssphäre sieht. Wobei in letzter Zeit innerhalb der Gruppe vor allem die nordischen Staaten zunehmend an Sichtbarkeit gewonnen haben.

Karte der EU. Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, die Slowakei und Ungarn sind farbig hervorgehoben.
EU-Mitgliedstaaten mit einer gemeinsamen Landgrenze mit Russland oder der Ukraine.

Als kleinster gemeinsamer Nenner der NCEE hat sich dabei die Kritik an bzw. Opposition zur deutsch-französischen Position herauskristallisiert – die inzwischen teilweise auch etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Der Frust über Scholz und Macron, vor allem wegen deren mehrdeutiger Kommunikation, ist so gewachsen, dass ihnen inzwischen alles Mögliche zugetraut wird, je dreckiger desto besser. Dabei verschwimmen immer mehr die Unterschiede zwischen berechtigter Kritik und „Bashing“.

Carmen
… was auch insofern interessant ist, als es diese (einheitliche) deutsch-französische Position gar nicht unbedingt immer gibt. Aber dazu sicher später mehr.

Die Brexit-Waisen

Julian
„Kleinster gemeinsamer Nenner“ finde ich hier ein gutes Stichwort. Wenn wir über Ländergruppen in der EU sprechen, liegt der Diskussion immer die Annahme zugrunde, die jeweilige Gruppe habe in unterschiedlichen Politikfeldern gemeinsame Interesse. Mit Blick auf die NCEE sehe ich das nicht. Außer in der Politik gegenüber Russland scheinen mir die Positionen in vielen Feldern zu unterschiedlich – und selbst zu Russland gibt es einzelne Regierungen mit abweichenden Haltungen. Ich denke deshalb nicht, dass die NCEE-Länder als Gruppe eine gestaltende Kraft in Europa werden.

Minna
Was die NCEE-Länder schon vorher gemeinsam hatten, ist, dass sie sich stark am Vereinigten Königreich orientiert haben. Die nordischen Mitgliedstaaten haben sich regelrecht hinter Großbritannien versteckt und sich drauf verlassen, dass es alles blockiert, was sie auch nicht wollen, ohne dass sie selbst es so artikulieren mussten. Seit dem Brexit finden sie zunehmend, dass ein Gegengewicht zum „deutsch-französischen Motor“ fehlt.

Julian
Da hast du sicherlich recht. Übrigens sind die NCEE-Länder damit nicht allein – ich würde sogar sagen, dass es auch für Deutschland oft ein Problem ist, dass das Vereinigte Königreich jetzt nicht mehr als Proxy-Staat „Nein“ sagt.

Allerdings lässt sich aus einer Ablehnung weiterer Integration keine Politik machen. Sie mögen „in Vielfalt verneinen“ (um es hier etwas schief mit einem Buchtitel von Wolf Schünemann zu sagen), aber damit werden sie nicht viel erreichen. Statt ihre Interessen durchzusetzen, werden sie sich so in einer europaskeptischen Falle verfangen. Das war ja auch die eigentliche Tragödie der britischen Europapolitik.

Gemeinsame Ablehnung von Vertragsreformen

Manuel
Tatsächlich zeigt sich dieses Muster auch hinsichtlich des Follow-up zur EU-Zukunftskonferenz: Das „Non-Paper der 13“, in dem eine Gruppe von Regierungen am 9. Mai Vertragsreformen abgelehnt hat, wurde fast ausschließlich von nord- und ostmitteleuropäischen Ländern unterzeichnet. Hier haben die NCEE-Länder also eine gemeinsame Position in einer Frage, die nichts mit Russland zu tun hat, aber es ist im Wesentlichen eine Blockadeposition.

Minna
Bei der Opposition gegen die Vertragsreform geht es den NCEE-Ländern allerdings wahrscheinlich weniger darum, Vertragsänderungen per se abzulehnen. Worum es geht, ist eine (teils irrationale) Angst davor, dass Deutschland und Frankreich die Gelegenheit nutzen würden, um die EU in eine (föderale) Richtung zu entwickeln, die in NCEE nicht gewollt ist. Stattdessen unterstützen die NCEE-Länder eine schnelle Aufnahme der Ukraine – im Prinzip geht es also um den alten Gegensatz „Vertiefung vs. Erweiterung“.

Karte der EU. Bulgarien, Dänemark, Estland, Finnland, Kroatien, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Rumänien, Schweden, Slowenien und Tschechien sind farbig hervorgehoben.
Unterzeichnerstaaten des „Non-Papers der 13“.

Die Gründe dafür sind unterschiedlich: Die ostmitteleuropäischen Länder haben ihre Unabhängigkeit erst vor kurzem wiedererlangt und legen deshalb viel Wert auf nationale Souveränität. Die nordischen EU-Mitglieder wiederum sind ohnehin oft nur halb dabei und sehen die EU-Integration nicht als primäre Staatsräson. Zum Beispiel ist Dänemark zwar schon in den 1970ern beigetreten, hat aber viele Opt-outs; Schweden ist nicht in der Eurozone; und Finnland ist in den 90ern eigentlich vor allem aus sicherheitspolitischen Gründen beigetreten, obwohl die EU ja nicht primär eine sicherheitspolitische Union ist.

Insgesamt gibt es also wenig Lust auf weitere Kompetenzübertragungen. Und diese Angst vor Deutschland und Frankreich zu schüren ist eine gängige europaskeptische Strategie, zumindest in Finnland.

Antiföderalismus ohne Alternativvorschläge?

Manuel
Ich finde den „Kleinstaaten-Antiföderalismus“ allgemein ein interessantes Phänomen. Mir leuchtet die Idee schon ein, dass man auf Vetorechten beharrt, weil man darin einen Schutz für die nationale Identität sieht. Aber letztlich bedeuten mehr Vetorechte und weniger Kompetenzen für die supranationalen Institutionen vor allem, dass mehr Entscheidungen intergouvernemental getroffen werden. Und mehr Intergouvernementalismus bedeutet, dass die großen Mitgliedstaaten besser ihre Stärke ausspielen können.

Historisch war unter den Gründungsmitgliedern der EU das „große“ Frankreich intergouvernementalistisch orientiert, während die „Kleinen“ (damals die Niederlande, Belgien und Luxemburg) für eine starke Kommission und Europäisches Parlament eintraten. Dass Föderalismus heute als eine Forderung der „Großen“ gilt, gegen die sich die „kleinen“ NCEE-Länder glauben verteidigen zu müssen, ist eine eigenartige Umkehrung.

Julian
Die andere Seite der Medaille ist natürlich auch, dass Staaten wie Dänemark mit dem bisherigen Opt-out in der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik oder Polen außerhalb der Eurozone panische Angst davor haben, dass Politik ohne sie gestaltet wird …

Sophie
Dabei sind kleine Staaten in der EU sogar überrepräsentiert. Wenn sie die Politik von Frankreich und Deutschland nicht mögen, sollten sie Alternativvorschläge für die weitere Integration machen. Die sehe ich bisher nicht.

Auch dass die NCEE-Länder sich in dem Non-Paper vom 9. Mai gegen Vertragsreformen geäußert haben, aber gleichzeitig für eine EU-Erweiterung sind, scheint mir etwas widersprüchlich zu sein. Außer sie haben vor, die EU noch handlungsunfähiger zu machen.

Julian
Ja genau. Weil sie sich nicht positiv, konstruktiv auf etwas einigen können, gestalten sie nicht mit.

Minna
Ich beobachte allerdings auch eine Art „Renaissance“ der europäischen Identität im Norden (und ich glaube zumindest teils auch im Osten). Man hat jetzt gesehen, wie die Ukraine für die EU-Perspektive wortwörtlich mit ihrem Leben kämpft. Das hat die EU irgendwie aufgewertet.

Wo stehen die Niederlande?

Carmen
Hallo zusammen – ich war gerade kurz offline. Aber jetzt ist mein Internet wieder hergestellt! 😊

Zwischenfrage: Wo verorten wir in diesem Koordinatensystem denn die Niederlande heute? Ich möchte das „Schwarzer Peter“-Spiel nicht zu weit führen, aber wenn wir über Proxy-Staaten mit Bedenken gegenüber tieferer Integration reden, gerade auch in der Post-Brexit-Perspektive, ist das doch mindestens der Rede wert.

Minna
Die Niederlande waren traditionell ja ein Kernmitglied der „Frugal Four“. Aber es zeichnet sich gerade ab, dass sich deren Position vielleicht ändert.

Sophie
Ich denke, der Brexit hat dazu geführt, dass die Niederlande sich europapolitisch neu ordnen mussten. Was nicht schlecht ist – das Non-Paper mit Spanien zu Wirtschaftsreform hat mich positiv überrascht. Und auch im Bereich Rechtsstaatlichkeit haben sich die Niederlande zuletzt stärker positioniert.

Manuel
Ja, interessanter Punkt! Nach dem gescheiterten Referendum über die EU-Verfassung 2005 hatten viele niederländische Parteien ja erst mal ein großes Misstrauen gegenüber einer weiteren Supranationalisierung entwickelt. Es wird interessant zu sehen, ob es jetzt wieder einen Schwenk zurück zu integrationsfreundlicheren Positionen gibt.

Carmen
Ich teile euren Eindruck hinsichtlich der Frugal Four und der Neupositionierung nach dem Brexit – ich hatte selbst Ähnliches festgestellt und wollte prüfen, ob ihr das auch so seht. Gerade das spanisch-niederländische Finanzpapier war interessant, weil es quer zu einer alten Konfrontationslinie verlief. Mal abwarten, was da noch kommt.

Vorwürfe an Emmanuel Macron

Sophie
Ich denke, wir sollten noch mal auf die Rolle von Frankreich und Deutschland zurückkommen. Beide Länder stehen wegen des Kriegs in der Ukraine gerade stark in der Kritik, aber eigentlich sind ihre Positionen sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite steckt Deutschland in einer Identitätskrise (sind wir noch Pazifisten, wenn wir schwere Waffen an die Ukraine liefern?). Auf der anderen Seite war in Frankreich Macron erst mal im Kampagnenmodus für die Präsidentschaftswahlen. Er hat den Krieg in der Ukraine vor allem genutzt, um zu zeigen, dass es einen fähigen und erfahrenden Präsidenten braucht.

Die innenpolitischen Gegebenheiten in beiden Ländern unterscheiden sich also sehr – und auch die Haltung gegenüber Russland scheint mir in Frankreich und Deutschland nicht dieselbe zu sein.

Karte der EU. Bulgarien, Estland, Finnland, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, die Slowakei, Spanien, Tschechien und Ungarn sind rot hervorgehoben.
EU-Länder, in denen ein Bevölkerungsanteil von mehr als dem EU-weiten Durchschnitt (24 %) eine Ausweitung des Ukraine-Kriegs auf das eigene Land befürchtet (nach Eurobarometer, Juni 2022).

Minna
Das ist richtig. Allerdings wird es in NCEE so wahrgenommen, dass sowohl Deutschland als auch Frankreich eher denken, dass wir irgendwann wieder Beziehungen zu Russland aufbauen müssen und deshalb jetzt nicht alle Brücken verbrennen sollten. Unter den NCEE-Ländern wiederum herrscht die Sichtweise vor, dass es am wichtigsten ist, dass Russland keine weiteren Nachbarn angreifen kann – man also gerne Russland fertig machen sollte.

Sophie
Macron wurde nach seiner Rede am 9. Mai zum Teil vorgeworfen, ein „Putin-Versteher“ zu sein, weil er sagte, dass man den Dialog mit Putin aufrechterhalten sollte. Dabei scheint mir in der Berichterstattung leider viel Nuance verloren gegangen zu sein. Immerhin hat Macron Russland in der Rede auch stark kritisiert.

Macron scheint mir nur eine sehr realpolitische Perspektive einzunehmen: Wir werden Putin in nächster Zeit nicht so einfach loswerden und müssen deshalb nach einer Lösung suchen. Das ist natürlich auch kontrovers, weil andere Länder eher die Position vertreten, dass man auf keinem Fall jetzt schon von einem Kriegsende sprechen sollte.

Minna
Genau. Die Kontroverse geht vor allem darum, wann und unter welchen Bedingungen der Krieg beendet werden sollte. Und in den NCEE-Staaten gibt es die Sorge, dass Frankreich und Deutschland hier bereit sind, für ein schnelles Kriegsende die Sicherheitsinteressen der Nachbarländer Russlands zu opfern.

Carmen
Ich würde vor dem Kriegsende noch einen Schritt zurückgehen und auch an die Sanktionen gegen Russland denken. Sowohl gegenüber Deutschland als auch Frankreich besteht ja die Erwartungshaltung, sie müssten sich für schnellere und weitreichendere Sanktionen einsetzen. Aber bei allen Gemeinsamkeiten haben die Länder weiterhin nationale Unterschiede und Interessen. Zum Beispiel im Energiebereich: Deutschlands Abhängigkeit von russischem Gas liegt derzeit bei 35 % (2021 waren es noch 55 %); Frankreichs bei 20 %. Bei anderen Ländern ist das zum Teil deutlich weniger; mein derzeitiges Gastland Spanien liegt zum Beispiel nur bei 9 % Gasimporten aus Russland.

Das Beispiel soll zeigen, mit wie unterschiedlichen Herausforderungen Deutschland und Frankreich konfrontiert sind. „Nicht alle Brücken zu Russland abbrechen“ bedeutet deshalb nicht, nicht zu handeln oder gegenüber einem EU-Anrainerstaat, in den Russland völkerrechtswidrig eingefallen ist, keine Hilfsbereitschaft zu zeigen – sondern wohlüberlegt, wohldosiert und effizient vorzugehen, um den Bedürfnissen von allen gerecht zu werden. Die Außenwahrnehmung des „deutsch-französischen Tandems“ deckt sich da nicht zwingend mit der Innenwahrnehmung.

Erinnerungen an die Eurokrise

Manuel
Ein interessanter Punkt sind für mich in diesem Zusammenhang die Parallelen zwischen dem Ärger der NCEE-Länder jetzt und dem Ärger der südeuropäischen Krisenländer während der Eurokrise vor zehn Jahren. In beiden Fällen geht es um transnationale Solidarität – damals finanzpolitisch, heute sicherheitspolitisch. Und in beiden Fällen gibt vor allem Deutschland als größter Mitgliedstaat kein gutes Bild ab, obwohl es aus seiner eigenen Sicht durchaus bereit ist, Maßnahmen mitzutragen, und dabei nur legitime nationale Eigeninteressen schützen will.

Minna
Ja – und viele schlechte Erinnerungen aus der Eurokrise sind jetzt im Süden noch mal hochgekommen. Als in Deutschland am Anfang des Kriegs in der Ukraine argumentiert wurde, Deutschland könne wegen der wirtschaftlichen Folgen seine Energieabhängigkeit von Russland nicht schneller beseitigen, sorgte das in den Ländern, die damals zu einem massiven Sparkurs gedrängt wurden, für einige scharfe Kommentare. Aber die Berliner Politik-Bubble ist bemerkenswert resistent gegen Feedback von außen …

Sophie
Ja! In Brüssel steht Deutschland auch stark in der Kritik. Ich kann natürlich verstehen, dass die politischen Fragen, die in Deutschland durch den Ukraine-Krieg aufgeworfen werden, besprochen werden müssen. Aber gerade scheint mir die Berliner Politik absolut mit sich selbst beschäftigt zu sein und keinerlei Verständnis dafür zu haben, was für eine Position Deutschland in Europa eigentlich innehat.

Deutschland-Kritik aus dem Ausland wird entweder kritisch gesehen oder nicht beachtet. Aber wenn man sich als pro-europäisch versteht, sollte man auf Dialog setzen, statt seine Nachbarn einfach wegzuwinken, wenn sie etwas sagen, was einem nicht passt.

Spannend fand ich auch Scholz’ Erklärung, dass man bei Waffenlieferungen „keine Alleingänge“ wolle. Aus meiner Sicht wurde hier die Notwendigkeit, sich mit europäischen Partnern abzusprechen, vorgeschützt, um von den partei- und regierungsinternen Konflikten abzulenken, die ja das eigentliche Problem sind und zu Deutschlands zögerlicher Positionierung führen.

Minna
Das gute alte deutsche Manöver, sich hinter einer europäischen Rechtfertigung zu verstecken, um nicht offen über die eigenen Interessen sprechen zu müssen …

Das Dilemma der großen Länder

Sophie
Das ist das Dilemma der großen Länder in der Europapolitik: Je größer man ist, desto mehr Kritikfläche bietet man natürlich anderen EU-Ländern.

Trotzdem würde ich sagen, das müssen große Länder aushalten – Hauptsache, es geht irgendwie voran, statt dass man gar nichts tut. Ein Kollege von mir nannte das mal: Lieber „muddling through upwards“ als „muddling through downwards“.

Minna
Ja, Deutschland hat zu lange die sicherheitspolitische Verantwortung ignoriert, die mit einer ökonomischen Führungsrolle einhergeht.

Carmen
Ohne dazu Position beziehen zu wollen, ist aber doch auch Folgendes auffällig: Verzichtet ein Mitgliedstaat wie Deutschland bei einer politischen Entscheidung auf europäische Abstimmung, insbesondere bei Konfliktthemen, ist man schnell beim Vorwurf des Alleinganges. Die Flüchtlingspolitik im Sommer 2015 ist hierfür nur ein Beispiel. Handelt ein Mitgliedstaat aus Sicht der Öffentlichkeit hingegen nicht schnell oder angemessen genug, heißt es, man wollte sich hinter europapolitischen Positionen verstecken. Hat das nicht etwas von „Wie man’s macht, macht man’s falsch“?

Sophie
Das Grundproblem ist ja, dass es gerade insgesamt wenig Führung in der Europapolitik gibt. Außer Macron gibt es wenige, die wirklich eine strategische Sicht für die EU haben. Die Ampel-Koalition war zwar im Koalitionsvertrag ambitioniert, aber seitdem kam nichts aus Deutschland. Und von den EU-Institutionen scheint mir auch nur das Europäische Parlament ambitioniert voranzugehen. Die Kommission guckt auf den Rat, und der Rat folgt vor allem seiner Tradition – Hauptsache verwässern und verzögern.

Was NCEE von den Eurokrisenländern unterscheidet

Karte der EU. Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, die Slowakei, Tschechien und Ungarn sind farbig hervorhehoben.
Mitgliedstaaten des Bukarest-9-Formats.

Julian
Noch einmal zu Manuels Parallele zur Krise in der Eurozone: Ganz kann man die beiden Debatten aber nicht vergleichen. Die deutsche Position damals folgte eben nicht nur deutschen Interessen, sondern auch einer wirtschaftspolitischen Sicht, die ab den 1980er Jahren lange Mainstream war. Im Zuge der Krise wandelte sich der wirtschaftspolitische Mainstream dann in Richtung linker Positionen, und es dauerte etwas, bis Deutschland nachzog. Ich würde sagen, dass Deutschland einfach zu lange eine alte Politik betrieben hat, die hier aber auch später als im Rest der Welt begonnen wurde.

In der Verteidigungspolitik gab es diesen dominierenden Mainstream hingegen meiner Ansicht nach nie. Europa war immer von einer Vielzahl unterschiedlicher strategischer Kulturen geprägt, die zu starken Kontroversen über Sicherheitspolitik geführt haben. Und es auch heute noch tun: In Österreich ist die Zustimmung zur Neutralität in der aktuellen Lage unverändert hoch – ganz anders als in Finnland und Schweden. Die einfachste Lösung für dieses Dilemma ist eine weitere Supranationalisierung der EU.

Manuel
Ja, mag sein. Ein Unterschied zwischen der Eurokrise und heute ist aus meiner Sicht auch, dass die Regierungen der damaligen Krisenstaaten, vor allem Italien und Spanien, recht geschickt versucht haben, sich mit den EU-Institutionen zu verbünden und „europäische“ Lösungen vorzuschlagen. Am Ende setzte sich dann in der Corona-Krise ja auch ein solidarischer, europäischer Fiskalpolitik-Ansatz durch.

Bei den NCEE-Ländern ist das – Stichwort Antiföderalismus – bisher kaum der Fall, obwohl das Europäische Parlament und die Kommission ja in Bezug auf die Ukraine eigentlich durchaus mit ihnen auf einer gemeinsamen Linie sind.

Minna
Ja – mal sehen, ob NCEE jetzt anfängt, eine proaktivere Europapolitik zu gestalten. Und was dabei herauskommt … wahrscheinlich nicht unbedingt, was man sich in Deutschland und Frankreich erhofft.

Das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen

Julian
Dass sich die NCEE-Regierungen nicht stärker mit den supranationalen Institutionen verbünden, ist insofern durchaus logisch, als eine Forderung nach europäischen Lösungen eben der Betonung der eigenen Souveränität widerspricht. Da sind die südlichen Staaten einfach pro-europäischer und sehen eher das Potenzial europäischer Politik, auf das die NCEE-Länder aus Prinzip zu verzichten bereit sind.

Minna
Für NCEE stellt sich gerade auch das Dilemma, dass die anti-deutsch-französische Stimmung für das Brexit-Narrativ instrumentalisiert wird – dass das Vereinigte Königreich der einzig wahre Partner der NCEE-Länder sei und auf Deutschland und Frankreich kein Verlass sei. Bei vielen in den NCEE-Ländern ist derzeit die Wut auf Deutschland und Frankreich so groß, dass sie sie etwas blind macht.

Manuel
Noch ein Unterschied vielleicht: In der Eurokrise gab es keine gemeinsame Identität der betroffenen Staaten. Man war zwar wütend auf Deutschland, aber nicht stolz darauf, ein Krisenland zu sein. Das despektierliche Akronym „PIIGS“ war der Gruppe von außen zugeschrieben worden und wurde in den Ländern selbst abgelehnt. Außerdem hatten die Regierungen natürlich Angst, eine gemeinsame „Krisenstaaten-Identität“ könnte dazu führen, dass Verschärfungen der wirtschaftlichen Probleme in einem Land leichter auch auf andere überspringen.

Im Vergleich treten die NCEE-Länder in der Russland-Frage deutlich selbstbewusster auf. Sie sehen sich als diejenigen, die schon früh die Gefahr des Putinismus erkannt haben, während Deutschland und Frankreich bis heute keine klare Haltung beziehen. Dieses Gefühl, auf der „richtigen“ Seite zu stehen, könnte eine Erklärung dafür sein, dass gerade die nordischen und baltischen Länder zwar zunehmend eine staatenübergreifende Identität entwickeln, aber ihre Bereitschaft zum Supranationalismus geringer ist als die der Krisenstaaten vor zehn Jahren.

Sophie
Das ist die ganze Problematik der derzeitigen Auseinandersetzung: Es wird eine moralische Debatte über außen- und sicherheitspolitische Themen gestülpt.

Eine neue polnische Führungsrolle?

Karte der EU. Dänemark, Estland, Finnland, Lettland, Litauen und Schweden sind rot hervorgehoben. Polen, die Slowakei, Tschechien und Ungarn sind orange hervorhehoben.
Minilaterale Bündnisse: Nordic-Baltic 6 (rot) und Visegrád 4 (orange).

Manuel
Einen anderen wichtigen Punkt finde ich auch die neue Rolle von Polen in dieser Konstellation. Traditionell hat der deutsch-französische Motor der EU ja vor allem dadurch funktioniert, dass Deutschland und Frankreich bilaterale Kompromisse stellvertretend für die Gesamt-EU schließen konnten. Typischerweise repräsentierte dabei Frankreich die Interessen der südlichen und westlichen, Deutschland der nördlichen und östlichen Staaten.

Wenn sich aber der Nordosten von Deutschland nicht mehr repräsentiert fühlt und Deutschland und Frankreich gemeinsam in die Kritik geraten, wird dieses Modell nicht mehr funktionieren. Und da auch Großbritannien nicht mehr als Proxy zur Verfügung steht, könnte nun Polen – als der größte ostmitteleuropäische Mitgliedstaat, traditioneller Verfechter einer harten Anti-Russland-Linie und Supranationalismus-Skeptiker – zum „Champion“ der NCEE-Länder werden. Angesichts der Rechtsstaatslage in Polen wäre das natürlich mindestens problematisch.

Minna
Ich glaube, Polen hat da keine Chance. Insbesondere die nordischen Länder gehören in Fragen der Rechtsstaatlichkeit klar zum Lager der Falken. Der Kern der NCEE ist eher ein neuer Zusammenhalt unter den nordischen und baltischen Ländern, die vor allem auf gemeinsamen sicherheitspolitischen Interessen im Ostseeraum beruht.

Manuel
Aber ist diese Ablehnung gegenüber einer polnischen Führungsrolle unter den nordisch-baltischen Ländern wirklich so stabil? Um nur ein Beispiel zu nennen: Der frühere estnische Präsident Toomas Hendrik Ilves hat jüngst kritisiert, dass mit Scholz, Macron und Draghi drei „westliche“ Staats- und Regierungschefs gemeinsam in die Ukraine reisen wollen, und dabei von sich aus den polnischen Präsidenten Duda ins Spiel gebracht. (Am Ende war es dann der rumänische Staatschef Klaus Iohannis, der mit den dreien in Kyjiw war.)

Minna
Na ja, CEE gibt es als Staatengruppe ja schon länger – das N, also die nordischen Länder, sind jetzt neu dazugekommen. Ilves vertritt die Position, dass die CEE-Staaten einschließlich der baltischen Länder in der EU oft ignoriert wurden und Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg gefallen sind. In den baltischen Staaten finden es manche deshalb gerade fast ein wenig lustig, dass nun auch die nordischen Länder dieses Baltic treatment erleben, mit dem sie selbst schon länger zu kämpfen haben – nach dem Motto „Willkommen im Club“.

Das ist aber eine Sichtweise, die in den nordischen Ländern nicht unbedingt geteilt wird. Eine Bereitschaft, sich von Polen repräsentieren zu lassen, sehe ich da nicht.

Die Kommission und der polnische Rechtsstaat

Sophie
Gut so! Ich sehe die derzeitige Positionierung der EU-Kommission zur Rechtsstaatlichkeit in Polen sehr kritisch. Mit der Bewilligung des polnischen Corona-Wiederaufbauplans hat die EU einen Joker aus der Hand gegeben, ohne dass Polen ausreichend Reformen im Justizbereich umsetzen muss. Das ist gefährlich: Man kann sich nicht gegen Putins Autokratie stellen und gleichzeitig innerhalb der EU die gleichen repressiven Methoden erlauben.

Die Kommission erhofft sich dabei, dass Polen und Ungarn sich wegen ihrer unterschiedlichen Positionen zu Russland künftig nicht mehr im Artikel-7-Verfahren „decken“. Die nachlässigere Haltung der EU gegenüber Polen und eine härtere Positionierung gegenüber Ungarn soll zu einer Kluft zwischen beiden Ländern führen. Aber das ändert nichts daran, dass die polnische PiS-Regierung im eigenen Land Freiheitsrechte abbaut.

Julian
Der Mechanismus, den du beschreibst, ist natürlich das eigentliche Potenzial des „Minilateralismus“. Damit ist gemeint, dass sich Staatengruppen gemeinsam positionieren – was immer die Gefahr von Blockbildung beinhaltet, aber auch den Vorteil hat, dass es die Komplexität von Entscheidungen reduziert. Wenn Staaten auf Basis einer teilweisen Interessenkongruenz Paketlösungen zu Fragen vorformulieren, in denen innerhalb solcher Gruppen Dissens herrscht, dann steigert Minilateralismus die Entscheidungseffizienz in der EU und hilft, Blockaden zu überwinden.

Man muss diese Chance zu Paketlösungen dann aber auch nutzen und darf nicht aus geopolitischer Räson das Verhandlungspfund aus der Hand geben.

Sophie
Ja, das ist aber genau das Problem: Die Kommission behandelt Grundwerte wie jeden anderen Politikbereich, über den am Tisch verhandelt wird. Wenn aber Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit im eigenen Land zur Verhandlungsmasse werden, ist das hochproblematisch. Es steckt ja bereits im Wort „Grundwerte“: Das sind die Grundvoraussetzungen, bevor man überhaupt gemeinsam verhandelt!

Wird die Spaltung bleiben?

Manuel
Letzte Frage: Wird die Südwest-Nordost-Spaltung zu einem dauerhaften Thema in der EU oder nicht?

Carmen
Nein, das denke – und hoffe – ich nicht.

Julian
Nein, dafür sind die beiden Ländergruppen viel zu heterogen.

Carmen
Genau, die Staaten sind untereinander zu verschieden und die Positionen je nach Politikfeld zu unterschiedlich – Finanzen, Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, Integrationstiefe. Bleiben wird aber, dass die Allianzen innerhalb der EU dynamisch sind und der europäische Konsens bei 27 Mitgliedstaaten (oder mehr?!) immer schwieriger zu erreichen sein wird.

Minna
Der Konflikt zwischen Erweiterung und Vertiefung wird sicher bleiben. Ansonsten wird die Spaltung zumindest so lange ein Thema bleiben, wie der Krieg dauert. Außer wenn Macron und Scholz auf einmal richtig viele Waffen an die Ukraine liefern würden … 😉

Sophie
Die Zukunft dieser Spaltung wird stark davon abhängen, wie sich der Krieg in der Ukraine weiterentwickelt. Ich hoffe, dass sie nicht dauerhaft zu einer größeren Fragmentierung in der EU führt.

Allerdings bin ich auch nicht grundsätzlich für eine absolute Einheit aller 27 Mitgliedsländer zu jedem Preis. Ich würde mir nur wünschen, dass einige Ländergruppen versuchen, die EU in einigen Politikbereichen voranzubringen – weil es dringend notwendig ist.


Carmen Descamps ist Stellvertretende Referatsleiterin Wirtschaft an der Deutschen Botschaft Madrid.
Manuel Müller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Duisburg-Essen und betreibt das Blog „Der (europäische) Föderalist“.

Julian Plottka ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Jean-Monnet-Lehrstuhl für Europäische Politik an der Universität Passau und am Lehrstuhl für Europapolitik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.


Sophie Pornschlegel ist Senior Policy Analyst am European Policy Centre in Brüssel.

Die Beiträge geben allein die persönliche Meinung der jeweiligen Autor:innen wieder.

Frühere Ausgaben des europapolitischen Quartetts sind hier zu finden.


Bilder: Karten: Manuel Müller, erstellt mit MapChart [CC BY-SA 4-0]; Porträt Carmen Descamps: Life Studio [alle Rechte vorbehalten]; Porträts Minna Ålander, Manuel Müller, Julian Plottka, Sophie Pornschlegel: alle Rechte vorbehalten.

20 Juni 2022

War die EU-Zukunftskonferenz die Mühe wert?

Was bleibt von der Konferenz zur Zukunft Europas? Hat sie ein neues Modell der Bürgerbeteiligung in Europa etabliert? Sollte sie zu einem Europäischen Konvent und einer Vertragsreform führen? Woran ist sie gescheitert, und welche Lehren lassen sich daraus ziehen?

In dieser Artikelserie werfen Expert:innen aus Wissenschaft, Think Tanks und Zivilgesellschaft einen Blick zurück auf die Ergebnisse und voraus auf die Folgen der Konferenz. Heute: Héctor Sánchez Margalef.
Eine Teilnehmerin macht sich Notizen während einer Tagung der EU-Zukunftskonferenz im Plenarsaal des Europäischen Parlaments
„Wenn das Konferenzverfahren nur zur Fassade dient, um der Union einen demokratischen Anstrich zu geben, wird die Konferenz ein Fehlschlag gewesen sein.“

Die Europäische Union liebt Symbole, und deshalb musste die Konferenz zur Zukunft Europas am 9. Mai 2022, dem Europatag, enden. In dem genau einen Jahr seit ihrem offiziellen Beginn hat sie Bürger:innen aus ganz Europa sowohl physisch als auch online in verschiedenen Formaten versammelt und 49 Vorschläge hervorgebracht. Nicht hervorgebracht hat sie jedoch die Begeisterung unter den europäischen Bürger:innen, die sich ihre Befürworter:innen erhofft hatten. Auch das Erbe der Konferenz – die Frage, ob und welche Folgen sie haben wird – ist noch offen. Man muss sich also fragen: War das alles die Mühe wert?

Es gibt drei Maßstäbe, nach denen der Wert der Zukunftskonferenz beurteilt werden könnte: (1) die Zahl der von ihr mobilisierten Bürger:innen, also die durch den Prozess gewonnene Legitimität; (2) die Qualität der von der Konferenz erarbeiteten Vorschläge, die den Weg in den Abschlussbericht gefunden haben, also die durch Politikvorschläge gewonnene Legitimität; und (3) der Folgeprozess der Konferenz und ihre Fähigkeit, (a) sich zu einem dauerhaften Bürgerkonsultationsverfahren weiterzuentwickeln, der das Experiment deliberativer Demokratie fortsetzt, und/oder (b) die Politikideen des Abschlussberichts in die Praxis umzusetzen und/oder (c) einen Konvent in Gang zu bringen, der zu einer Vertragsänderung führt.

Bürger bringen sich in Europa ein?

Die Konferenz war ein Versuch der europäischen Institutionen, mit den Bürger:innen in Kontakt zu treten, ihnen zuzuhören und sie an den Entscheidungs- und Prioritätensetzungsprozessen teilhaben zu lassen. Es war deshalb nur normal, dass auch gewählte Vertreter:innen an dem Prozess teilnahmen. Im Plenum der Konferenz – Gremium, das für die Ausarbeitung des Abschlussberichts zuständig war – saßen 108 Europaabgeordnete und 108 nationale Abgeordnete. Darüber hinaus waren 105 Vertreter:innen anderer Institutionen beteiligt (Rat 54, Kommission 3, Europäischer Wirtschafts- und Sozialausschuss 18, Ausschuss der Regionen 18, lokale und regionale Vertreter:innen 12). Das macht insgesamt 321 Teilnehmer:innen, die nicht nur gewöhnliche Bürger:innen waren, sondern andere Verpflichtungen, etwa gegenüber ihrer Partei oder Organisation, hatten.

Die zufällig gelosten Bürger:innen stellten im Plenum demgegenüber108 Personen. Hinzu kamen 8 Vertreter:innen der Sozialpartner und 8 der organisierten Zivilgesellschaft. Das bedeutet, dass nur 25 % des Plenums, in dem Entscheidungen über den Abschlussbericht getroffen wurden, tatsächlich einfache Bürger:innen waren.

Bürgervertreter:innen

Außerdem veranstaltete die Konferenz vier europäische Bürgerforen, die in ganz Europa sowie online stattfanden und vier verschiedene Themenbereiche bearbeiteten. Jedes Forum bestand aus 200 zufällig ausgewählten Bürger:innen, wobei alle notwendigen Faktoren berücksichtigt wurden, um sie so vielfältig und repräsentativ zu machen, wie es die Europäische Union ist. Insbesondere war ein Drittel dieser Bürger:innen zwischen 16 und 25 Jahre alt.

Darüber hinaus sollten die Mitgliedstaaten mit Unterstützung der regionalen und lokalen Verwaltungen Veranstaltungen durchführen, die mit der Konferenz in Verbindung standen. Von den 108 Bürger:innen, die an der Plenarsitzung teilnahmen, stammten 80 aus den vier europäischen Bürgerforen. Vertreten waren außerdem für jeden Mitgliedstaat (27) eine Teilnehmer:in der nationalen Bürgerforen sowie die Präsidentin des Europäischen Jugendforums.

Weniger als ein Prozent der Bevölkerung nahm teil

Die Diskussionen im Plenum und in den Bürgerforen stützten sich auf die Vorschläge und Debatten, die auf der mehrsprachigen digitalen Plattform stattfanden. Diese Plattform sollte zu mehr Bürgerbeteiligung beitragen, da auf diesem Weg auch Bürger:innen, die nicht für die Bürgerforen ausgewählt worden waren, an der Konferenz teilnehmen und ihre Ideen einbringen oder die Ideen anderer unterstützen konnten (es sei denn, sie hatten keinen Internetzugang oder nicht die digitalen Fähigkeiten, sich darin zurechtzufinden, aber das ist ein anderes Thema).

Nach den offiziellen Zahlen gab es jedoch weniger als 54 000 Teilnehmer:innen, die sich auf der Plattform angemeldet haben, und 721 500, die an dezentralen Veranstaltungen teilgenommen haben. Laut Eurostat leben in der EU rund 447 Millionen Menschen – das bedeutet, dass nicht einmal 1 % der Bevölkerung an der Konferenz teilgenommen hat. Alles in allem scheint diese Quote zu niedrig, um behaupten zu können, dass die Konferenz die Bürger:innen zu einer Debatte über die Zukunft Europas mobilisieren konnte.

Die Konferenz durch den Prozess zu legitimieren, scheint deshalb schwierig – nicht nur, weil so wenig Menschen daran teilnahmen, sondern auch weil in der Bevölkerung das Bewusstsein für diese Möglichkeit (oder, noch schlimmer, das Interesse daran) so gering war. Die digitale Plattform könnte allerdings ein großartiges Instrument sein, um das Erbe der Konferenz weiterzuführen und Bürger:innen auch in Zukunft eine einfache Kontaktaufnahme mit Entscheidungsträger:innen zu ermöglichen. Außerdem haben sich die Bemühungen, die Plattform in allen EU-Amtssprachen zur Verfügung zu stellen, wenigstens für diejenigen ausgezahlt, die mit ihrer Hilfe Sprachbarrieren überwunden haben.

Mehr Zeit hätte mehr Teilnahme bringen können

Hätte diese geringe Beteiligung vermieden werden können? Sicher nicht ganz. Die Beteiligung hätte aber höher sein können, wenn sich die Institutionen und die Mitgliedstaaten mehr Zeit genommen hätten, um für die Konferenz zu werben und mehr Bürgerdialoge (auf europäischer und nationaler Ebene) durchzuführen. Die erste Plenarsitzung hätte der Ort sein können, um einige der Mängel, die schon früh im Prozess festgestellt wurden, zu beheben. Doch die Eile, mit der die Konferenz durchgeführt wurde, machte jegliche Nachbesserung während des laufenden Verfahrens unmöglich.

Die Beteiligung der Bürger:innen wurde positiv hervorgehoben, und wenn man bedenkt, dass es das erste Mal war, dass ein Projekt dieser Größenordnung durchgeführt wurde, kann man durchaus zufrieden sein. Sieht man nur auf die Zahlen, kann man die Konferenz nicht als einen Erfolg bezeichnen. Aber ein Misserfolg war sie auch nicht. Wenn diese Form der Bürgerbeteiligung zu einem dauerhaften Modell werden soll, war dies ein guter Ausgangspunkt. Die Frage ist nun: Können die politischen Vorschläge, die die Bürger:innen gemacht haben, die niedrige Teilnehmerzahl ausgleichen?

Die politischen Vorschläge: Wendepunkt oder nur Denkanstoß?

Der Bericht, der vom Konferenzplenum angenommen wurde, antwortet auf neun Herausforderungen: Klimawandel und Umwelt; Gesundheit; Wirtschaft; die EU in der Welt; Werte und Rechte, Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit; digitaler Wandel; europäische Demokratie; Migration; Bildung, Kultur, Jugend und Sport. Zur Bewältigung dieser Herausforderungen gibt es 49 Vorschläge mit konkreten Maßnahmen, wie die skizzierten Ziele erreicht werden können.

Wie sind diese Vorschläge zustande gekommen? Der Abschlussbericht wurde in der letzten Plenarsitzung im Konsens angenommen und dem Exekutivausschuss der Konferenz vorgelegt. Diese Vorschläge waren das Ergebnis der Arbeit der Bürger:innen, aber sie konnten nur im Konsens zwischen den im Plenum vertretenen Institutionen angenommen werden. Die Vorschläge der Europäischen Bürgerforums, der mehrsprachigen digitalen Plattform und von sieben nationalen Bürgerforen (Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Litauen und Niederlande) wurden in den Bericht aufgenommen. Dies bedeutet, dass einige Mitgliedstaaten, die während der Konferenz nationale Bürgerforen veranstalteten, sich dabei aber nicht an die rules of procedure der Konferenz hielten, nicht berücksichtigt wurden, aber es zeigt auch, dass nicht alle Mitgliedstaaten der Konferenz die gleiche Bedeutung beimaßen.

Institutionen versuchen radikale Forderungen zu vermeiden

Im Hinblick auf die Vorschläge ist auch die Rolle der Expert:innen und des Organisationsteams zu betrachten. Expert:innen spielten während der Konferenz nur eine untergeordnete Rolle – teils weil die Organisation wollte, dass die Veranstaltung wirklich von den Bürger:innen getragen würde, teils aber auch, weil sie befürchtete, dass die Expert:innen die Debatten an sich reißen, ihre eigene Agenda durchsetzen und die Bürger:innen dazu bringen würden, Vorschläge zu machen, die vom Plenum nicht akzeptiert werden.

Wenn Expert:innen zur Information der Bürger:innen eingesetzt wurden, war der Zeitrahmen sehr eng und die Bürger:innen hatten keine Zeit, über das, was ihnen gesagt wurde, nachzudenken, um ihre Meinung zu ändern oder bessere Vorschläge zu machen. Zugleich drängten die Organisator:innen darauf, einen Konsens zu erreichen, damit die Vorschläge ins Plenum eingebracht werden konnten. Dadurch wurde Druck auf die Bürger:innen ausgeübt, die sich entweder der Diskussion enthielten, um eine Einigung zu erzielen, oder ein Entgleisen des Prozesses riskierten.

Die Institutionen wollten den Prozess von Anfang an steuern, und sei es nur, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Sie wollten keine radikalen Forderungen riskieren, für die kein Follow-up möglich sein würde (auch wenn dies ohnehin nicht garantiert war). Dies zeigte sich schon zu Beginn der Konferenz, als der Ablauf des Verfahrens sowie die Themen, die auf der digitalen Plattform und in den europäischen Bürgerforen diskutiert werden sollten, ohne Beteiligung der Bürger:innen beschlossen wurden.

Die Bedeutung der Konferenz hängt von ihrem Follow-up ab

Dennoch gingen aus der Konferenz ehrgeizige Vorschläge hervor. Im Abschnitt „Klimawandel und Umwelt“ zielt Vorschlag 3 beispielsweise auf die „Verbesserung der Energieversorgungssicherheit in der EU, Erreichen der Energieunabhängigkeit der EU bei gleichzeitiger Sicherstellung eines gerechten Übergangs und Versorgung der Unionsbürger mit ausreichender, erschwinglicher und nachhaltiger Energie“ ab. Maßnahme Nr. 2 zur Erreichung dieses Ziels verlangt die „Berücksichtigung der geopolitischen und sicherheitspolitischen Auswirkungen aller Energieversorger aus Drittländern, einschließlich der Menschenrechte, des ökologischen Aspekts sowie der verantwortungsvollen Staatsführung und der Rechtsstaatlichkeit, im Rahmen der Energiepolitik“. Eine der Maßnahmen des Vorschlags 38 sieht vor, dem Europäischen Parlament ein Recht zur Gesetzesinitiative einzuräumen. Einige Vorschläge würden Vertragsänderungen notwendig machen, andere könnten allein mit dem nötigen politischen Willen umgesetzt werden.

Sind die politischen Vorschläge also ein Wendepunkt oder werden sie nur ein Denkanstoß sein? Das wird davon abhängen, wie es weitergeht und was sich aus der Konferenz entwickeln wird. Indessen wurde das Narrativ aufgebaut, dass – egal, was mit den Ergebnissen geschieht – das Verfahren der Konferenz jedenfalls die Mühe wert war: Wenn die Empfehlungen nicht umgesetzt werden können oder ins Stocken geraten, weil es keine Einigung zwischen den Institutionen und/oder den Mitgliedstaaten über das weitere Vorgehen gibt, dann wird die Tatsache, dass sich die europäischen Institutionen zum ersten Mal bemüht haben, ihren Bürger:innen zuzuhören, für sich allein als ausreichender Erfolg verkauft werden. Wenn die politischen Vorschläge jedoch umgesetzt werden, dann war die Konferenz ein Erfolg, da die politischen Vorschläge, unabhängig von ihrer Qualität, legitimiert wurden.

Wie geht es weiter?

Für das Follow-up der Zukunftskonferenz gibt es mindestens drei Möglichkeiten, die sich nicht gegenseitig ausschließen:

● Die erste und am wenigsten wünschenswerte Möglichkeit ist die Fortsetzung der bisherigen Vorgehensweise. In diesem Szenario wird der Bericht der Konferenz betrachtet und ignoriert, weil die EU sich um wichtigere Angelegenheiten kümmern muss. Diese Option ist gefährlich, weil sie den Bürger:innen, ob sie an der Konferenz teilgenommen haben oder nicht, das Gefühl vermitteln kann, dass ihre Stimme nicht zählt. In Anbetracht der zunehmenden Distanz, die die Repräsentierten zu ihren Repräsentant:innen empfinden, darf die EU dies nicht zulassen.

● Die zweite Option besteht darin, die Vorteile des für die Konferenz angewandten Verfahrens anzuerkennen und sie dauerhaft zu machen, da der Nutzen deliberativer Prozesse für demokratische Systeme offensichtlich ist. Die Entscheidung für dieses Szenario bedeutet mindestens zwei Dinge. Erstens müssen die Institutionen überlegen, was gut und was schlecht gelaufen ist, um es zu korrigieren. In dieser Hinsicht liegt es auf der Hand, dass das Agenda-Setting von Anfang an die Bürger:innen hätte einbeziehen sollen, dass mehr transnationale Dialoge besser gewesen wären, um mehr Bürger;innen zu erreichen, und dass ein längerer Zeitrahmen wünschenswert gewesen wäre, um das Potenzial eines deliberativen Prozesses wirklich zu entfalten.

Zweitens muss ein Grund gefunden werden, diesen Prozess dauerhaft zu machen, damit die Bürger:innen sehen, dass ihre Beiträge und ihre Teilnahme an ähnlichen Übungen wichtig sind und zu etwas Greifbarem führen. Selbst wenn ein ständiger Prozess nur nur eine beratende Funktion haben oder dazu dienen soll, den Bürger:innen zuzuhören, um nach möglichen innovativen Lösungen zu suchen, muss dies deutlich werden.

Reformoptionen

● Die dritte Möglichkeit besteht darin, tatsächlich Reformen durchzuführen. Hier gibt es wiederum zwei Optionen: Die eine bestünde darin, nur einige spezifische Vorschläge des Abschlussberichts umzusetzen, die keine institutionelle Tragweite haben. Da die EU kein direktdemokratisches System ist, argumentieren einige in Brüssel, dass das Parlament und der Europäische Rat das letzte Wort darüber haben müssen, wie das Follow-up der Konferenz aussehen soll. Diesem Standpunkt zufolge können 95 % der im Abschlussdokument skizzierten Vorschläge ohne Vertragsänderung verwirklicht werden.

Weiter argumentieren diese Stimmen, dass die Herausforderungen, mit denen die EU konfrontiert sei, mit politischem Willen bewältigt werden könnten, und dass es naiv sei zu glauben, dass institutionelle Veränderungen automatisch zu einer Lösung führten. Abgerundet wird diese Haltung damit, die Zukunftskonferenz als vielversprechendes Experiment hinsichtlich ihres Verfahrens zu loben. Entsprechend solle die EU die Einbeziehung der Bürger:innen in die Debatte über wichtige politische Herausforderungen weiter ausbauen, um Optionen, Instrumente sowie längerfristige Auswirkungen von Maßnahmen zu prüfen.

Eine Öffnung der Verträge?

Die andere Reformoption hingegen impliziert eine ernsthafte politische Entscheidung, nämlich die Öffnung der Verträge. Das Parlament spricht sich eindeutig für die Einleitung eines Konvents aus und hat bereits offiziell gefordert, dafür Art. 48 EUV auszulösen. Einige Mitgliedstaaten unterstützen diese Position, da dies aus ihrer Sicht einen politischen Impuls für die EU bedeuten würde. Einige andere Mitgliedstaaten haben die Option einer Vertragsreform allerdings bereits ausgeschlossen.

Die Frage, wie es weitergehen soll, ist auch zwischen den Institutionen umkämpft. Das Europäische Parlament war während der gesamten Konferenz die Institution, die den Bürgern am nächsten stand, und es setzt darauf, dass es bei einer Reform der Verträge viel zu gewinnen hat, insbesondere durch das Recht zur Gesetzesinitiative. Dies würde jedoch die Rolle der Kommission schwächen und das Gleichgewicht zwischen den beiden Gesetzgebungsinstitutionen – Parlament und Rat – untergraben.

Lehren für die Zukunft ziehen

Was man der Konferenz über die Zukunft Europas nicht absprechen kann, ist ihr Ehrgeiz. Zum ersten Mal hat die Union ein demokratisches transnationales Experiment in Angriff genommen, um Bürger:innen über Wahlen hinaus an der Gegenwart und Zukunft der Union teilhaben zu lassen. Es hätten mehr Bürger:innen beteiligt werden können, wenn mehr Zeit zur Verfügung gestanden hätte. Die politischen Vorschläge hätten besser, konkreter und zielgerichteter sein können, wenn die Verfahren anders verlaufen wären. In dieser Hinsicht wird die Konferenz als Erfolg gewertet werden, wenn daraus Lehren für die Zukunft gezogen werden. Wenn nicht, wird die Konferenz ein Fehlschlag gewesen sein.

HInsichtlich der transformativen Kraft der Konferenz wird nur die Zeit Aufschluss geben. Das Konferenzverfahren und die digitale Plattform als grundlegende Bestandteile des demokratischen Lebens der Union beizubehalten, wird ein Erfolg sein, wenn damit ein klarer Zweck verbunden ist. Wenn sie nur zur Fassade dienen, um der Union in den Augen ihrer Bürger:innen einen demokratischen Anstrich zu geben, wird die Konferenz ein Fehlschlag gewesen sein.

Eine Vertragsreform erscheint möglich

In Hinblick auf Vertragsänderungen scheinen die westlichen Mitgliedstaaten eher bereit zu sein, die Verträge zu öffnen und einen Konvent einzuberufen. Die östlichen Mitgliedstaaten sind eher zurückhaltend, und über dem ganzen Vertragsreformverfahren würde die Versuchung schweben, Kompetenzen von der EU zurückzugewinnen.

Vor diesem Hintergrund scheint es jedoch keine unvernünftige Erwartung, dass eine Einigung möglich sein könnte – etwa eine Öffnung der Verträge im Austausch für die Erleichterung einer Art ukrainischer Mitgliedschaft oder die Beschleunigung des Beitrittsverfahrens. Jede Bewegung in diese Richtung, die gegen die demokratischen Grundsätze und die Rechtsstaatlichkeit der Union verstößt, würde jedoch bedeuten, dass die Konferenz ein Fehlschlag gewesen ist.

Wie die Konferenz noch ein Erfolg werden kann

Und schließlich drängt sich die Frage auf, zu welchem Zweck genau ein Konvent stattfinden soll. Eine Vertragsreform nur um ihrer selbst willen wird zu viel politisches Kapital bei ungewissem Ausgang verschlingen. Eine Vertragsänderung dient nicht dazu, Ehrgeiz und Vertrauen in das europäische Projekt zu zeigen, sondern Kompromisse zu finden und die Schwächen der Union zu beheben. Wenn die Vertragsreform nur ein symbolisches Zeichen ist und es keine klare und gemeinsame Vorstellung davon gibt, wohin sich die Union entwickeln und was aus ihr werden soll, dann ist es besser, sie so zu lassen, wie sie ist.

Wenn hingegen die Mitgliedstaaten, die ihren Willen zu einer Vertragsänderung bekundet haben, bereit sind, die Empfehlungen ihrer Bürger:innen aufzugreifen, dann sollten wir die Verträge wieder öffnen, die Bürger:innen in einen möglichen Konvent einbeziehen und die Europäische Union umgestalten. Dann wird die Konferenz über die Zukunft Europas wirklich ein Erfolg gewesen sein.

Portrait Héctor Sánchez Margalef

Héctor Sánchez Margalef ist Forscher am Barcelona Centre for International Affairs (CIDOB).




Übersetzung: Manuel Müller.
Bilder: Plenarsitzung der Zukunftskonferenz: EPP Group [CC BY-NC-ND 2.0], via Flickr; Porträt Héctor Sánchez Margalef: alle Rechte vorbehalten.

The Conference on the Future of Europe: Was it worth it?

What remains of the Conference on the Future of Europe? Has it set a new model of citizen participation in Europe? Should it lead to a European Convention and treaty reform? And what lessons can be learned from its shortcomings?

In this article series, experts from academia, think tanks and civil society look back at the results and forward to the follow-up of the Conference. Today: Héctor Sánchez Margalef.
A participant takes notes during a session of the Conference on the Future of Europe in the plenary hall of the European Parliament
“If maintaining the process of the Conference is just façade to give the Union a democratic tinge, the Conference will have been a failure.”

As the European Union loves symbolism, the Conference on the Future of Europe (CoFoE) had to finish on the 9th of May of 2022, the Day of Europe. That is exactly one year after it had officially started, and after bringing together citizens from all over Europe face-to-face and online in different panels that produced 49 proposals. What it did not produce was all the enthusiasm among the European citizens that its promoters had wished for. The other uncertainty that remains to uncover is the legacy of the Conference, whether and what kind of follow-up it will have. Then, it is necessary to ask: was it all worth it?

There could be three possible ways of assessing the worthiness of the Conference on the Future of Europe: (1) the number of citizens it mobilized, thus the legitimization gained through the process; (2) the quality of the proposals produced by the Conference that found their way to the final report, thus the legitimization gained through the policy proposals; and (3) the follow-up process of the Conference and its capacity (a) to evolve towards a process of permanent citizen consultation continuing the experimentation of deliberative democracy and/or (b) to implement the policy ideas of the final report and/or (c) to kick-start a Convention that results in Treaty change.

Citizens engaging with Europe?

The Conference was an effort of the European institutions to engage with citizens, listening at them and making them partake in the decision-making and priority-setting processes. It was therefore only normal that elected representatives also took part in the process. Thus, 108 MEPs, 108 national Members of Parliament sit in the plenary of the Conference, the body in charge of drafting the final report. Moreover, there were 105 representatives of other institutions (Council of the EU 54, Commission 3, European Economic and Social Committee 18, Committee of the Regions 18, and local and regional representatives 12). That makes up to 321 participants who were not just ordinary citizens, but had other affiliations to answer to such as their party or organization they represented.

Randomly selected citizens made up, in the plenary, for 108 people. Then, there were 8 representatives from social partners and 8 from organized civil society. This means that only 25% of the plenary, where decisions on the final report were adopted, were actually ordinary citizens.

Citizens’ representatives

The Conference also held four European Citizens’ Panels across Europe and online, working on four different ranges of topics. Each panel consisted of 200 randomly selected citizens respecting all the necessary factors to made them as diverse and as representative as the European Union is. And importantly, one third of the citizens were between 16 and 25 years old.

Moreover, member states were supposed to hold events that could relate to the Conference, supported by regional and local administrations. Out of the 108 citizens participating in the plenary, 80 were from the four citizens’ panels, and there was one appointed citizen per member state (27) that had participated in the national events, plus the President of the European Youth Forum.

Less than one percent participated

The plenary and the citizens’ panels’ discussions fed from the proposals and debates happening in the Multilingual Digital Platform. The platform was a tool designed to enhance participation, as citizens not randomly selected would be able to participate in the Conference contributing with their own ideas or supporting other’s (unless they did not have internet access or the digital skills to navigate through it, but this is another topic). Moreover, it could be used to announce decentralised (local) events related to the Conference.

However, the official numbers account for less than 54,000 participants who signed up in the platform and 721,500 who took part in decentralised events. According to Eurostat the EU has around 447 million people – so this means that not even 1% of the population participated in the Conference. All in all, it seems a too low percentage to claim that the Conference has been able to mobilize citizens to debate about the future of Europe.

Therefore, legitimization through the process seems complicated to defend, not only because of the rather low number of participants, but because of the lack of awareness among the population of the existence of such possibility; or what could be worse: their lack of interest in participating. However, it is true that the Multilingual Digital Platform is a great tool through which citizens could continue to engage with decision-makers and through which the legacy of the CoFoE can live on. Moreover, the effort to make it available in every EU official language paid off for those who used the platform overcoming the language barrier.

More time could have led to more participation

Could this low participation have been avoided? Not all of it. But the participation could have been higher if the institutions and member states had allowed more time to themselves to promote the Conference and hold more citizens’ dialogues (European and national ones). The first plenary could have been the place where to address some of the shortcomings detected early in the process but the haste to get it done overlooked any possible improvement during the process.

The participation of citizens has been praised; and considering that it was the first time that an exercise of such magnitude has been attempted, there could be some satisfaction. However, purely looking at the numbers, it is impossible to say that the Conference has been a success. But it has not been a failure either. If the process like this is going to be permanent, this is a good starting point. Then, can the policy proposals the citizens came up with make up for the lack of participants?

Policy proposals: a game changer or just food for thought?

The report adopted by the plenary of the CoFoE responds to nine challenges: climate change and the environment; health; economy; the EU in the world; values and rights, rule of law, security; digital transformation; European democracy; migration; and education, culture, youth and sport. To tackle these challenges, there are 49 proposals with concrete measures on how to achieve the outlined objectives.

How did the proposals come up? The final report was approved by consensus in the last plenary session and presented to the executive board of the Conference. Those proposals were fruit of the citizens’ work but they could only be adopted by consensus among the institutions represented in the plenary. The proposals from the European Citizens’ Panels, the Multilingual Digital Platform and from seven national citizens panels (Belgium, Denmark, France, Germany, Italy, Lithuania, and the Netherlands) were included in the report. This means that some member states that hosted national citizens’ panels during the Conference but did not abide by its rules of procedure were not considered, but it also shows that not all member states gave the Conference the same importance.

Institutions tried to prevent radical demands

Regarding the proposals, the role of experts and the organizing staff must also be considered. Experts were underutilized during the Conference – because the organization wanted it to be a truly citizen-led exercise, but also because they were afraid experts would capture the debates, put forward their own agenda and make citizens come up with proposals that would be inadmissible by the plenary.

When experts would be used to inform citizens, the time frame was pressing and citizens did not have time to properly reflect on what they were being told in order to change their minds or coming up with better proposals. Moreover, organizing staff would press to reach a consensus so proposals could be elevated to the plenary. This put pressure on citizens who either refrained from discussion and came to an agreement or risked seeing the process derail.

Institutions wanted to pilot the process from the very beginning even if it was to do damage control. They could not risk radical demands that would prevent to follow up (although follow-up was not guaranteed anyway). This was seen since the very beginning when the whole process and the topics to be discussed in the digital platform and the European Citizens’ Panels were decided without the citizens.

The meaning of the Conference will depend on its follow-up

Still, the proposals resulting from the Conference turned out ambitious. For example in the section “Climate change and the environment”, the objective of Proposal 3 is to “Enhance European energy security, and achieve the EU’s energy independence while ensuring a just transition, and providing Europeans with sufficient, affordable and sustainable energy. (…)”. The measure number 2 to achieve this objective says to “consider within energy policies the geopolitical and security implications, including human rights, ecological aspect and good governance and rule of law, of all third country energy suppliers”. One of the measures of Proposal 38 calls for giving the European Parliament a right of legislative initiative. In that regard, some proposals require treaty changes but others do not and could be implemented with political will.

So, are the policy proposals a game changer or are they going to be just food for thought? It will depend on what comes next and in what is going to evolve from the Conference. However, the process will always save the proposals; this is the narrative that has been put forward to sell the Conference as worth it no matter what. If recommendations cannot be applied or they get stalled because there is no agreement between institutions and/or member states on how to proceed, the fact that for the first time the European institutions made an effort to listen its citizens will be sold as enough success. Nevertheless, if policy proposals are followed up, then the Conference will have been a success in order to achieve legitimization by the policy proposals, regardless of their quality.

What is next?

There are at least, three possibilities open to follow-up on the Conference on the Future of Europe that are not mutually exclusive:

● The first option, and the least desirable one, is to continue business as usual. In that scenario, the report from the Conference will be looked at and disregarded because the EU has more important matters to attend to. This option is dangerous because citizens, participants in the Conference or not, could feel that their voice does not count. Considering the growing distance that represented feel from the representatives, this is something that the EU just cannot allow to happen.

● The second option is to acknowledge the benefits of the process followed during the Conference and make them permanent, as the use of deliberative procedures for democratic systems is evident. Opting for this scenario means at least two things. The first, the institutions need to consider what went well and what went wrong in order to correct it. In that regard, it is obvious that the agenda setting should have involved citizens since the very beginning, more transnational dialogues would have been better to involve more citizens, and a longer time frame to truly unfold the potential of a deliberative process would have been desirable.

The second is to come up with a reason for making this process permanent so citizens can see that their contributions and participation in similar exercises matter and end up in something tangible. Even if a permanent process is meant only to listen at citizens to seek potential innovative solutions or just for an advisory role, this needs to be stated.

Reform options

● The third possibility is to, indeed, reform; and here there are two options. One could be to apply only specific policy recommendations that appear in the final report and which do not touch upon institutional reforms. It is argued by some in Brussels that, as the EU is not a direct democracy system, the Parliament and the European Council have the ultimate word on what the follow-up of the Conference will be. According to this position, 95% of the policies outlined in the final document can be carried on without treaty change.

What these voices argue is that the challenges the EU is facing can be met with political will, and that it is naïve to think that institutional changes will lead automatically to solutions. Praising the CoFoE as a promising experiment in terms of process sums up this position. According to this argument, the EU should further develop the association of citizens in the debate on major policy challenges as the process should allow to look at choices and means and longer-term effects.

Opening the treaties?

The other option to reform implicates a serious political decision because it means opening the treaties. The Parliament is clearly in favour of starting a Convention and has already formally demanded to trigger article 48 TEU. Some member states back this position believing that this will mean a political impulse for the EU. But there are also some member states that have already ruled out the option of treaty reform.

How to follow-up is a battle between institutions as well. The European Parliament has been the institution closest to the citizens during the whole Conference and its bet is that they have a lot to gain if treaties are reformed, especially if it gets the power of legislative initiative. However, this would weaken the role of the Commission and undermine the balance between Parliament and Council, the two branches of the co-decision authority.

Lessons for the future

What cannot be denied of the Conference of the Future of Europe is its ambition. For the first time, the Union embarked in a democratic transnational experiment to make the citizens participate in the present and future of the Union beyond elections. There could have been more citizens involved if more time had been given. Policy proposals could have been better, more concrete and tailored if the processes had been different. In this regard, the Conference will be read as a success if lessons are learnt for the future. If not, the Conference will have been a failure.

On the transformative power of the Conference, only time will tell. Maintaining the process of the Conference and its multilingual digital platform as a fundamental part of the democratic life of the Union will be a success if it has a clear purpose stated. If this is just façade to give the Union a democratic tinge in the eyes of its citizens, the Conference will have been a failure.

A bargain on treaty reform seems possible

On treaty reform, Western member states seem to be more eager to open the treaties and start a Convention. Eastern member states are more reluctant, and the temptation to regain competences from the EU looms over the whole treaty reform.

With this scenario, it is not unreasonable to think that a bargain can be struck – such as opening the treaties in exchange of facilitating a sort of Ukrainian membership or speeding up the process. However, any movement in this direction that attempts against the democratic credentials and rule of law of the Union will make the Conference a failure.

How the Conference can still have been a success

Finally, it is just natural to wonder why a Convention must take place? Reform and opening the treaties just for the sake of it will consume too much political capital and the outcome is uncertain. There is no need for treaty reform to show ambition and faith in the European project, but political will to compromise and to act on the flaws of the Union. If treaty change is just a symbolic token and there is no clear and united vision on where the Union should go and what it should become, it is better to leave it as it is.

If, on the other hand, the member states who have expressed their willingness to change the treaties to give a new impulse to the EU are willing to pick up the recommendations of its citizens, then let us re-open the treaties, involve the citizens in a potential Convention and transform the European Union. Then, the Conference on the Future of Europe will have been, truly, a success.

Portrait Héctor Sánchez Margalef

Héctor Sánchez Margalef is a researcher at the Barcelona Centre for International Affairs (CIDOB).




Pictures: CoFoE plenary session: EPP Group [CC BY-NC-ND 2.0], via Flickr; portrait Héctor Sánchez Margalef: all rights reserved.