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05 April 2024

Zusammensetzung des Europäischen Parlaments und degressive Repräsentation: Drei Vorschläge in der Debatte

Von Friedrich Pukelsheim
Plenarsaal des Europäischen Parlaments
Wie sollen die Sitze des Europäischen Parlaments unter den Mitgliedstaaten der Union aufgeteilt werden?

Mit dem Rechtsbegriff „Zusammensetzung des Europäischen Parlaments“ bezeichnet der Vertrag von Lissabon die Verteilung der Sitze des Europäischen Parlaments auf die Mitgliedstaaten der Union (Art. 14 (2) EUV). Entscheidungen darüber trifft der Europäische Rat einstimmig und auf Vorschlag des Parlaments. Bislang erfolgten sie jedoch immer nur ad hoc für jede anstehende Wahlperiode; ein allgemein anerkanntes Verfahren, das es erlauben würde, die Anzahl der Sitze eines Mitgliedstaates direkt anhand seiner Bevölkerung zu berechnen, gibt es nicht. Es obläge dem Parlament, einen entsprechenden Beschluss zu initiieren. Doch trotz jahrzehntelangen Diskussionen hat das es bislang keine entscheidenden Schritte unternommen. Immerhin hat sich ein allgemeines Einvernehmen herausgebildet, dass das angestrebte Verfahren objektiv, fair, dauerhaft und transparent sein soll.

Im Februar 2024 fand während einer ordentlichen Sitzung des Ausschusses für konstitutionelle Fragen (AFCO) wieder einmal ein Workshop über ein permanentes System für die Sitzverteilung im Europäischen Parlament statt. Die Referenten, Friedrich Pukelsheim, Victoriano Ramírez González und Manuel Müller, schlugen drei Verteilungsmethoden vor: Power-Kompromiss, FPS-Verfahren und proportionale Vervollständigung durch transnationale Listen. In diesem Beitrag werde ich kurz die Vorschläge nachzeichnen und die daraus resultierenden Zusammensetzungen mit der Ad-hoc-Zusammensetzung für das kommende Parlament 2024-2019 vergleichen.

Degressive Repräsentation

Jedes Aufteilungsverfahren für die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments muss den Kriterien genügen, die durch primäres und sekundäres Unionsrecht vorgegeben sind. Das politisch heikelste und verfahrenstechnisch anspruchsvollste Kriterium ergibt sich aus Art. 14 (2) EUV:

Die Bürgerinnen und Bürger sind im Europäischen Parlament degressiv proportional […] vertreten.

Eine Entschließung des Parlaments von 2007 deutet diese degressive Proportionalität als Ausdruck des Solidaritätsprinzips,

demzufolge die bevölkerungsreichsten Staaten akzeptieren, unterrepräsentiert zu sein, um eine bessere Vertretung der bevölkerungsärmsten Staaten zu ermöglichen.

Diese Deutung wird von dem Begriff „degressive Repräsentation“ besser getroffen als von dem in sich widersprüchlichen Vertragsbegriff „degressive Proportionalität“. Um die Terminologie zu vereinfachen, werde ich im Folgenden einfach von „Degressivität“ sprechen.

Degressivität bedeutet, dass ein Abgeordnete:r aus einem bevölkerungsreicheren Mitgliedstaat mehr Bürger:innen vertritt als ein Abgeordnete:r aus einem bevölkerungsärmeren Mitgliedstaat. Eine praktikable Definition dieses Konzepts wurde bei der Festlegung der Zusammensetzung des Europäischen Parlaments 2024-2029 umgesetzt: Die Repräsentationsrate eines bevölkerungsreicheren Mitgliedstaates soll größer sein als die Repräsentationsrate eines bevölkerungsärmeren Mitgliedstaates, wobei die Repräsentationsrate eines Staates das Verhältnis zwischen der Bevölkerungszahl des Staates und der Anzahl seiner Sitze vor der Rundung ist.

Die anderen relevanten Kriterien sind einfach: Die Sitzkontingente der Staaten müssen zwischen 6 und 96 Sitzen umfassen (Art. 14 (2) EUV). Das Minimum von sechs Sitzen wird für den kleinsten Staat voll ausgeschöpft. Die Obergrenze von 96 Sitzen wird nur dann in Anspruch genommen, wenn dies – wie derzeit – erforderlich ist; sollte die Zahl der EU-Mitgliedstaaten weiter zunehmen, könnte ohnehin eines Tages kein Land mehr 96 Sitze beanspruchen. Und schließlich müssen die Bevölkerungsgrößen und Sitzkontingente der Mitgliedstaaten konkordant wachsen, d. h. je größer die Bevölkerung eines Mitgliedstaates ist, desto größer ist sein Anspruch auf eine große Anzahl von Sitzen.

Bevölkerungszahlen

Die wesentlichen Eingangsdaten für jedes Zuteilungsverfahren sind die Bevölkerungszahlen der Mitgliedstaaten. Die Frage, wen man zählen oder nicht zählen soll, ist dabei subtil und heikel. Die Europäische Union hat diese Frage jedoch für sich bereits beantwortet, als sie das Verfahren für qualifizierte Mehrheitsentscheidungen (QMV) im Rat eingeführt hat, für das ebenfalls eine offizielle Definition der Bevölkerung der Mitgliedstaaten nötig ist.

Diese QMV-Bevölkerungszahlen werden jeden Dezember für das folgende Kalenderjahr veröffentlicht. Da Rat und Parlament Organe mit gemeinsamer Gesetzgebungsverantwortung sind, bietet es sich an, diese Zahlen auch als Datengrundlage für die Zusammensetzung des Parlaments zu nutzen. Die im Folgenden diskutierten Beispiele stützen sich jeweils auf die QMV-Bevölkerungszahlen für 2023, die verfügbar waren, als die Zusammensetzung des Parlaments für 2024-2029 beschlossen wurde.

Sollte das Parlament bei der Festlegung seiner Zusammensetzung eine andere Datengrundlage bevorzugen, müsste es jedenfalls eine ordnungsgemäße Dokumentation sicherstellen. In den aktuellen Beschlüssen wird vollständig darauf verzichtet, irgendwelche Bevölkerungszahlen zu erwähnen, wodurch weder Degressivität noch Konkordanz überprüfbar sind. Der beiläufige Hinweis, dass die Bevölkerungsdaten von EuroStat stammen, ist unzureichend und zu ungenau, da sich diese Quelle ständig ändert.

Zur Umsetzung der Degressivität müssen die Rohbevölkerungszahlen in einer Weise adjustiert werden, die größere Staaten etwas mehr und kleinere Staaten etwas weniger betrifft. In der Art, wie diese Degressivitätsanpassungen vorgenommen werden, unterscheiden sich die drei hier vorgestellten Vorschläge grundlegend. Der Power-Kompromiss wandelt rohe Bevölkerungszahlen in adjustierte Bevölkerungseinheiten um. Das FPS-Verfahren wandelt rohe Bevölkerungszahlen in adjustierte Sitzquoten um. Bei der proportionalen Vervollständigung wird jede Bevölkerungszahl durch ihre Quadratwurzel ersetzt.

Power-Kompromiss

Der Power-Kompromiss trägt sowohl der Repräsentation der Bürger:innen der Mitgliedstaaten als Kollektiv als auch der Repräsentation der Unionsbürger:innnen als Individuen Rechnung. Die kollektiven Bürgerschaft wird berücksichtigt, indem jedem Mitgliedstaat eine gleiche Anzahl von „Basissitzen“ zugeteilt wird. Erhält zum Beispiel jeder der 27 Mitgliedstaaten vier Basissitze, so sind auf diese Weise 108 Sitze vergeben. Bei einer Parlamentsgröße von 720 Sitzen verbleiben 612 Sitze für die weitere Verteilung.

Die Verteilung der verbleibenden Sitze berücksichtigt die Bürger:innen als Individuen, indem sie auf die Bevölkerungsgröße der Mitgliedstaaten Bezug nimmt. Aufgrund des Degressivitätsgrundsatzes werden die rohen Bevölkerungszahlen auf „adjustierte Bevölkerungseinheiten“ reduziert. Hierfür werden alle Bevölkerungszahlen mit einem gemeinsamen Exponenten potenziert, wobei der genaue Wert des Exponenten aus den Eingangsdaten und den Rahmenbedingungen berechnet wird. Die verbleibenden Sitze werden proportional auf die adjustierten Bevölkerungseinheiten verteilt, wobei das Divisorverfahren mit Aufrundung angewendet wird. Aus der Verwendung einer Potenz (englisch power) bei der Berechnung leitet sich der Name „Power-Kompromiss“ ab.

Zusammengefasst enthält der Power-Kompromiss drei Parameter, die zusammen das System bestimmen: Die Anzahl der Basissitze wird so festgelegt, dass jeder Staat mindestens sechs Sitze erhält. Der Potenzparameter wird anhand der verfügbaren Daten so berechnet, dass der größte Mitgliedstaat höchstens 96 Sitze erhält. Der Divisor regelt die Verteilung der verbleibenden Sitze so, dass die Sitzkontingente aller Staaten zusammen die vorgegebene Größe des Parlaments genau ausschöpfen.

Angewandt auf das Parlament 2024-2029 würde der Power-Kompromiss die 720 Sitze nach ziemlich transparenten Anweisungen verteilen: Jeder Mitgliedstaat erhält vier Basissitze plus einen Sitz pro begonnene 28.321 adjustierte Bevölkerungseinheiten, wobei die adjustierten Bevölkerungseinheiten berechnet werden, indem man die QMV-Bevölkerungszahlen für 2023 mit dem Exponenten 0,8095 potenziert.

Der Power-Kompromiss ist objektiv und dauerhaft. Er erlaubt die Kontrolle und Variation von Bevölkerungszahlen, der Zahl der Mitgliedstaaten und der Gesamtzahl der Sitze im Parlament. Zudem hat er eine gewisse eingebaute Dynamik hin zu mehr Einfachheit und Gerechtigkeit: In einer wachsenden Union könnte auch der größte Staat weniger als 96 Sitze haben, sodass die Obergrenze bedeutungslos wird. In diesem Fall würde der Potenzparameter gleich 1 werden, sodass die adjustierten Bevölkerungseinheiten direkt mit den rohen Bevölkerungszahlen übereinstimmen.

FPS-Verfahren

Das FPS-Verfahren verwendet eine andere Art der Degressivitätsanpassung, indem es „adjustierte Sitzquoten“ erzeugt. Die adjustierte Sitzquote eines Staates ist eine ungerundete Zahl, die in der Nähe der tatsächlichen Sitzzahl des Staates liegt. Die adjustierten Sitzquoten ergeben sich als eine Summe aus drei Teilen: dem festen Teil (fixed part, F), dem proportionalen Teil (proportional part, P) und dem Quadratwurzelteil (square-root part, S). Daher die Abkürzung FPS.

Im festen Teil wird die Gesamtzahl der Sitze gleichmäßig auf alle Mitgliedstaaten verteilt. Im proportionalen Teil wird die Gesamtzahl der Sitze proportional zur Bevölkerungszahl verteilt, während im Quadratwurzelteil die Gesamtzahl der Sitze proportional zur Quadratwurzel der Bevölkerungszahl verteilt wird. Die Gewichtung der Teile muss im Voraus festgelegt werden. Der Verfasser Victoriano Ramírez empfiehlt – in Annäherung an frühere reale Zusammensetzungen des Parlaments – eine Mischung aus 10 % festem Teil, 50 % proportionalem Teil und dem Rest (40 %) Quadratwurzelteil. Ich nenne diese Mischung F10P50S.

Die verfügbaren Sitze werden dann nach dem Divisorverfahren mit Standardrundung proportional zu den adjustierten Sitzquoten verteilt, wobei die Zusatzbedingungen zu beachten sind, dass das Kontingent eines Staates mindestens sechs und höchstens 96 Sitze betragen muss.

Bei Anwendung auf das EP 2024-2029 würde das F10P50S-Verfahren beispielsweise zu folgender Verteilung führen: Das Sitzkontingent eines Mitgliedstaates ist die ganze Zahl, die dem Quotienten aus seiner adjustierten Sitzquote und dem Divisor 0,9955 am nächsten kommt, es sei denn, eine Erhöhung auf sechs Sitze oder eine Verringerung auf 96 Sitze ist erforderlich. Die adjustierte Sitzquote eines Mitgliedstaates ergibt sich aus der QMV-Bevölkerung pop von 2023 durch die Formel:

0,1 ·

1

· 720 + 0,5 ·

pop

· 720 + 0,4 ·

pop

· 720

27

447 533 143

91 209

Der Divisor 0,9955 wird so bestimmt, dass sich die Sitzkontingente aller Staaten zur gegebenen Parlamentsgröße von 720 Sitzen addieren. Der Nenner 447 533 143 entspricht der Bevölkerungszahl der gesamten EU, während 91 209 die Summe der Quadratwurzeln der Bevölkerungszahlen aller Mitgliedstaaten ist.

Wie der Power-Kompromiss erlaubt das FPS-Verfahren die Kontrolle und Variation der Bevölkerungszahlen, der Anzahl der Mitgliedstaaten und der Gesamtsitzzahl des Parlaments. Die FPS-Prozentsätze von 10, 50 und 40 sind jedoch statisch und nicht von Daten abhängig, was zu politischen Streitigkeiten einlädt. Kleinere Staaten würden von einer Erhöhung des festen, größere Staaten des proportionalen, mittelgroße Staaten des Quadratwurzelteils profitieren. Da zugleich die Summe der Prozentsätze immer 100 ergeben muss, ist des einen Freud hier des anderen Leid.

Außerdem sollte in der letzten Phase das Divisorverfahren mit Aufrundung, nicht das Divisorverfahren mit Standardrundung angewendet werden. Aufrundung begünstigt kleinere gegenüber größeren Staaten und entspricht damit eher dem Sinn der Degressivität.

Proportionale Vervollständigung durch transnationale Listen

Das System einer proportionalen Vervollständigung durch transnationale Listen nimmt das Europawahlrecht in seiner Gesamtheit in den Blick, nicht nur die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments. Sein Ziel ist ein höheres Maß an Wahlgleichheit aller Unionsbürger:innen, als es derzeit durch getrennte Wahlen in 27 Mitgliedstaaten erreicht wird. Zu diesem Zweck werden 75 der maximal 751 Parlamentssitze über transnationale Listen der europäischen politischen Parteien besetzt. Diese 75 Sitze haben einen unionsweiten Ursprung und werden deshalb keinem einzelnen Mitgliedstaat zugerechnet.

Bei diesem Ansatz verbleiben also 676 Sitze, die auf die Mitgliedstaaten verteilt werden. Die künftige Stärkung der europäischen Dimension durch transnationale Sitze mildert die nationalen Konflikte bei der Sitzverteilung und erlaubt deshalb ein einfacheres Verteilungsverfahren. Der Verfasser Manuel Müller schlägt vor, die Sitze im Verhältnis zu den Quadratwurzeln der Bevölkerungszahlen nach dem Divisorverfahren mit Standardrundung zu verteilen. Der größte Mitgliedstaat würde dann 68 Sitze erhalten und bliebe weit unter der Kappungsgrenze von 96 Sitzen. Die Mindestgarantie von sechs Sitzen wäre hingegen relevant und würde für den kleinsten Mitgliedstaat gelten.

Die Komplexität des Systems der proportionalen Vervollständigung sprengt den Rahmen des Workshops. Auf die Frage der Zusammensetzung des Parlaments reduziert, würde der alleinige Bezug auf die Quadratwurzel der Bevölkerungszahl einen massiven Transfer der Sitze von den sechs größten Mitgliedstaaten zu den kleineren Staaten bedeuten. Ein Eingriff dieser Größenordnung müsste in eine umfassendere Neugestaltung des europäischen Wahlrechts eingebettet werden.

Kaum Änderungen gegenüber der Ad-hoc-Zusammensetzung 2024-29

Wie unterscheiden sich die vorgeschlagenen Methoden von der Ad-hoc-Zusammensetzung für das Europäische Parlament 2024-2029? Der Power-Kompromiss führt zu einer Zusammensetzung, bei der insgesamt nicht mehr als sieben Sitzen zwischen Mitgliedstaaten transferiert werden müssten. Jeder dieser Transfers betrifft zudem nur einen einzelnen Sitz, außer in einem einzigen Fall, in dem zwei Sitze betroffen sind.

Beim F10P50S-Verfahren werden ebenfalls nur sieben Sitze transferiert, sofern im letzten Schritt das Divisorverfahren mit Aufrundung angewendet wird. Sechs Transfers sind identisch mit denen, die beim Power-Kompromiss erforderlich wären; auch der Fall mit zwei Sitzen ist derselbe. Mit anderen Worten unterscheiden sich Power-Kompromiss und FPS-Technik zwar in ihren Verfahrensvorschriften, stimmen aber (bei Verwendung der QMV-Bevölkerungszahlen von 2023) in ihren Ergebnissen praktisch überein.

Wendet man in der letzten Phase des F10P50S-Verfahrens wie vom Verfasser Victoriano Ramírez vorgeschlagen das Divisorverfahren mit Standardrundung an, so wären insgesamt acht Sitze zu transferieren. In einem Fall würde dies ebenfalls den Transfer von zwei Sitzen beinhalten, in einem weiteren den Transfer von drei Sitzen. Die betroffenen Mitgliedstaaten unterscheiden sich dabei teilweise von den beiden vorhergehenden Methoden.

Zeit, das Projekt abzuschließen

Vor dem Workshop hatten die AFCO-Berichterstatter:innen Ana Collado Jiménez und Niklas Nienaß einen Berichtsentwurf vorgelegt, der keine Festlegung zur Wahl des Zuteilungsverfahrens enthielt. Da sich die laufende Wahlperiode dem Ende zuneigt, scheint es für eine endgültige Entscheidung inzwischen zu spät zu sein.

Der fertige AFCO-Bericht könnte jedoch eine Grundlage bilden, um das Projekt in der nächsten Wahlperiode abzuschließen. Wie Andrew Duff während des Workshops und in einem anschließenden Beitrag auf dem Verfassungsblog betonte, könnten weitere Fortschritte, wie die Einrichtung transnationaler Listen, dann in einem zukünftigen Verfassungskonvent behandelt werden.


Bilder: EP-Plenarsaal: Marius Oprea [Unsplash-Lizenz], via Unsplash; Porträt Friedrich Pukelsheim: Peggy Leiverkus, Deutscher Bundestag [alle Rechte vorbehalten].

Composition of the European Parliament and degressive representation: Three proposals under discussion

By Friedrich Pukelsheim
Plenary of the European Parliament
How should European Parliament seats be allocated between the member states of the Union?

The phrase “composition of the European Parliament” is the legal term of the Lisbon Treaty to signify the allocation of the seats of the European Parliament (EP) between the member states of the Union (Art. 14 (2) TEU). Decisions in this regard are taken unanimously by the European Council on a proposal from the EP. So far, they have always been taken on an ad hoc basis for each upcoming electoral period, and there is no commonly accepted procedure that would allow to directly calculate the number of seats of a member state from its population. The privilege to initiate a decision for adopting such a permanent allocation procedure lies with the EP. Up to now, Parliament has taken no decisive action, despite debating the topic for decades. At least an overall agreement has emerged that the procedure sought must be objective, fair, durable, and transparent.

In February 2024, yet another workshop on a permanent system for the allocation of seats in the EP took place during an ordinary meeting of the Committee on Constitutional Affairs (AFCO). The speakers, Friedrich Pukelsheim, Victoriano Ramírez González and Manuel Müller, proposed three allocation methods: Power Compromise, FPS Technique, and Proportional Completion Through Transnational Lists. In this note, I briefly review the proposals and compare the resulting compositions with the ad hoc composition for the upcoming 2024–2019 Parliament.

Degressive representation

Any allocation procedure establishing the composition of the EP must be respecting and abiding by the rules which govern the Union. Primary and secondary Union law stipulates the criteria to be satisfied. The politically most sensitive and procedurally most challenging criterion, in Art. 14  (2) TEU, demands that

Representation of citizens shall be degressively proportional.

An EP resolution of 2007 interprets degressive proportionality to be an expres­sion of the principle of solidarity whereby

the more populous States agree to be under-represented in order to allow the less populous States to be represented better.

This interpretation renders the term “degressive representation” more meaningful than the paradoxical notion in the Lisbon Treaty, “degressive proportionality”. To simplify wording, I shall speak of degressivity.

Degressivity requires an MEP from a more populous member state to represent more citizens than each MEP from a less populous member state. The concept is turned into a workable definition when decreeing the composition of the 2024–2029 EP: The representation ratio of a more populous member state is to be larger than the representation ratio of a less populous member state, where the representation ratio of a state is the ratio between the state’s population figure and its number of seats before rounding.

The other relevant criteria are straightforward. The states’ contingents of seats range between six and ninety-six seats (Art. 14 (2) TEU). The minimum of six seats is fully utilized for the smallest state. The capping of ninety-six seats is invoked only when necessary, such as at present; should the Union grow further, no state might qualify for ninety-six seats anyway. Finally, increase of population figures and seat contingents has to be concordant, i.e., the larger the population of a member state, the greater its entitlement to a large number of seats.

Population figures

Essential input data for any allocation method are the member states’ population sizes. The question of whom to count, or not to count, is subtle and delicate. However, the European Union has answered the question for its business when setting up the Qualified Majority Voting rule for its Council, which also requires an official definition of member states’ population.

These QMV-population figures are published every December for the subsequent calendar year. Since Council and Parliament are organs with joint governance responsibility, these figures suggest themselves as the input base also for the EP composition. Our sample applications below rely on the QMV-populations for 2023 as they were available when the 2024–2029 composition was decreed.

In case Parliament prefers another data type for the determination of its composition, care must be taken to ensure proper documentation. Current decisions shun any population figures whatsoever, whence neither degressivity nor concordance are verifiable. A passing remark that the population data are taken from EuroStat is insufficient and too vague as this source is in constant flux.

Degressivity is implemented by adjusting raw population figures in a way affecting larger states a bit more and smaller states somewhat less. The degressivity adjustments of the three proposals are fundamentally distinct. The Power Compromise transforms raw population figures into adjusted population units. The FPS Technique converts raw population figures into adjusted seat quotas. Proportional Completion substitutes any population figure by its square root.

Power Compromise

The Power Compromise pays tribute to the representation of member states’ citizenries as a whole as well as to the representation of Union citizens as individuals. Collective citizenries are accounted for in that every member state is allocated the same number of seats, called base seats. For instance, with four base seats for each of 27 member states, 108 seats are committed. With an EP size of 720 seats, 612 seats are remaining for further allocation.

The remaining seats are meted out taking into account the size of the citizenries, thus honouring individual citizens. Due to degressivity, raw population figures are reduced to adjusted population units. The adjustment is performed by raising all population figures to a certain power, the power parameter being calculated from the input data. The remaining seats are apportioned proportionally to adjusted population units using the divisor method with upward rounding. The presence of a power operation suggests the name Power Compromise.

To summarize, the Power Compromise has three parameters that jointly govern the system. The number of base seats is set so as to ensure every state a mini­mum allocation of six seats. The power parameter is calculated from the data at hand so that the largest member state is allocated just 96 seats. The divisor regulates the apportionment of the remaining seats in a way that the seat contingents of all states together exhaust the given EP size.

As an example, when applied to the 2024–2029 EP, the Power Compromise would allocate the 720 seats by way of rather transparent instructions: Every member state is assigned four base seats, plus one seat per 28,321 adjusted population units or part thereof, where the adjusted population units are obtain­ed by raising the 2023 QMV-population figures to the power 0.8095.

The Power Compromise is objective and durable. It permits control and variation of population figures, the number of member states, and the EP seat total. More­over, it features some built-in dynamics towards enhanced simplicity and fairness. It may happen, in a growing Union, that the largest state falls short of 96 seats and capping is evaded. The power parameter would then equal 1, whence raw population figures and adjusted population units would plainly coincide.

FPS Technique

The FPS Technique uses a different type of degressivity adjustment by generat­ing what I term adjusted seat quotas. A state’s adjusted seat quota is a frac­tional quantity close to the state’s eventual seat contingent. The adjusted seat quotas are taken to be a mixture of three parts, fixed part (F), proportional part (P), and square-root part (S). Hence the acronym FPS.

The fixed part splits the seat total equally between all member states. The proportional part subdivides the seat total proportionally to population figures, while the square-root part partitions the seat total in proportion of the populations’ square roots. The parts’ weightings must be preordained in advance. Author Victoriano Ramírez, by way of a comparison with former compositions, recommends a mixture of ten per cent fixed part, fifty per cent proportional part, and the remaining percentage (forty per cent) square-root part. I denote this mixture by F10P50S.

Finally, the available seats are apportioned proportionally to the adjusted seat quotas using the divisor method with standard rounding, observing the restric­tions that a state’s contingent is at least six seats and at most ninety-six seats.

As an example, when applied to the 2024–2029 EP, the F10P50S Technique would allocate the 720 seats by way of the following instructions: The seat contingent of a member state is the whole number nearest to the quotient of its adjusted seat quota and the divisor 0.9955, except when an incrementation to six seats or a decrementation to ninety-six seats is called for. The adjusted seat quota of a member state with 2023 QMV-population pop is given by

0.1 ·

1

· 720 + 0.5 ·

pop

· 720 + 0.4 ·

pop

· 720

27

447,533,143

91,209

The divisor 0.9955 is determined so that the seat contingents of all states sum up to the given EP size of 720 seats. The denominator 447,533,143 corresponds to the population of the entire EU, while 91,209 is the sum of the square roots of the population figures of all member states.

The FPS Technique permits control and variation of population figures, the number of member states, and the EP seat total, as does the Power Compromise.

However, the FPS percentages ten, fifty, and forty are static and insensitive to the data. They invite dispute. The groups of smaller, larger, or middle-sized states would benefit from raising the percentages of the fixed, proportional, or square-root parts, respectively. Since the percentage total is always one hun­dred and constant, one group’s joy is another group’s sorrow.

Moreover, the final stage should employ the divisor method with upward round­ing rather than the divisor method with standard rounding. Upward rounding favours smaller states at the expense of larger states, which is what degressivity is all about.

Proportional Completion through transnational lists

The Proportional Completion system tackles EP elections in their entirety, not just the EP composition. Aiming at electoral equality among all Union citizens, the system strives for a higher level of equality than is currently achieved by separate elections in 27 member states. To this end, 75 seats, of the maximum EP size of 751 seats, are set aside to be filled via transnational lists of European political parties. These 75 seats have an overall European obligation whence they are exempt from being attributed to any particular member state.

This approach leaves 676 seats to be distributed between the member states. Future reinforcement of the European dimension by transnational seats miti­gates domestic ambitions in the seat allocation. The author Manuel Müller proposes to allocate the seats proportionally to the populations’ square roots, using the divisor method with standard rounding. The largest member state would receive 68 seats, thereby eluding the 96 capping. The minimum guarantee of six seats remains relevant and would apply to the smallest member state.

The complexity of the Proportional Completion system reaches beyond the remit of the workshop. Narrowed down to the issues concerning the EP composition, sole reference to populations’ square roots entails a massive transfer of seats from the six largest member states to the other smaller states. An intervention at this scale would need to be embedded into a more extensive redesign of the European Electoral Act.

Only few changes from the ad hoc composition 2024–2029

How do the proposed methods compare to the ad hoc composition for the 2024–2029 EP? The Power Compromise yields a composition differing by a transfer of no more than seven seats altogether. All transfers touch upon a single seat, except for a sole instance that involves two seats.

The F10P50S Technique also transfers just seven seats provided the final stage uses the divisor method with upward rounding. Six transfers are identical to those required by the Power Compromise; the two-seat instance is the same. In other words, these two methods differ in their procedural instructions, but practically coincide in their results (using the 2023 QMV-population figures).

When the final stage of the F10P50S Technique applies the divisor method with standard rounding, as suggested by the author Victoriano Ramírez, a total of eight seats need to be transferred. One instance involves the transfer of two seats, another, three seats. The states affected are partly distinct from the previous two methods.

Time to finish the project

Prior to the workshop, AFCO rapporteurs Ana Collado Jiménez and Niklas Nienaß had issued a Draft Report noncommittal as to the choice of the allocation method. Since the current legislative period is drawing to a close, it seems too late to agree on a definitive decision.

Yet the final AFCO report may set the scene for the next Parliament to finish the project. As Andrew Duff emphasized during the workshop and in a subsequent Verfassungsblog article, further progress, such as the installation of transnational lists, may be addressed in a future constitutional convention.


Pictures: EP plenary: Marius Oprea [Unsplash license], via Unsplash; portrait Friedrich Pukelsheim: Peggy Leiverkus, Deutscher Bundestag [all rights reserved].

14 März 2024

Wie man ein gemeinsames Europawahlrecht ohne Einstimmigkeit im Rat einführt

Von Clemens Hoffmann
Plenum des Europäischen Parlaments
Viele Versuche, das EU-Wahlrecht zu verbessern, sind an nationalen Vetos gescheitert. Doch das „Tandemsystem“ könnte auch ohne Einstimmigkeit eingeführt werden.

Eine Reform des Europawahlrechts ist lange überfällig, um endlich die nationale Fragmentierung und fehlende Gleichwertigkeit aller Stimmen zu überwinden. Ein Reformansatz, der diese Probleme angeht, ist das „Tandemsystem“, das von Friedrich Pukelsheim und Jo Leinen entwickelt wurde. Nach diesem System treten die europäischen Parteien über ihre nationalen Mitgliedsparteien bei den Europawahlen gegeneinander an und ein Ausgleichsmechanismus sorgt dafür, dass trotz bestehend bleibender nationaler Sitzkontingente der Sitzanteil jeder europäischen Partei ihrem europaweiten Stimmenanteil entspricht.

In der Form, wie Pukelsheim und Leinen das Tandemsystem vorgeschlagen haben, wäre aber vermutlich von einigen Mitgliedstaaten großer Widerstand zu erwarten. Das macht es schwierig, das System durch eine Reform des EU-Direktwahlakts einzuführen, bei der nach Art. 223 AEUV jeder Mitgliedstaat ein Vetorecht hat. Schon eine weit weniger weitgehende Wahlreform, die 2022 vom Europäischen Parlament vorgeschlagen wurde, scheiterte an der fehlenden Einstimmigkeit im Rat. Allerdings ließe sich das Tandemsystem so modifizieren, dass nationale Vetos umgangen werden können. Wie das geht, möchte ich im Folgenden darstellen.

Verstärkte Zusammenarbeit bei der Wahlrechtsreform?

Da nie ein einheitliches Europawahlrecht eingeführt wurde, ist es Aufgabe der Mitgliedstaaten, sich je ein eigenes Europawahlrecht zu geben. Ihre nationalen Gestaltungsspielräume begrenzen de facto die Einstimmigkeitserfordernis für Reformen auf EU-Ebene auf zwei Punkte:

  1. Veränderungen bei den Sitzkontingenten der Mitgliedstaaten im Europäischen Parlament, inklusive der Schaffung neuer Sitze für transnationale Listen (geregelt in einem Beschluss des Europäischen Rates) und
  2. gemeinsame Wahlgrundsätze, die die nationalen Europawahlrechte erfüllen müssen, zum Beispiel die Nutzung eines Verhältniswahlsystems (geregelt im EU-Direktwahlakt).

Dies beachtend könnte eine Staatengruppe auch allein voranschreiten, um Reformen beim EU-Wahlrecht umzusetzen. Zum einen könnte sie ihre nationalen Europawahlrechte mittels eines zwischenstaatlichen Vertrags stärker koordinieren und verzahnen. Mit einer qualifizierten Mehrheit im Rat könnte sie zum anderen auch den Mechanismus der verstärkten Zusammenarbeit nutzen.

Wie kann eine solcher Reformansatz aussehen?

Vor der Ausgestaltung eines gemeinsamen Wahlrechts muss bestimmt werden, welche Ziele mit der Reform erreicht werden sollen. Die momentane nationale Zersplitterung der Europawahlen führt zu zwei Problemen:

  • Zum einen beteiligen sich die Wähler:innen an der Wahl primär auf Basis ihrer nationalen Staatsbürgerschaft und nicht ihrer EU-Bürgerschaft. Der Einfluss ihrer Stimmen endet an der Grenze des eigenen Mitgliedslandes. Dies mindert das integrative Potential der Europawahlen.
  • Zum anderen gibt es derzeit keine Wahlgleichheit auf europäischer Ebene. Eine Stimme in einem kleinen Mitgliedstaat zählt deutlich mehr als eine Stimme in einem großen Mitgliedsland. Dies ist auf die „degressiv proportionale“ Sitzverteilung zwischen den Mitgliedstaaten zurückzuführen, die im EU-Vertrag vorgeschrieben ist.

Das „Tandemsystem“ für die europäische Sitzverteilung

Das „Tandemsystem“ von Friedrich Pukelsheim und Jo Leinen löst diese Probleme. Es stellt das gesamteuropäische Wahlergebnis in den Vordergrund, ohne die bisherigen Sitzkontingente der Mitgliedstaaten anfassen zu müssen. Dafür bilden jeweils die nationalen Mitgliedsparteien einer europäischen Partei eine Listenverbindung. Diese Listenverbindungen treten dann bei der Europawahl gegeneinander an. Jede EU-Bürger:in kreuzt auf dem Wahlzettel die nationale Parteiliste und damit auch die europäische Partei an, die sie präferiert. Mit allen europaweit abgegebenen Stimmen wird die Sitzverteilung auf die europäischen Parteien bestimmt. Erhält eine Partei europaweit 20% der Stimmen, so soll sie auch 20% der Sitze im Europäischen Parlament bekommen.

Nachdem die europäische Sitzverteilung bestimmt wurde, ermittelt der Ausgleichmechanismus in drei Schritten die nationalen Sitzverteilungen:

  1. In einem ersten, vorläufigen Schritt werden die Sitze den nationalen Parteien auf Basis der nationalen Wahlergebnisse zugeteilt, so wie im heutigen System.
  2. Erhält dabei eine europäische Listenverbindung aufgrund von Verzerrungen im Wahlrecht (z.B. aufgrund der degressiven Proportionalität) x Prozent Sitze mehr, als ihr bei direkt-proportionaler Verteilung zustehen, so werden ihr in jedem Mitgliedsland x Prozent der Sitze entzogen. Analog erhält sie x Prozent mehr Sitze je Land, sollten ihr diese europaweit fehlen.
  3. Wenn jetzt in einem Land y Prozent weniger Sitze verteilt worden sind, als dessen Sitzkontingent umfasst, so werden jeder Partei in dem Land y Prozent mehr Sitze gegeben. Analog gilt wieder der umgekehrte Fall.

Schritte 2 und 3 werden wiederholt, bis sowohl die europäische Sitzverteilung als auch die Sitzkontingente der Mitgliedstaaten richtig abgebildet werden.

Damit werden faktisch die Sitzkontingente zu einer Quote, die das Parlament als Ganzes zu erfüllen hat. Die europäischen Parteien sind dagegen weiterhin verstärkt über die Mitgliedsparteien vertreten, die in ihrem jeweiligen Land besonders gut abgeschnitten haben. Nationale Wahlergebnisse werden nur noch annähernd wiedergegeben, da die korrekte Abbildung des europäischen Wählerwillens Priorität hat.

Ein „partielles Tandemsystem“ mit Opt-out-Möglichkeit

Pukelsheim und Leinen gehen in ihren Publikationen zum Tandemsystem stets davon aus, dass alle Mitgliedstaaten sich daran beteiligen. Das wäre allerdings nicht zwingend notwendig. Tatsächlich könnte der Ausgleichsmechanismus so modifiziert werden, dass einigen Mitgliedstaaten ein Opt-out gewährt wird. Das Ergebnis wäre dann ein „partielles Tandemsystem“, in dem eine Gruppe von Mitgliedstaaten allein gewährleistet, dass die Sitzverteilung der europäischen Parteien im Europäischen Parlament auch deren europaweiter Stimmverteilung entspricht.

In diesen Opt-out-Staaten würde die Europawahl dann wie bisher stattfinden, und ihre nationale Sitzverteilung würde sich allein nach dem jeweiligen nationalen Wahlergebnis richten.  Dennoch beteiligen sich auch die EU-Bürger:innen aus den Opt-out-Staaten indirekt am partiellen Tandemsystem, denn die dortigen nationalen Parteien wären Teil der Listenverbindungen ihrer europäischen Parteifamilien. Die für sie abgegebenen Stimmen zählen für das Gesamtergebnis und die an sie verteilten Sitze sind beim Ausgleich zu berücksichtigen. Würde der Ausgleichsmechanismus die Opt-out-Staaten ignorieren, wäre die Gleichwertigkeit aller Stimmen europaweit nicht gegeben.

Voraussetzungen

Das (partielle) Tandemsystem kann nur funktionieren, wenn die europäischen Parteien mitspielen, denn der Ausgleichsmechanismus ist auf die klare Zuordnung nationaler Parteien zu Listenverbindungen angewiesen. So ist es grundsätzlich möglich, dass eine nationale Partei mehr Sitze bekommen könnte, wenn sie nicht Teil der Listenverbindung wird. Auch kann eine europäische Partei einen unfairen Vorteil erlangen, wenn ihre Listenverbindung nur die Mitgliedsparteien aus den reformwilligen Staaten umfasst. Gegen diese Probleme können jedoch Regelungen erlassen werden:

  • Alle Mitgliedsparteien einer registrierten europäischen Partei gehören zwingend zu einer Listenverbindung. Es sollte aber auch die Möglichkeit geben, dass europäische Parteien Nichtmitglieder in ihre Listenverbindung einladen, dass zwei oder mehrere europäische Parteien mit einer gemeinsamen Listenverbindung antreten oder dass eine Parteienfamilie, die nicht als europäische Partei registriert ist, eine Listenverbindung bildet.
  • Die Bildung der Listenverbindungen bringt nationale Parteien mit ähnlichen Werten und Zielen zusammen und nimmt damit vorweg, was bisher erst bei der Bildung der Fraktionen passiert. Als zusätzlicher Anreiz sollte daher auch der Zugang zum Fraktionsstatus an das gemeinsame Antreten als Listenverbindung geknüpft werden. Auch die Wahlkampferstattung und Parteienfinanzierung sollten sich am europäischen Ergebnis orientieren.
  • Alle nationalen Parteien ohne europäische Parteizugehörigkeit bilden eine gemeinsame technische Listenverbindung. Dies soll ein Anreiz sein, damit auch diese nationalen Einzelparteien sich einer europäischen Parteienfamilie anschließen oder eine neue europäische Partei gründen, welche dann eine eigene Listenverbindung registrieren kann.
  • Eine Listenverbindung darf nicht zum überwiegenden Anteil (z.B. 70%) Stimmen aus nur einem einzigen Mitgliedsland erhalten haben, andernfalls wird sie der technischen Listenverbindung zugerechnet.

Der Ausgleichsmechanismus beseitigt die im bisherigen Wahlrecht entstehenden Über- und Unterhänge. Sollte aber eine Listenverbindung (fast) ausschließlich in Opt-out-Staaten antreten, so kann der Ausgleich unter Umständen nur unvollständig erfolgen. Es sollten daher so wenig Staaten wie möglich ein Opt-out erhalten.

Was, wenn 2019 das partielle Tandemsystem gegolten hätte?

Im folgenden Beispiel soll gezeigt werden, welche Sitzverteilung sich bei der Europawahl 2019 mit dem partiellen Tandemsystem ergeben hätte. Dabei wird angenommen, dass sich nur die sechs EG-Gründungsländer sowie Polen, Spanien und Portugal an dem partiellen Tandemsystem beteiligen würden. Außerdem sind für die Berechnung noch einige zusätzliche Annahmen nötig, die unter der Tabelle aufgelistet sind.

Das partielle Tandemsystem unterscheidet nicht zwischen Mandaten, die über das nationale Ergebnis gewonnen wurden, und solchen, die nur Ausgleichsmandate sind. Dennoch lässt sich nachträglich eine ungefähre Differenzierung bestimmen, indem man betrachtet, um wie viele Sitze das nationale Sitzkontingent der am System beteiligten Länder verringert werden muss, bis eine rein national bestimmte Sitzverteilung sich als Teil der Tandemsitzverteilung ergibt. Der andere Teil der Sitze der betreffenden Länder sind entsprechend Ausgleichsmandate. Dabei werden in der Tabelle nur die Parteien außerhalb der technischen Listenverbindung berücksichtigt. Eine solche differenzierte Betrachtung vereinfacht auch den Vergleich mit einem System, in dem der Verhältnisausgleich mittels transnationaler Listen umgesetzt wird.



EVP SPE RE ID EGP EKR Linke EFA APEU techn.
Liste
AT nationale Sitze 7 5 1 3 3




BE* nationale Sitze 2 3 3 2 3
1 3

Ausgleich


1 1
1 1

BG nationale Sitze 7 4 3 1
1


1
HR nationale Sitze 4 3 1





4
CY nationale Sitze 2 1



2

1
CZ nationale Sitze 5
6 2
4 1

3
DK nationale Sitze 1 3 6 1 2
1


EE nationale Sitze 1 2 3 1





FI nationale Sitze 4 2 3 2 2
1


FR* nationale Sitze 6 4 19 18 10
7


Ausgleich
1
7 4
7
2
DE* nationale Sitze 24 13 6 9 17
5
1
Ausgleich
4 1 6 8
1
1
EL nationale Sitze 9 2


1 7

2
HU nationale Sitze 13 5 2





1
IE nationale Sitze 5
2
2



4
IT* nationale Sitze 6 15
22
4


7
Ausgleich
3 2 12 2
2
1
LV nationale Sitze 2 2


2


2
LT nationale Sitze 2 2 2





5
LU* nationale Sitze 1 1 1
1




Ausgleich



1 1



MT nationale Sitze 2 4







NL* nationale Sitze 4 6 7 1 3


1 3
Ausgleich
1
1 2




PL* nationale Sitze 18 4


26


2
Ausgleich 1 1







PT* nationale Sitze 6 8 1


4
1
Ausgleich





1


RO nationale Sitze 14 10 9






SK nationale Sitze 4 3 3

2


2
SI nationale Sitze 4 2 2






ES* nationale Sitze 10 17 8

3 5 3

Ausgleich
5 1


2 4 1
SE national seats 6 5 3
3 3 1


gesamt nationale Sitze 169 126 91 62 46 46 29 6 3 37
Ausgleich 1 15 4 27 18 1 14 5 5
gesamt 170 141 95 89 64 47 43 11 8 37
alt gesamt 184 131 95 73 47 51 33 12 3 73


EVP SPE RE ID EGP EKR Linke EFA APEU techn.
Liste
Länder, die in der Beispielrechnung am partiellen Tandemsystem teilnehmen, sind mit einem Asterisk (*) markiert. Die Zeile „alt gesamt“ stellt die tatsächliche Sitzverteilung von 2019 dar (bezogen auf die Parteien in den hypothetischen Listenverbindungen) und verdeutlicht damit, wie sich das Kräfteverhältnis durch das Tandemsystem verschoben hätte. Datengrundlage sind die Wikipedia-Seiten zur Europawahl 2019. Annahmen für die Berechnung: 1. Die europaweite Sitzverteilung wird nach der d’Hondt-Methode bestimmt, da die meisten Mitgliedsländer diese Methode momentan nutzen. 2. Grundsätzlich tritt jede europäische Parteienfamilie mit einer eigenen Listenverbindung an. Ausnahmen: ALDE, EDP sowie die französische Partei LREM bilden eine gemeinsame Listenverbindung (Renew Europe, RE); EL und die Parteienallianz „Now the People“ bilden eine gemeinsame Listenverbindung (Linke). 3. Für Listenverbindungen gilt eine europäische Sperrklausel von 1% (2019 rund 1,8 Mio. Stimmen europaweit). Da der europäische Direktwahlakt eine maximale nationale Sperrhürde von 5% vorgibt, werden bei der Sitzvergabe aber auch nationale Parteien berücksichtigt, die in ihrem Land mehr als 5% der Stimmen bekommen haben, auch wenn ihre Listenverbindung an der Sperrhürde gescheitert ist. – Es gibt einen Online-Rechner, um andere Annahmen auszuprobieren. Der Zugang dazu ist auf Anfrage beim Autor erhältlich.

In der realen Sitzverteilung von 2019 waren SPE, EGP, Linke und ID im Vergleich zu ihrer europaweiten Stimmenzahl unterrepräsentiert. Diese vier Parteien hätten also mit einem Tandemsystem zusätzliche Sitze gewonnen. Wie sich diese Ausgleichsmandate auf die Mitgliedsländer verteilen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zu einem Ausgleich zwischen zwei europäischen Parteien kann es nur in Ländern kommen, in denen beide Parteien vertreten sind. Die ID-Partei konzentriert sich stark auf Deutschland, Frankreich und Italien, weshalb der Ausgleich dort passiert und nicht in Polen, wo sie nicht vertreten ist. SPE, EGP und Linke haben in mehr Staaten Mitgliedsparteien, sodass der Ausgleich sich breiter verteilen kann.

In Ländern, in denen viele europäische Parteien aktiv sind, werden tendenziell mehr Sitze umverteilt, da es hier mehr umkämpfte Sitze gibt. In Luxemburg fehlten beispielsweise den Grünen nur 2,2 Prozentpunkte für den zweiten Sitz; der Ausgleichmechanismus des Tandemsystems spricht ihnen diesen zu, weil so nur eine minimale Verzerrung der Sitzverteilung entsteht. In Italien wird auch das im Parlament vertretene Parteienspektrum größer, weil mit dem Tandemsystem weniger Parteien an der nationalen Sperrhürde scheitern; somit werden auch mehr italienische Wähler:innen im Parlament vertreten.

Im Vergleich mit der tatsächlichen Sitzverteilung 2019 hätte die EVP als einzige große Partei mit dem Tandemsystem weniger Sitze erhalten. Das lag am besseren Abschneiden in kleinen als in großen Mitgliedstaaten. Ihre Mitgliedsparteien in Polen und Spanien erreichen mittlerweile in nationalen Umfragen aber wieder bessere Werte, sodass für die EVP der Sitzverlust durch das Tandemsystem heute geringer ausfallen würde bzw. auch für sie ein Sitzzugewinn möglich wäre.

Die Debatte wird weitergehen

Momentan dominieren transnationale Listen die Debatte einer europäischen Wahlrechtsreform. Für sie hat sich das Europäische Parlament 2022 ausgesprochen. Der Widerstand im Rat scheint aber wieder unüberwindlich groß. Es ist daher sinnvoll, auch über Alternativen laut nachzudenken.

Die Jungen Europäischen Föderalist:innen (JEF) Deutschland haben deshalb 2023 das partielle Tandemsystem in ihre Beschlusslage aufgenommen. Es fungiert als Plan B, sollte der Ministerrat transnationale Listen dauerhaft ablehnen. Tandemsystem und transnationale Listen schließen einander auch nicht aus. Das partielle Tandemsystem gibt Reformbefürworter:innen einen neuen Trumpf auf die Hand, und zeigt, dass die Reformgegner:innen nicht allein die Spielregeln bestimmen.

Bilder: EP-Plenum: European External Action Service [CC BY-NC-ND 2.0], via Flickr; Porträt Clemens Hoffmann: privat [alle Rechte vorbehalten].

How to introduce a common European electoral law without unanimity in the Council

By Clemens Hoffmann
Plenary of the European Parliament
Many attempts to improve the EU electoral law have failed due to national vetoes. But the “tandem system” could also be introduced without unanimity.

A reform of the European electoral law is long overdue in order to finally overcome national fragmentation and the lack of transnational electoral equality. One reform approach that addresses these problems is the “tandem system” developed by Friedrich Pukelsheim and Jo Leinen. Under this system, the European parties compete against each other in the European elections via their national member parties and a levelling mechanism ensures that each European party’s seat share corresponds to its Europe-wide vote share, despite the fact that member states’ seat quotas remain in place.

However, Pukelsheim and Leinen’s tandem system is likely to be opposed by some member states. This makes it difficult to introduce the system through a reform of the EU direct elections act, in which each member state has a right of veto under Art. 223 TFEU. Even a far less far-reaching electoral reform that was proposed by the European Parliament in 2022 failed due to a lack of unanimity in the Council. However, the tandem system could be modified in a way that would allow national vetoes to be bypassed. Let me explain how.

Enhanced cooperation on electoral law reform?

Since a unified European electoral system has never been introduced, it is up to each member state to adopt its own European elections law. Their national authority thus de facto limits the unanimity requirement for reforms at EU level to two points:

  1. changes to the national seat quotas within the European Parliament, including the creation of new seats for transnational lists (regulated in a European Council decision) and
  2. the common electoral principles that national European elections laws must respect, such as the use of proportional representation (regulated in the EU Direct Elections Act).

Taking this into account, a group of states could proceed on its own to implement reforms to EU electoral law. On the one hand, they could coordinate and dovetail their national European electoral laws more closely through an intergovernmental treaty. On the other hand, with a qualified majority in the Council, they could also utilise the mechanism of enhanced cooperation.

What could such a reform approach look like?

Before designing a common electoral law, it must be determined which objectives are to be achieved with the reform. The current national fragmentation of European elections leads to two problems:

  • Firstly, voters participate in the election primarily on the basis of their national citizenship and not their EU citizenship. The impact of their votes ends at the border of their own member state. This reduces the integrative potential of European elections.
  • Secondly, there is currently no electoral equality at European level. A vote in a small member state counts significantly more than a vote in a large member state. This is due to the “degressively proportional” apportionment of seats to the member states, which is prescribed in the EU Treaty.

The “tandem system” for the distribution of European seats

The “tandem system” by Friedrich Pukelsheim and Jo Leinen solves these problems. It emphasises the pan-European election result without having to touch the existing seat apportionment to the member states. For the tandem system, the national member parties of a European party form connected electoral lists. These list coalitions then compete against each other in the European elections. Each EU citizen marks the national party list and thus also the European party that they prefer on the ballot paper. The distribution of seats among the European parties is determined by the proportion of all votes cast across Europe. If a party receives 20% of the votes across Europe, it should also receive 20% of the seats in the European Parliament.

Once the EU-wide seat distribution has been determined, the levelling mechanism calculates the distribution of seats for each member states in three steps:

  1. In a first, preliminary step, seats are allocated to national parties based on the national election results, as they are today.
  2. If, due to distortions in the electoral law (e.g. due to degressive proportionality), a European list coalition has received x per cent more seats than it is entitled to under direct-proportional distribution, its number of seats is reduced by x per cent in each member state. Similarly, if a party lacks seats in comparison to its EU-wide seat entitlement, it receives an additional x per cent more seats per country.
  3. If now y per cent fewer seats have been allocated in a member state than corresponds to its seat quota, the seat number of each party in that country is increased by y per cent. Vice versa, if to many seats have been allocated in a member state, the seat number of each party is reduced by y per cent.

Steps 2 and 3 are repeated until both the EU-wide seat distribution and the seat apportionment to the member states are correctly reflected.

This effectively turns the seat apportionment into a quota that the Parliament has to fulfil as a whole. The European parties, on the other hand, are still represented mostly by the national member parties that have performed particularly well in their respective countries. National election results are only approximated, as the correct representation of the will of the European electorate takes priority.

A “partial tandem system” with an opt-out option

In their publications on the tandem system, Pukelsheim and Leinen always assume that all member states will participate. However, this is not strictly necessary. In fact, the levelling mechanism could be modified in such a way that some member states are granted an opt-out. The result would then be a “partial tandem system”, in which a group of member states alone would ensure that the seat share of each European party in the European Parliament corresponds to its EU-wide vote share.

In the opt-out states, the European elections would then take place as today, and their distribution of seats among its national parties would be based solely on the respective national election results. Nevertheless, EU citizens from the opt-out states would also participate indirectly in the partial tandem system, as the national parties there would be part of the list coalitions of their European party families. The votes cast in their favour would count for the European result and the seats allocated to them would be accounted for in the levelling mechanism. If the levelling mechanism were to ignore the opt-out states, all votes would not be counted equally across Europe.

Prerequisites

The (partial) tandem system can only work if the European parties play along, as the levelling mechanism depends on a clear allocation of national parties to list coalitions. Under certain circumstances, it is possible that a national party could gain more seats if it is not part of the list coalition. Similarly, a European party might also gain an unfair advantage if its list coalition only includes member parties from the opt-in states. However, rules can be adopted to address these problems:

  • All member parties of a registered European party mandatorily belong to one list coalition. However, it should also be possible for European parties to invite non-members to join their list coalition, for two or more European parties to stand as a joint list coalition, or for a party family that is not registered as a European party to form a list coalition.
  • The formation of list coalitions brings together national parties with similar values and objectives, thus anticipating what has so far only happened when the political groups were formed. As an additional incentive, access to group status in the European Parliament should therefore be linked to running a joint candidacy as a list coalition. Public election campaign refunding and party financing should also be based on the European result.
  • All national parties without a European party affiliation form a joint “technical list coalition”. This should be an incentive for these individual national parties to join a European party family or to found a new European party, which can then register its own list coalition.
  • A list coalition must not receive the majority of votes (e.g. 70%) from only one member state, otherwise it will automatically be included in the technical list coalition.

The levelling mechanism eliminates the over- and underhang seats that exist in the current electoral system. However, if a list coalition runs (almost) exclusively in opt-out states, the levelling may not be complete. As few states as possible should therefore be given an opt-out.

What if a partial tandem system had been in place in 2019?

The following example shows what the distribution of seats would have been in the 2019 European elections with the partial tandem system. It is assumed that only the six EC founding countries as well as Poland, Spain and Portugal would participate in the partial tandem system. The calculation also requires some additional assumptions, which are listed below the table.

The partial tandem system does not differentiate between seats won via the national result and those that are only levelling mandates. Nevertheless, an approximate differentiation can be determined retrospectively by considering by how many seats the national seat quota of opt-in countries must be reduced until a purely nationally determined seat distribution results as part of the tandem seat distribution. The other part of the seats of the countries concerned are correspondingly “levelling seats”. Only the parties outside the technical list coalition are taken into account for this differentiation. Such a differentiated view also simplifies the comparison with a system in which proportional representation at the EU level is implemented by means of transnational lists.



EPP PES RE ID EGP ECR Left EFA APEU
technical
list
AT national seats 7 5 1 3 3
BE* national seats 2 3 3 2 3
1 3
levelling seats
1 1
1 1
BG national seats 7 4 3 1
1 1
HR national seats 4 3 1
4
CY national seats 2 1
2
1
CZ national seats 5
6 2
4 1
3
DK national seats 1 3 6 1 2
1

EE national seats 1 2 3 1
FI national seats 4 2 3 2 2
1
FR* national seats 6 4 19 18 10
7
levelling seats
1
7 4
7
2
DE* national seats 24 13 6 9 17
5
1
levelling seats
4 1 6 8
1
1
EL national seats 9 2
1 7
2
HU national seats 13 5 2
1
IE national seats 5
2
2
4
IT* national seats 6 15
22
4
7
levelling seats
3 2 12 2
2
1
LV national seats 2 2
2
2
LT national seats 2 2 2
5
LU* national seats 1 1 1
1

levelling seats
1 1
MT national seats 2 4
NL* national seats 4 6 7 1 3
1 3
levelling seats
1
1 2
PL* national seats 18 4
26
2
levelling seats 1 1

PT* national seats 6 8 14
1
levelling seats
1
RO national seats 14 10 9
SK national seats 4 3 3
2
2
SI national seats 4 2 2
ES* national seats 10 17 8
3 5 3
levelling seats
5 1 2 4 1
SE national seats 6 5 3
3 3 1
Total national seats 169 126 91 62 46 46 29 6 3 37
levelling seats 1 15 4 27 18 1 14 5 5
total seats 170 141 95 89 64 47 43 11 8 37
Old total 184 131 95 73 47 51 33 12 3 73


EPP PES RE ID EGP ECR Left EFA APEU
technical
list
Countries that participate in the partial tandem system in the calculation example are marked with an asterisk (*). The “Old total” row shows the actual distribution of seats in 2019 (for each of the hypothetical list coalitions) and thus illustrates how the balance of power would have shifted as a result of the tandem system. Data base: Wikipedia pages on the 2019 European elections. Assumptions for the calculation: 1. The European distribution of seats is determined according to the d’Hondt method, which is currently used by most member states. 2. In principle, each European party family runs with its own list coalition. Exceptions: ALDE, EDP and the French party LREM form a joint list coalition (Renew Europe, RE); EL and the party alliance “Now the People” form a joint list coalition (Left). 3. A European threshold of 1% applies to list coalitions (around 1.8 million votes across Europe in 2019). However, as the EU Direct Elections Act stipulates a maximum national threshold of 5%, national parties that received more than 5% of the vote in their country are also taken into account when allocating seats, even if their list coalition failed to meet the threshold. – Access to an online calculator that allows to experiment with other assumptions is available on request from the author.

In the actual seat distribution of 2019, the PES, EGP, Left and ID were under-represented compared to their EU-wide vote totals. These four parties would therefore have won additional seats with a tandem system. How these levelling seats are distributed among the member states depends on various factors. Levelling between two European parties can only occur in countries where both parties are represented. The ID party is strongly focussed on Germany, France, and Italy, which is why the levelling would have happened there and not in Poland, where it is not represented. The PES, EGP and Left have member parties in more countries, so the levelling could have been spread more widely.

In countries where many European parties are active, more seats tend to be redistributed, as there are more contested seats. In Luxembourg, for example, the Greens were only 2.2 percentage points short of the second seat; the levelling mechanism of the tandem system awards them this seat because that only minimally distorts the distribution of seats. In Italy, the range of parties represented in Parliament would have increased because with the tandem system fewer parties would have failed to meet the national threshold, meaning that more Italian voters would have been represented in Parliament.

Compared to the actual 2019 seat distribution, the EPP would have been the only major party to receive fewer seats with the tandem system. This was because it performed better in smaller than in larger member states. By today, however, the EPP member parties in Poland and Spain have recovered in the national polls, meaning that the EPP overall would lose less, or even gain, seats with the tandem system.

The debate will continue

Transnational lists are currently dominating the debate on European electoral law reform. The European Parliament has spoken out in favour of them in 2022. However, resistance in the Council once again seems insurmountable, and it makes sense to think out loud about alternatives.

The Young European Federalists (JEF) Germany have therefore passed a resolution on the partial tandem system in 2023. It acts as a plan B should the Council of Ministers permanently reject transnational lists. The tandem system and transnational lists are also not mutually exclusive. The partial tandem system gives reform supporters a new option and shows that the opponents of reform are not the only ones who determine the rules of the game.

Pictures: EP plenary: European External Action Service [CC BY-NC-ND 2.0], via Flickr; portrait Clemens Hoffmann: private [all rights reserved].