Roadmap Europawahl 2019

Dieser Text wird in unregelmäßigen Abständen aktualisiert. Letztes Update: 20. März 2019.

Das Rennen ist eröffnet. Aber der Weg zur neuen EU-Kommission ist noch weit.
Die Tage der Kommission Juncker sind gezählt: Am 26. Mai wählen die europäischen Bürgerinnen und Bürger ein neues Europäisches Parlament, das im Herbst 2019 über die nächste Europäische Kommission abstimmen wird. Auch in der Frage, wer Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsident beerben wird, stehen die Namen der ersten Bewerber bereits fest. Für die europäischen Sozialdemokraten geht Frans Timmermans ins Rennen, für die Europäische Volkspartei Manfred Weber.

Doch bis einer von ihnen tatsächlich als neuer Chef ins Brüsseler Berlaymont-Gebäude einziehen kann, ist der Weg noch weit. Dabei gilt es, in drei Etappen die Nase vorn zu haben: In der Vorwahl-Saison nominieren die europäischen Parteien ihre Spitzenkandidaten und verabschieden ihre Wahlprogramme. Im Frühjahr 2019 folgt der eigentliche Wahlkampf, in dem sich die Bewerber der europäischen Bevölkerung vorstellen. Wirklich entschieden wird das Rennen um die Kommissionspräsidentschaft jedoch erst nach der Wahl – wenn es darum geht, sich sowohl im Europäischen Parlament als auch unter den Staats- und Regierungschefs im Europäischen Rat eine Mehrheit zu sichern.

Hier ein Überblick über die wichtigsten Stationen und Termine in zeitlicher Reihenfolge. Um direkt zu dem aktuell nächsten Schritt zu springen, klicken Sie bitte hier.

Die Vorwahl-Saison

Wer Kommissionspräsident werden will, tut gut daran, sich zuvor von seiner europäischen Partei zum Spitzenkandidaten nominieren zu lassen: In einer Resolution von Februar 2018 hat das Europäische Parlament gewarnt, dass es „bereit ist, jeden Kandidaten abzulehnen, der im Vorfeld der Wahl zum Europäischen Parlament nicht als Spitzenkandidat benannt wurde“. Das genaue Verfahren und der Zeitplan dieser Spitzenkandidaten-Nominierungen unterscheiden sich allerdings je nach Partei. Parallel dazu verabschieden die europäischen Parteien auch ihre – meist als „Manifesto“ bezeichneten – europaweiten Wahlprogramme. Die Vorwahl-Saison ist bereits im vollen Gange und dauert noch bis Februar oder März 2019 an.


19.-20. Oktober 2018:
Allianz der Konservativen und Reformer in Europa (AKRE)

Ausrichtung: nationalkonservativ-europaskeptisch
Mitgliedsparteien: u.a. PiS (Polen), ODS (Tschechien)
Fraktion: EKR (derzeit 75 Sitze)
Spitzenkandidat
Nominiert: Jan Zahradil (Tschechien), Europaabgeordneter und AKRE-Parteichef
Wann und wo: Parteirat in Chisinau, 19./20. Oktober 2018
Verfahren: Wahl durch Delegierte der nationalen Mitgliedsparteien und der AKRE-Unterorganisationen
Anmerkung: Die AKRE lehnt das Spitzenkandidaten-Verfahren grundsätzlich ab, tritt aber – anders als noch bei der letzten Europawahl 2019 – mit einem eigenen Spitzenkandidaten an, um ihre Sichtbarkeit im Wahlkampf erhöhen. Da der Deutsche Hans-Olaf Henkel Ende September seine Bewerbung um die Spitzenkandidatur zurückzog und aus der Partei austrat, blieb Zahradil vor dem Parteirat in Chisinau als einziger Bewerber übrig.
Wahlprogramm
Präsentation: Kampagnenauftakt, 28. Oktober 2018
Volltext: PDF (Englisch)
Anmerkung: Bei dem Wahlprogramm handelt es sich offiziell um das Programm des Spitzenkandidaten Jan Zahradil, nicht um ein gemeinsames Programm der Partei AKRE.


7.-8. November 2018:
Europäische Volkspartei (EVP)

Ausrichtung: christdemokratisch-konservativ
Mitgliedsparteien: u.a. CDU/CSU (Deutschland), PO (Polen), PP (Spanien), Fidesz (Ungarn)
Fraktion: EVP (derzeit 217 Sitze)
Spitzenkandidat
Nominiert:
Manfred Weber (Deutschland), EVP-Fraktionschef
Wann und wo: Parteikongress in Helsinki, 7./8. November 2018
Verfahren: Wahl durch 734 Delegierte der nationalen Mitgliedsparteien und der EVP-Unterorganisationen (z.B. Jugendverband YEPP)
Anmerkung: Auf dem Kongress setzte sich Weber mit 492 Delegiertenstimmen (ca. 79%) gegen den früheren finnischen Ministerpräsidenten Alexander Stubb durch.
Wahlprogramm
Verabschiedung: voraussichtlich Frühjahr 2019


23.-25. November 2018:
Europäische Grüne Partei (EGP)

Ausrichtung: grün
Mitgliedsparteien: u.a. Grüne (Deutschland), EELV (Frankreich), GroenLinks (Niederlande)
Fraktion: Grüne/EFA (derzeit 52 Sitze)
Spitzenkandidaten
Nominiert:
Ska Keller (Deutschland), G/EFA-Fraktionschefin
Bas Eickhout (Niederlande), Europaabgeordneter
Wann und wo:
Parteitag in Berlin, 23.-25. November 2018
Verfahren: Wahl durch 108 Delegierte der nationalen Mitgliedsparteien sowie EGP-Unterorganisationen (z.B. Jugendverband FYEG). Die EGP ernennt zwei Spitzenkandidaten, darunter mindestens eine Frau. Eine offene europaweite Online-Vorwahl wie 2014 gibt es diesmal nicht.
Anmerkung: Von den zunächst vier Bewerbern um die Spitzenkandidatur erhielt Atanas Schmidt (Bulgarien) nicht die nötige Unterstützung durch fünf nationale EGP-Mitgliedsparteien und schied deshalb aus dem Verfahren aus. Auf dem Parteitag in Berlin setzten sich Keller und Eickhout in der Abstimmung gegen die dritte Bewerberin, die belgische Senatorin Petra de Sutter, durch.
Wahlprogramm
Verabschiedung: Parteitag in Berlin, 23.-25. November 2018
Volltext: PDF (Langversion, Englisch)
PDF (Kurzversion, Englisch)


26.-27. Januar 2019:
Europäische Linke (EL)

Ausrichtung: links
Mitgliedsparteien: u.a. Die Linke (Deutschland), Syriza (Griechenland), IU (Spanien)
Fraktion: GUE/NGL (derzeit 52 Sitze)
Spitzenkandidaten
Nominiert:
Violeta Tomič (Slowenien), Mitglied des slowenischen Parlaments
Nico Cué (Belgien), ehemaliger Generalsekretär der belgischen Metallgewerkschaft
Wann und wo: Parteivorstandstreffen in Brüssel, 26./27. Januar 2019
Verfahren: Die Spitzenkandidaten wurden vom 41-köpfigen Parteivorstand ernannt.
Anmerkung: Da einzelne Mitgliedsparteien das Verfahren ablehnten, war lange Zeit unklar, ob die Europäische Linke tatsächlich einen oder mehrere Spitzenkandidaten ernennen würde. Ein Parteibeschluss Ende September 2018 übertrug die Entscheidung darüber auf den Parteivorstand. Vorschläge für die Spitzenkandidatur konnten die Mitgliedsparteien bis zum 16. November 2018 einreichen, wobei auch „Persönlichkeiten außerhalb der Europäischen Linken“ in Frage kommen sollten.
Wahlprogramm
Verabschiedung: Parteivorstandstreffen in Brüssel, 26./27. Januar 2019


7.-8. Dezember 2018 / 23. Februar 2019:
Sozialdemokratische Partei Europas (SPE)

Ausrichtung: sozialdemokratisch
Mitgliedsparteien: u.a. SPD (Deutschland), PSOE (Spanien), PD (Italien), PSD (Rumänien)
Fraktion: S&D (derzeit 187 Sitze)
Spitzenkandidat
Nominiert: Frans Timmermans (Niederlande), Erster Vizepräsident der Europäischen Kommission
Wann und wo:
Parteikongress in Lissabon, 7./8. Dezember 2018
Verfahren: Nach einem im Sommer 2018 beschlossenen Wahlverfahren sollten vor dem Parteikongress auch die Mitglieder der nationalen Mitgliedsparteien an der Vorwahl beteiligt werden. Dieses Mitgliedervotum sollte für die Kongressdelegierten bindend sein.
Anmerkung: Das vorgesehene Verfahren entfiel, da bis auf Timmermans alle Kandidaten – Christian Kern (Österreich) und Maroš Šefčovič (Slowakei) – ihre Bewerbung zurückzogen. Timmermans stand damit bereits im November 2018 als Spitzenkandidat fest und wurde auf dem Kongress nur formal bestätigt.
Wahlprogramm
Verabschiedung: Parteikongress in Madrid am 23. Februar 2019
Volltext: PDF (Deutsch),
Links zum Volltext in weiteren Sprachen
Anmerkung: Als Grundlage für das Wahlprogramm verabschiedete die SPE auf dem Kongress im Dezember 2018 acht weitere inhaltliche Resolutionen.


6.-9. März 2019:
Europäische Freie Allianz (EFA)

Ausrichtung: regionalistisch/separatistisch
Mitgliedsparteien: u.a. N-VA (Belgien/Flandern), ERC (Spanien/Katalonien), BNG (Spanien/Galicien), SNP (Großbritannien/Schottland)
Fraktion: Grüne/EFA (derzeit 52 Sitze)
Spitzenkandidat
Nominiert:
Oriol Junqueras (Spanien), Mitglied des katalanischen Regionalparlaments und früherer katalanischer Vizepräsident
Wann und wo:
Parteitag in Brüssel, 6.-9. März 2019
Verfahren: Wahl durch gut 100 Delegierte der nationalen Mitgliedsparteien.
Anmerkung: Die EFA bildet mit den europäischen Grünen eine Fraktionsgemeinschaft. Anders als bei der Europawahl 2014 tritt sie diesmal aber mit einem eigenen Spitzenkandidaten an. Die Mitgliedsparteien konnten dafür bis zum 1. Februar 2019 Bewerber nominieren. Einziger Kandidat war Oriol Junqueras, der sich derzeit in Untersuchungshaft befindet, da ihm verschiedene Delikte in Zusammenhang mit dem katalanischen Unabhängigkeitsreferendum 2017 vorgeworfen werden. Junqueras ist gleichzeitig auch Spitzenkandidat seiner Partei ERC für die spanische nationale Parlamentswahl am 28. April.
Wahlprogramm
Verabschiedung: Parteitag in Brüssel, 6.-9. März 2019
Volltext: PDF (Englisch)


8.-11. November 2018 / 21. März 2019:
Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE)

Ausrichtung: liberal
Mitgliedsparteien: u.a. FDP (Deutschland), Ciudadanos (Spanien), ANO (Tschechien), VVD (Niederlande)
Fraktion: ALDE (derzeit 68 Sitze)
Wahlkampfteam
Bewerber:
Nicola Beer (Deutschland), Mitglied des Bundestags
Emma Bonino (Italien), Mitglied des italienischen Senats
Violeta Bulc (Slowenien), Verkehrskommissarin
Katalin Cseh (Ungarn), Ärztin
Luis Garicano (Spanien), Ökonom, ALDE-Vizeparteichef
Guy Verhofstadt (Belgien), ALDE-Fraktionschef
Margrethe Vestager (Dänemark), Wettbewerbskommissarin
Wann und wo: Treffen der ALDE-Parteispitzen (Pre-Summit), 21. März 2019
Verfahren: ALDE-Parteichef Hans van Baalen schlägt ein mindestens siebenköpfiges „Wahlkampfteam“ vor, das auf einem Pre-Summit formal bestätigt wird. Bei dem Pre-Summit handelt es sich um das regelmäßig am Vorabend des Europäischen Rates stattfindende Treffen der zur ALDE gehörenden Regierungschefs und Kommissionsmitglieder. Am 21. März nehmen zusätzlich auch die Vorsitzenden aller nationalen Mitgliedsparteien teil.
Anmerkung: Mit diesem Verfahren weicht die ALDE von ihrem im Mai 2018 beschlossenen Zeitplan ab, der die Ernennung eines einzelnen Spitzenkandidaten auf einem Parteikongress Ende Februar vorsah. Die Entscheidung, stattdessen ein mehrköpfiges Team zu nominieren, erfolgte mit einem Parteibeschluss am 9. November 2018. Dieser galt auch als Zugeständnis an die französische Regierungspartei LREM, mit der die ALDE nach der Europawahl eine gemeinsame Fraktion bilden will und die das Spitzenkandidaten-Verfahren strikt ablehnt. Die Ernennung des Wahlkampfteams sollte zunächst auf dem ALDE-Parteikongress in Berlin am 9. Februar 2019 erfolgen, wurde dann aber auf den Pre-Summit am 21. März verschoben. Einige Tage vor dem Pre-Summit wurden die Namen der sieben von der ALDE-Spitze vorgeschlagenen Mitglieder des Spitzenteams öffentlich bekannt.
Wahlprogramm
Verabschiedung: Parteikongress in Madrid, 8.-11. November 2018
Volltext: PDF (Englisch)


Frühjahr 2019 (?):
Bewegung für ein Europa der Nationen und der Freiheit (BENF)

Ausrichtung: rechtsaußen
Mitgliedsparteien: u.a. Lega (Italien), RN (Frankreich), FPÖ (Österreich)
Fraktion: ENF (derzeit 37 Sitze)
Spitzenkandidat
Bewerber: offen
Wann und wo:
offen
Verfahren: offen
Anmerkung: Die Rechtsaußen-Parteien nominierten 2014 noch keinen gemeinsamen Kandidaten. Für 2019 hat der italienische Innenminister Matteo Salvini öffentlich Interesse an einer Kandidatur gezeigt. Ob die BENF tatsächlich einen Spitzenkandidaten ernennen wird, steht allerdings nicht fest.
Wahlprogramm
Anmerkung: Ob die BENF ein Wahlprogramm verabschiedet, ist noch unklar. 2014 gab es kein gemeinsames Wahlprogramm der Rechtsaußen-Parteien.


Der Wahlkampf

In der Vergangenheit wurden Europawahlkämpfe vor allem auf nationaler Ebene ausgetragen – und es ist damit zu rechnen, dass das auch diesmal wieder der Fall sein wird. Doch auch den europäischen Spitzenkandidaten wird in dieser Zeit nicht langweilig werden. Einige Ereignisse in den Wochen vor der Wahl dürften europaweit Widerhall finden und den Wahlkampf beeinflussen.


29. März 2019: 
Brexit (oder nicht?)

Großbritannien wird – Stand jetzt – am 29. März 2019 aus der EU austreten. Mit dem Brexit tritt eine Reform der nationalen Sitzkontingente im Europäischen Parlament in Kraft: Von den 73 britischen Sitzen werden 27 auf andere EU-Staaten umverteilt. Die übrigen 46 bleiben unbesetzt, sodass die Gesamtgröße des Parlaments von 751 auf 705 Abgeordnete schrumpft.
Sollte der Brexit aber bis nach der Europawahl verschoben werden, bleibt es bei der bisherigen Sitzverteilung. In manchen Mitgliedstaaten könnte dies zu Problemen bei der Wahlorganisation führen, insbesondere in Irland, wo wegen der zusätzlichen Sitze bereits die Wahlkreise neu zugeschnitten wurden. Auch Großbritannien selbst würde in diesem Fall wohl noch einmal eine Europawahl durchführen. Dies könnte sich auch auf das Kräftegleichgewicht im Europäischen Parlament auswirken: In Großbritannien sind europaskeptische Parteien überdurchschnittlich stark, die EVP hingegen überhaupt nicht vertreten.
Falls sich der Brexit allerdings nur um wenige Monate verschiebt, könnte es auch sein, dass Großbritannien auf die Durchführung der Europawahl verzichtet. Eine solche Lösung wäre allerdings nur möglich, wenn der Brexit spätestens bis zur Konstituierung des neuen Europäischen Parlaments Anfang Juli vollzogen ist. Eine weitere Verschiebung des Brexit – die dazu führen würde, dass Großbritannien zwar Mitglied, aber nicht mit Abgeordneten im Europäischen Parlament vertreten ist – dürfte nicht mit dem EU-Vertrag vereinbar sein.


9. Mai 2019:
Europäischer Rat in Sibiu

Zweieinhalb Wochen vor der Wahl wollen die nationalen Staats- und Regierungschefs im rumänischen Sibiu über ihre „Strategische Agenda für 2019-2024“ beraten. Dieses symbolisch aufgeladene, gezielt auf den Europatag am 9. Mai gelegte Treffen soll Einigkeit und eine positive Aufbruchstimmung signalisieren. Es könnte allerdings auch europaskeptischen Regierungschefs eine Bühne bieten, um sich von ihren europafreundlicheren Amtskollegen abzugrenzen.


15. Mai 2019:
Fernsehdebatte

Wie bereits 2014 wird die Europäische Rundfunkunion EBU (bekannt als Produzentin des Eurovision Song Contest) auch 2019 wieder eine Fernsehdebatte mit den Spitzenkandidaten aller europäischen Parteien organisieren. Es bleibt jedoch den an der EBU beteiligten nationalen Rundfunkanstalten selbst überlassen, ob (und auf welchem Kanal) sie die Debatte ausstrahlen.
Zudem könnte es weitere, von nationalen Sendern organisierte Fernsehdebatten geben. Möglich wäre beispielsweise wie bereits 2014 ein deutschsprachiges TV-Duell zwischen den beiden aussichtsreichsten Kandidaten, da sowohl Manfred Weber als auch Frans Timmermans fließend Deutsch sprechen. Konkrete Pläne in dieser Hinsicht sind allerdings noch nicht bekannt.


23.-26. Mai 2019:
Europawahl

Wie üblich findet die Europawahl nach Mitgliedstaaten getrennt statt, wobei sich die nationalen Wahlregeln je nach Land unterscheiden. In den meisten Ländern, darunter auch Deutschland, wird am Sonntag, den 26. Mai, gewählt.
Europaweite Sitzprojektionen auf der Basis von nationalen Umfragen lassen bereits jetzt deutliche Veränderungen erwarten: EVP und Sozialdemokraten werden deutliche Verluste erleiden, während liberale sowie europaskeptisch-rechtspopulistische Parteien in vielen Ländern dazugewinnen. Die EVP dürfte zwar weiterhin die stärkste Fraktion bleiben. Zum ersten Mal in der Geschichte des Europäischen Parlaments könnte die „Große Koalition“ aus EVP und Sozialdemokraten jedoch keine Mehrheit mehr haben und deshalb zwingend auf die Unterstützung durch andere Parteien angewiesen sein.


Nach der Wahl

Mit der Europawahl beginnt die heiße Phase für die neue Kommission. Wer Kommissionspräsident werden will, muss nun gleich in zwei Institutionen eine Mehrheit organisieren: unter den Staats- und Regierungschefs im Europäischen Rat und unter den Abgeordneten im Europäischen Parlament – obwohl diese sich erst einmal selbst neu zu Fraktionen zusammenfinden müssen. Erst wenn dies gelungen ist, ist der Weg auch für die Ernennung der übrigen Kommissionsmitglieder frei.


Mai/Juni 2019:
Fraktionsbildung im Europäischen Parlament

Nach der Wahl müssen sich die Fraktionen im Europäischen Parlament neu konstituieren, wofür mindestens 25 Abgeordnete aus sieben Ländern nötig sind. Dabei sind einige Veränderungen zu erwarten:


Mai/Juni 2019: 
Mehrheitsbildung im Europäischen Parlament

Während sich die Fraktionen neu zusammenfinden, muss das Europäische Parlament auch nach einer Mehrheit für die Wahl des neuen Kommissionspräsidenten suchen. 2014 vereinbarten die drei großen Fraktionen EVP, S&D und ALDE, den Spitzenkandidaten der stärksten Gruppierung zu unterstützen.
2019 könnte die Mehrheitsbildung schwieriger werden: Wenn EVP und S&D bei der Europawahl ihre gemeinsame Mehrheit verlieren, werden sie zwingend auf die Unterstützung einer dritten Fraktion angewiesen sein. Ob die ALDE hierfür zur Verfügung steht, ist aber unklar, da die französische Regierungspartei LREM das Spitzenkandidaten-Verfahren ablehnt.
Eine Alternative könnten die europäischen Grünen sein, die als einzige weitere Fraktion das Spitzenkandidaten-Verfahren grundsätzlich unterstützen. Allerdings hegen die Grünen große Vorbehalte gegenüber dem EVP-Kandidaten Manfred Weber.


20./21. Juni 2019: 
Vorschlag des Kommissionspräsidenten im Europäischen Rat

Auf dem ersten Treffen des Europäischen Rats nach der Europawahl werden die nationalen Staats- und Regierungschefs voraussichtlich einen offiziellen Kandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten vorschlagen. Nötig ist hierfür eine qualifizierte Mehrheit (Zustimmung von 55% der Mitglieder, deren Länder 65% der EU-Bevölkerung umfassen).
  • Falls sich zuvor im Europäischen Parlament bereits eine Mehrheit für einen Kandidaten abzeichnet, so wird der Europäische Rat ihn wohl auch als Kommissionspräsidenten vorschlagen. Dass der Europäische Rat stattdessen eine andere Person nominiert, ist möglich, aber unwahrscheinlich, da diese sicher im Parlament abgelehnt würde.
  • Falls es im Europäischen Parlament aber keine klare Mehrheit zugunsten eines bestimmten Kandidaten gibt, wären die Staats- und Regierungschefs in ihrer Entscheidung freier. In diesem Fall könnte auch ein Kompromisskandidat zum Zuge kommen, der nicht im Wahlkampf als Spitzenkandidat aufgetreten ist.
Gleichzeitig mit dem neuen Kommissionspräsidenten nominieren die Staats- und Regierungschefs auch den neuen Hohen Vertreter der EU für die Außen- und Sicherheitspolitik und wählen den neuen Präsidenten des Europäischen Rates. Diese drei Ämter werden häufig als die „Top Jobs“ der EU bezeichnet. Sie bilden üblicherweise ein Paket, in dem Vertreter der unterschiedlichen Mehrheitsparteien (EVP, SPE, evtl. ALDE), Ländergruppen (westliche und östliche, nördliche und südliche, große und kleine Staaten) sowie Geschlechter vertreten sind.


Juli 2019: 
Wahl des Kommissionspräsidenten

Nach der Nominierung im Europäischen Rat muss sich der vorgeschlagene Kommissionspräsident einer Abstimmung im Europäischen Parlament stellen, die voraussichtlich kurz vor der Sommerpause stattfindet.
  • Erhält der Kandidat dabei eine Mehrheit, ist er als Kommissionspräsident designiert.
  • Erhält der Kandidat keine Mehrheit, muss der Europäische Rat (wiederum mit qualifizierter Mehrheit) innerhalb eines Monats einen neuen Kandidaten nominieren, über den dann wiederum das Parlament abstimmt. Dieses Verfahren wird so oft wiederholt, bis ein Kandidat sowohl im Europäischen Rat als auch im Parlament eine Mehrheit findet.


Sommer 2019:
Nominierung der Kommissionsmitglieder

Nach der Wahl des Kommissionspräsidenten werden die übrigen Mitglieder der Europäischen Kommission nominiert. Jedes Land ist mit einem Kommissar vertreten. Formal erfolgt die Nominierung kollektiv durch den Rat der EU – faktisch schlägt jede nationale Regierung ihren „eigenen“ Kommissar vor. Nach der Nominierung der Kommissare weist der designierte Kommissionspräsident ihnen Aufgabenbereiche zu.
Eine Übersicht, wie sich die neue Kommission parteipolitisch zusammensetzen könnte, ist hier zu finden.


Herbst 2019:
Anhörungen im Parlament

Wenn die Liste der Kommissionsmitglieder steht, stimmt das Europäische Parlament über ihre Wahl ab. Dabei kann das Parlament formal nur die gesamte Kommission annehmen oder ablehnen. Bei einer Ablehnung muss der Rat eine neue Liste vorschlagen.
In der Praxis kann das Parlament jedoch auch einzelne Kandidaten ablehnen. Hierfür werden die vorgeschlagenen Kommissare von den Abgeordneten des Ausschusses, der für ihren Aufgabenbereich zuständig ist, in meist mehrstündigen Befragungen „gegrillt“. Ist ein Ausschuss mit einem Kandidaten unzufrieden, fordert das Parlament den Rat informell auf, die Liste der Kommissare abzuändern, ehe über die Kommission als Ganzes abgestimmt wird. Dies ist seit 2004 nach jeder Europawahl geschehen. In allen Fällen kam der Rat (bzw. die nationale Regierung des betreffenden Landes) der Aufforderung des Parlaments nach und nominierte einen alternativen Kandidaten.


Herbst 2019:
Wahl der Kommission

Nachdem alle Ausschüsse Einverständnis mit den von ihnen befragten Kandidaten signalisiert haben, stimmt das Plenum des Europäischen Parlaments über die neue Kommission ab. Stimmt dabei eine Mehrheit der Abgeordneten zu, kann die neue Kommission ihr Amt antreten. Die Amtszeit beträgt fünf Jahre – bis zur Europawahl 2024.


Es ist also noch ein weiter und mit vielen Variablen gepflasterter Weg, bis Europa tatsächlich eine neue Kommission hat. Diese Roadmap wird daher künftig nach jedem der genannten Termine aktualisiert werden. Den regelmäßig aktualisierten Text finden Sie unter diesem Link.

Dieser Artikel erscheint parallel auch auf makronom.de.

Bilder: Startflagge: By NASA/Bill Ingalls (NASA Image of the Day) [Public domain], via Wikimedia Commons.

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