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16 Oktober 2020

„Es geht auch um die Idee des Weltbürgertums“: Ein Interview mit Andreas Bummel zur Aktionswoche für ein Weltparlament

Andreas Bummel ist Vorsitzender von Democracy without Borders und Koordinator der Kampagne für ein Parlament bei den Vereinten Nationen.

D(e)F: Vom 16. bis 25. Oktober 2020 findet – bereits zum achten Mal – die jährliche „Aktionswoche für ein Weltparlament“ statt, die der von Dir gegründete Verein Democracy without Borders mitorganisiert. Was hat es damit auf sich?

Andreas Bummel: Diese Aktionswoche ist eine internationale Plattform, die alle unabhängig nutzen können, um sich für ein Weltparlament einzusetzen und sich Gehör zu verschaffen. Die Corona-Pandemie führt ja aktuell jedem vor Augen, wie stark die Welt vernetzt ist und dass letztlich alles zusammenhängt. Ein kleiner Virus, der an einem Ort auf den Menschen überspringt und mutiert, kann in kürzester Zeit die ganze Menschheit in eine Notlage bringen. Auf dieses Risiko ist tatsächlich schon lange hingewiesen worden, doch trotzdem waren die meisten Regierungen und erst recht die internationalen Organisationen wie die UNO und die Weltgesundheitsorganisation überfordert und zum Teil handlungsunfähig.

Die Aktionswoche wurde 2013 aufgrund der Erkenntnis ins Leben gerufen, dass es mehr und mehr globale Risiken und Probleme gibt, aber keine wirksamen globalen Instrumente, um mit diesen umzugehen. Die Klimakrise war seinerzeit natürlich auch schon auf der Agenda und die globale Finanzkrise noch frisch im Bewusstsein. Der Aufruf ist deswegen heute noch genauso aktuell wie damals und ist sogar noch dringlicher geworden.

Effektives globales Handeln, demokratisch legitimiert

Der springende Punkt daran ist aber der, dass wir effektives Handeln auf der globalen Ebene fordern, dass demokratisch legitimiert und rückgekoppelt ist. Und hier kommt eben das Weltparlament ins Spiel, das wir als unverzichtbares Mittel ansehen, um das sicherzustellen. Es ist nun einmal so, dass die Regierungsvertreter:innen bei der UNO und den anderen vielen internationalen Institutionen vorrangig den Auftrag haben, nationale Interessen zu vertreten. Aber wer vertritt dabei dann eigentlich die Interessen der Menschheit? Diese Aufgabe kann und soll von gewählten Abgeordneten wahrgenommen werden.

Erstaunlicherweise gibt es den Vorschlag eines Weltparlaments schon seit der französischen Revolution. Heute ist es zum einen eine Notwendigkeit aufgrund der globalen Interdependenz. Zum anderen stünde ein Weltparlament aber auch für die klare Anerkennung der rechtlichen und politischen Gleichheit aller Menschen auf dem Planeten. Es geht also auch um globale Solidarität und die Idee des Weltbürgertums. Das sollen aber nun keine leeren Worte sein, wie so oft, sondern sich in einem echten Entscheidungs- und Vertretungsorgan auf der globalen Ebene verkörpern.

Weltbürgerinitiative

Neben dieser fast schon klassischen Forderung nach einem Weltparlament gibt es seit letztem Jahr noch die Kampagne für eine Weltbürgerinitiative. Nach dieser Kampagne sollen Bürger:innen künftig weltweit Vorschläge lancieren können, die dann – wenn sie ein gewisses Ausmaß an Unterstützung erreichen – von UN-Gremien wie der Generalversammlung oder dem Sicherheitsrat debattiert werden müssten.

Mit dieser Weltbürgerinitiative wären keine harten Veränderungen in der Funktionsweise der UN verbunden; zum Beispiel könnte im Sicherheitsrat weiterhin jede der fünf Vetomächte die vorgeschlagenen Maßnahmen blockieren. Trotzdem wäre so ein partizipatives Instrument auf Weltebene natürlich ein verfassungspolitisches Novum. Welchen Nutzen erwartest Du davon?

Ja, diese neue Kampagne hat Democracy without Borders zusammen mit Democracy International und CIVICUS auf die Beine gestellt und inzwischen wird sie von über 200 zivilgesellschaftlichen Gruppen aus aller Welt unterstützt, darunter auch Organisationen wie Greenpeace und in Deutschland Mehr Demokratie. Dieses neue Instrument stellen wir uns als gute Ergänzung zu einer Parlamentarischen Versammlung bei den Vereinten Nationen vor. Letztere würde die demokratische Repräsentation der Bevölkerung in globalen Fragen verbessern wohingegen die Weltbürgerinitiative, wie Du richtig sagst, ein direktdemokratisches Instrument darstellt.

Wir erwarten uns davon eine bessere Verbindung zwischen den Vereinten Nationen als wichtigster politischer Bühne weltweit und den Menschen überall, die von globalen Problemen betroffen sind. Wenn diese Menschen die Möglichkeit haben, sich gegenüber der Weltorganisation direkt zu artikulieren, dann kann dadurch der Handlungsdruck auf die UNO und die Regierungen hoffentlich noch verstärkt werden. Dieses Instrument bietet das Potential, ein Kristallisationspunkt für globale Bewegungen zu werden, etwa auf dem Gebiet der Klima- und Umweltpolitik, aber auch auf vielen anderen. Wir sprechen davon, dass ein neuer globaler politischer Raum geschaffen werden soll.

Vorbild Europa?

Die Idee einer Weltbürgerinitiative orientiert sich erkennbar am Modell der Europäischen Bürgerinitiative; und auch die Vorschläge für eine Parlamentarische Versammlung der UN, die sich zu einem Weltparlament mit echten supranationalen Kompetenzen weiterentwickeln könnte, erinnern sehr an den Entwicklungspfad, den das Europäische Parlament genommen hat.

Dass die Europäische Union als Vorbild dient, ist einerseits nicht sehr überraschend – schließlich ist die supranationale Demokratie nirgendwo so stark ausgeprägt wie hier. Andererseits wirft es aber auch die Frage auf, wie gut sich das europäische Demokratiemodell und Demokratieverständnis eigentlich globalisieren lassen. Oder, anders formuliert: Wie europäisch, wie global ist der Weltföderalismus?

Das Europäische Parlament und die Europäische Bürgerinitiative sind tatsächlich wichtige Modelle, von denen man bei den entsprechenden Vorhaben auf der Ebene der UN sehr viel lernen kann und die man sich deswegen genau ansehen sollte. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass dem ein europäisches Demokratie- oder Politikverständnis zugrunde liegt.

Ein Bezugspunkt sind hier eher die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und der Internationale Pakt für bürgerliche und politische Rechte, die nahezu universell anerkannt sind. Aus ihnen geht eine Mindestdefinition hervor, derzufolge die Menschen das Recht haben, sich an der Regierung ihres Landes direkt oder über gewählte Vertreter:innen zu beteiligen. Außerdem werden freie und faire Wahlen als Grundlage jeder legitimen Regierungsgewalt definiert. Für die Befürworter:innen globaler Demokratie gibt es keinen Grund, warum diese Rechte nicht auch im Hinblick auf internationale Institutionen wie die UNO zum Tragen kommen sollten, die für die Bearbeitung globaler Probleme so wichtig sind.

Das Prinzip des Föderalismus ist global

Die europäische Integration liefert dafür ein wichtiges Beispiel, weil sie nun einmal am weitesten vorangeschritten ist. Ähnliche Herangehensweisen gibt es zumindest konzeptionell aber auch anderswo, zum Beispiel in der Afrikanischen Union. Das Pan-Afrikanische Parlament soll sich ja auch zu einem direkt gewählten Legislativorgan entwickeln.

Was den Weltföderalismus betrifft, da ist die EU aus dem gleichen Grund schon ein zentraler Bezugspunkt, aber es gibt auf nationalstaatlicher Ebene umfangreiche Erfahrung mit föderalistischen Modellen in aller Welt, die auch wichtig sind. Es gibt ja über zwanzig föderale Bundesstaaten, darunter Indien, Mexiko, Nigeria oder Südafrika, die man sich ansehen kann. Das Prinzip des Föderalismus an sich ist ohne Zweifel global und nicht europäisch. Schließlich verhält es sich so, dass unsere Kampagnen zwar in Europa Unterstützung haben, aber im globalen Süden ebenfalls, wenn nicht sogar noch stärker.

Weltdemokratie als Vision gegen den Autokratisierungstrend

Wie Du sagst – und in Deinem Buch mit Jo Leinen näher beschrieben hast –, hat die Forderung nach einem Weltparlament schon eine lange Geschichte. Tatsächlich hat die Idee einer globalen Demokratie ja auch einige logische Stringenz, wenn man das Ziel gleichberechtigter politischer Teilhabe aller Menschen ernst nimmt.

Trotzdem scheint die internationale Gemeinschaft von diesem Ziel noch weit entfernt zu sein. Mit den Vereinten Nationen gibt es seit 75 Jahren immerhin einen institutionellen Rahmen für weltweite Politik, aber allzu demokratisch geht es dort nicht zu. Zum einen gibt es unter den UN-Mitgliedstaaten natürlich viele autoritäre Regime, denen an Menschenrechten oder freien und fairen Wahlen ohnehin nicht gelegen ist. Zum anderen scheint sich die Bereitschaft zur Aufgabe nationaler Souveränität aber auch unter den demokratischen Regierungen – bei aller Einsicht in globale Interdependenzen – in einigermaßen überschaubaren Grenzen zu halten. Wird die Weltdemokratie für immer eine bloße idealistische Vision bleiben?

Ein demokratisches Weltparlament und eine Weltdemokratie sind zu diesem Zeitpunkt tatsächlich eine Vision. Es ist ein positives Zukunftsbild, das sicherlich in einem krassen Kontrast dazu steht, wie wir die Welt heute vorfinden. Es stimmt, dass einerseits ein neuer weltweiter Trend der Autokratisierung zu beobachten ist. Andererseits tun die demokratischen Regierungen sehr wenig, um dem etwas entgegenzusetzen. Jetzt rächt sich, dass Menschenrechte und Demokratie in der Globalisierung nur eine geringe Rolle gespielt haben. Die Demokratien müssten besser zusammenarbeiten und eine wertebasierte Außenpolitik machen.

Davon abgesehen ist der gegenwärtige autoritäre Trend meines Erachtens aber auch eine Reaktion darauf, dass emanzipative Werte immer stärker um sich greifen. Populisten und Autokraten versuchen, dem Einhalt zu bieten. In Dutzenden von Ländern in der Welt wehren sich die Bevölkerung und die Zivilgesellschaft aber dagegen. Der Drang nach Freiheit ist ungebrochen.

Es fehlt an Vorstellungskraft

Das zentrale Problem liegt meiner Meinung nach darin, dass Demokratie auf nationalstaatlicher Ebene nicht mehr ausreicht. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Demokratie nicht einfach eine Bezeichnung für die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger ist, sondern es ist eine Regierungsform. Die internationalen Organisationen sind nicht nur undemokratisch, sondern sie sind auch schwach. Sie sind nicht viel mehr als Instrumente der Mitgliedstaaten. Globale Demokratie bedeutet also nicht nur, für Repräsentation und Partizipation zu sorgen, sondern auch für eine Stärkung der globalen Institutionen. Auch die Übertragung von Kompetenzen wird dazu gehören müssen.

Dazu fehlt es den politischen Führungskräften auch in den Demokratien an Vorstellungskraft. Einen wichtigen Unterschied hast Du ja bereits angedeutet. Die EU zum Beispiel war immer ein Projekt der supranationalen Integration. Die UNO ist das nicht. Aber warum sollte das keine Perspektive sein?

Die Zeit für die ersten Schritte ist jetzt

Es gibt sicherlich viele Voraussetzungen, die dafür erfüllt werden müssen, darunter eine fortschreitende Demokratisierung in der Staatenwelt. Aber ein Beharren auf dem traditionellen Multilateralismus bedeutet letztlich Rückschritt, da sich nun einmal alles andere globalisiert hat, nur die weltweite Zusammenarbeit nicht. Deswegen finde ich auch die von Deutschland und Frankreich ins Leben gerufene Allianz für den Multilateralismus wenig inspirierend. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner, und der wird nicht ausreichen, um die globalen Probleme in den Griff zu bekommen.

Schließlich glauben auch wir nicht, dass morgen ein Weltparlament eingerichtet werden kann. Mit dem Spruch der Aktionswoche „World Parliament Now!“ wollen wir aber Aufmerksamkeit und Bewusstsein dafür schaffen, wie dringend eine Veränderung ist. Erste Schritte auf dem Weg dorthin sind notwendig. Wir brauchen ein neues Verständnis der Vereinten Nationen. Die Einrichtung einer Parlamentarischen Versammlung bei der UN als Nebenorgan der Generalversammlung wäre ohne Weiteres unter den gegebenen Umständen möglich. Das hätte man schon vor 25 Jahren machen sollen, als sich das Europäische Parlament erstmals dafür ausgesprochen hat. Diese Versammlung könnte unserer Meinung nach in vielerlei Hinsicht eine positive Rolle spielen – nicht zuletzt für die weltweite Demokratieförderung auf nationaler Ebene.

Vom 16. bis 25. Oktober 2020 findet die achte „Globale Aktionswoche für ein Weltparlament“ statt. Weitere Informationen dazu sind hier zu finden.

Bild: privat [alle Rechte vorbehalten].

02 August 2017

Sommerlektüre: Jo Leinen/Andreas Bummel, „Das demokratische Weltparlament“

Ein demokratisches Parlament für die ganze Menschheit ist für Jo Leinen und Andreas Bummel nicht nur nötig, sondern auch möglich.
Das wesentliche Argument für einen demokratischen Weltföderalismus ist schnell gemacht. Die Menschheit sieht sich heute immer mehr gemeinsamen Herausforderungen ausgesetzt, die jeden einzelnen Staat überfordern: ob nun Klimawandel oder globale Ungleichheit, globale Finanzkrisen, grenzüberschreitende Migrationsbewegungen oder internationaler Terrorismus. All diese Herausforderungen sind nicht naturgegeben, sondern abhängig von menschlichen Verhaltensweisen, und können deshalb politisch gelöst werden. Allerdings ist es dafür notwendig, nicht nur auf nationaler, sondern auch auf globaler Ebene verbindliche und effektive politische Entscheidungen zu treffen. Diese politischen Entscheidungen würden das Leben sehr vieler Menschen stark beeinflussen, sodass für sie die gleichen Maßstäbe politischer Legitimität gelten sollten wie für Entscheidungen auf einzelstaatlicher Ebene. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder Grundrechtebindung müssen also auch auf globaler Ebene verankert werden – und damit führt auf die Dauer kein Weg an einem demokratisch gewählten Weltparlament vorbei.

Ein solches Weltparlament ist natürlich nicht auf die Schnelle zu haben. Insbesondere setzt es voraus, dass alle Staaten freie Wahlen zulassen würden, und auch wenn der weltweite Anteil an demokratischen Staaten tendenziell zunimmt, sind wir davon noch ein gutes Stück entfernt. Dennoch ist das Leitbild einer globalen Demokratie keine reine Kopfgeburt, sondern kann schon heute Inspiration für konkrete Schritte zur Reform der Vereinten Nationen sein. Ein Beispiel dafür ist das 2016 erstmals angewandte transparentere Verfahren zur Wahl des UN-Generalsekretärs, ein anderes die seit längerer Zeit diskutierte, aber bis heute nicht verwirklichte Einrichtung einer Parlamentarischen Versammlung bei den Vereinten Nationen (UNPA).

Naivität, Dystopie und Resignation erschweren die Debatte

Allerdings leidet die Debatte über eine weltweite Demokratie (oder, wenn man so will, eine Demokratisierung der Vereinten Nationen) derzeit oft an den übertriebenen Erwartungen, die sowohl Befürworter als auch Gegner mit dieser Idee verbinden. Auf der einen Seite ergehen sich manche Weltföderalisten gern in naiven Utopien – ganz als ob eine demokratischere politische Ordnung ganz von selbst den Klimawandel stoppen, die globalen Verteilungskonflikte lösen und alle Menschen zu Freunden machen würde.

Auf der anderen Seite löst der Weltföderalismus bei seinen Kritikern bisweilen wilde dystopische Fantasien aus, als müsste jeder Versuch, die globale Ordnung zu demokratisieren, unweigerlich in eine alptraumhafte Weltdiktatur führen. Und wieder eine andere Gruppe hat sich resigniert damit abgefunden, dass die UN nun einmal „nicht zu reformieren sind“ und man deshalb jede Hoffnung auf eine bessere Weltordnung von vornherein aufgeben sollte.

Alle drei Herangehensweisen, die naive, die dystopische und die resignierte, erschweren eine rationale Auseinandersetzung mit weltföderalistischen Vorschlägen ungemein. Umso willkommener ist deshalb der Beitrag, den Jo Leinen und Andreas Bummel mit ihrem im vergangenen Frühling erschienenen Buch Das demokratische Weltparlament zu dieser Debatte leisten.

Dankenswert unaufgeregt

Beide Autoren sind unter Freunden der überstaatlichen Demokratie keine Unbekannten: Jo Leinen ist Europaabgeordneter der SPD (SPE), Vorsitzender der Europäischen Bewegung International und Ehrenpräsident der Union Europäischer Föderalisten; Andreas Bummel hat den Verein Democracy without Borders gegründet und leitet die internationale UNPA-Kampagne.

In ihrem Buch beschreiben sie den historischen Verlauf und den heutigen Stand der Diskussion über eine demokratische Weltordnung. Dabei legen sie dar, weshalb sie die „kosmopolitische Vision“ eines Weltparlaments nicht nur für wünschenswert und notwendig, sondern (wenigstens auf längere Sicht) auch für möglich und realistisch halten.

Vor allem aber vertreten Leinen und Bummel ihre Positionen mit einem schlichten, gut lesbaren und dankenswert unaufgeregten Stil. Zwar schrecken auch sie nicht davor zurück, große welthistorische Linien zu ziehen, in denen das Weltparlament als Fluchtpunkt der aufgeklärten Moderne erscheint. Doch statt sich in der Esoterik des Utopischen zu verlieren, binden die beiden Autoren ihre Argumente immer wieder an konkrete Debatten in Wissenschaft und politischer Praxis zurück – und bieten damit jene Verwurzelung in der Realität, die der Weltföderalismus so dringend benötigt.

Lesenswerter historischer Abriss

Das Buch besteht aus drei Teilen, von denen der erste für sich allein schon die Lektüre lohnt. Auf rund 120 Seiten beschreiben Leinen und Bummel, wie sich die Idee eines „Menschheitsstaats“ historisch entwickelte. Nach kosmopolitischen Vorläufern in der griechischen, indischen und chinesischen Antike erfuhr diese in der neuzeitlichen Aufklärung einen frühen Höhepunkt. Vom Nationalismus des 19. Jahrhunderts zurückgeworfen, fand sie zugleich in der internationalen Zusammenarbeit nationaler Parlamentarier ein neues Bett. Im Zeitalter der Weltkriege erstarkte sie dann noch einmal als Hoffnung auf eine andere, friedlichere Welt, ehe sie schließlich im Kalten Krieg zwischen Ost-West-Konfrontation und UN-Bürokratie zermahlen wurde. Erst mit der Demokratisierungswelle der 1990er Jahre erfuhr die Idee einer demokratischen Weltordnung einen neuen Schub.

Dabei gerät der historische Abriss im ersten Teil des Buches immer mehr zur Zeitlupe, je näher er sich der Gegenwart nähert: Detailliert beschreiben Leinen und Bummel die vielfältigen Akteure und Initiativen, die sich im letzten Vierteljahrhundert auf unterschiedliche Weise für ein Weltparlament stark gemacht haben – ein geradezu enzyklopädischer Überblick über eine oft zersplitterte und nur mühsam zusammengehaltene Debatte.

Die globalen Herausforderungen in den Griff bekommen

Der zweite und mit rund 230 Seiten umfangreichste Teil des Buches beinhaltet das eigentliche politische Argument der Autoren, wie ich es auch am Anfang dieser Rezension kurz skizziert habe: Nur durch ein demokratisches Weltparlament mit echten Durchgriffsrechten kann die Menschheit jene Herausforderungen in den Griff bekommen, mit denen das „Erdsystem“ konfrontiert ist.

Diese Kernthese deklinieren Leinen und Bummel für zahlreiche Einzelprobleme durch – vom Finanzsystem über die Steuerpolitik, künstliche Intelligenz und neue Viren, Atomwaffen und Terrorismusbekämpfung, Datenschutz und internationale Strafverfolgung, Ernährungssicherheit, Wasserpolitik und die Abschaffung von Armut. Immer wieder zeigen die beiden Autoren dabei auf, wie das heutige, auf die freiwillige Zusammenarbeit souveräner Staaten ausgerichtete Völkerrecht nicht in der Lage ist, nachhaltige Lösungen durchzusetzen: Entweder bleiben die Maßnahmen der Weltgemeinschaft zu schwach, worunter oft gerade die Ärmsten zu leiden haben. Oder es kommt (etwa im Kampf gegen Terror und Kriminalität) zu überschießenden Reaktionen, denen es aber an Legitimität und Kontrolle fehlt.

Der Ausweg aus diesem Dilemma ist immer wieder: das demokratische Weltparlament. Während der Leser diesen Dreh recht bald verstanden hat, bleibt es doch beeindruckend, wie viele Einzelbeispiele die Autoren dafür finden – und wie viele Experten sie zitieren, die für ihr jeweiliges Feld die Forderung nach einer effizienteren und demokratischeren Weltordnung erheben.

Die Möglichkeit einer globalen kollektiven Identität

Die letzten Kapitel des zweiten Teils lösen sich von dieser funktionalistischen Perspektive, um stärker die Frage in den Blick zu nehmen, ob die Menschheit zu einer globalen Demokratie überhaupt bereit wäre. In einer der schwächeren Passagen des Buches greifen Leinen und Bummel die „transnationale kapitalistische Klasse“ an, der daran gelegen sei, dass die globalisierten Märkte kein Gegengewicht in Form demokratisch legitimierter globaler politischer Institutionen bekämen – ein an sich bedenkenswertes Argument, das im Buch jedoch leider durch den allzu klassenkämpferischen Tonfall an Überzeugungskraft verliert.

Was die Bereitschaft der breiteren Bevölkerung betrifft, sich auf eine weltweite Demokratie einzulassen, sind Leinen und Bummel optimistischer. Durchaus plausibel legen sie dar, dass nationaler „Gruppennarzissmus“ nicht alternativlos ist und eine globale kollektive Identität – entgegen einem oft wiederholten Klischee – auch ohne Begegnung mit „außerirdischen ‚Anderen‘“ entstehen kann.

So wie die nationalen Identitäten im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts durch politische Mythenbildung konstruiert wurden, gibt es heute die Chance, ein Bewusstsein von der Menschheit als „real existierende Schicksalsgemeinschaft“ zu schaffen, die durch demokratische Weltinstitutionen in kollektiver Selbstbestimmung über ihre eigene Zukunft entscheidet. Als zentrale Akteure sehen Leinen und Bummel dabei nicht zuletzt die Historiker, die mit der Globalgeschichte eine neue Perspektive entwickelt haben, aus der ein „Selbstverständnis als Bürger dieser Welt“ entstehen könne.

Eine UNPA nach Vorbild des Europäischen Parlaments

Den konkreten Aussichten auf Verwirklichung einer Weltdemokratie ist schließlich der dritte Teil des Buches gewidmet, der mit nicht einmal 40 Seiten leider eher knapp ausfällt. Leinen und Bummel geben sich darin als Pragmatiker: Auch wenn ein vollwertiges Weltparlament „so schnell wie möglich gelingen muss“, seien „übereilte und gewagte Experimente“ nicht das Mittel der Wahl. „Bis auf weiteres“ sollte man sich vielmehr „auf einen stufenweisen und evolutionären Prozess einstellen“.

Wenig überraschend schwebt den Autoren dabei das Vorbild des Europäischen Parlaments vor, das 1952 als bloße Parlamentarische Versammlung begann, dessen Mitglieder von den nationalen Parlamenten delegiert wurden und das im Wesentlichen nur beratende Funktionen einnahm – ehe es im Lauf der Zeit nach und nach aufgewertet wurde. Einen ähnlichen Weg sehen Leinen und Bummel auch als Möglichkeit für eine Parlamentarische Versammlung bei den Vereinten Nationen (UNPA). Auch die Sitzverteilung könnte wie beim Europäischen Parlament zunächst mit degressiv-proportionalen Länderkontingenten erfolgen, ehe man eines Tages womöglich zu grenzüberschreitenden Wahlkreisen übergeht.

Ohnehin würde die UNPA, sobald es sie erst einmal gäbe, rasch zum Aktionsfeld der globalen Parteien und könnte dann – als das bestlegitimierte Organ der Weltpolitik – leicht selbst zum Motor weiterer Veränderungen werden. Entscheidend ist für Leinen und Bummel deshalb nicht so sehr die finale Ausgestaltung des Weltparlaments, sondern dass mit der Einrichtung einer UNPA überhaupt der demokratische Reformprozess in Gang gesetzt wird.

Wie ist ein institutioneller Durchbruch möglich?

Bei der Frage, wie es zu einem solchen institutionellen Durchbruch kommen könnte, bleibt das Buch jedoch unvermeidlich etwas schemenhaft. Zu Recht weisen Leinen und Bummel darauf hin, dass historische Ereignisse wie der Berliner Mauerfall 1989 oder der arabische Frühling 2011 oft plötzliche und unerwartete Gelegenheitsfenster öffnen. Auch für die UNPA können sich die Autoren deshalb ganz unterschiedliche Auslöser vorstellen: ein drohender Dritter Weltkrieg, klimabedingte Naturkatastrophen, eine Demokratisierung Chinas. In der Zwischenzeit setzen Leinen und Bummel darauf, in der Zivilgesellschaft und unter den politischen Eliten ein möglichst großes Netz von Unterstützern aufzubauen, damit es dann im entscheidenden Moment zu einer gleichzeitigen „Revolution von unten“ und „von oben“ kommen kann.

Geduldig Überzeugungsarbeit leisten und auf einen passenden politischen Auslöser warten: Auf manchen Zweifler, der den Glauben an eine UN-Reform verloren hat, mag diese Strategie allzu optimistisch wirken. Ob sie wirklich erfolgreich sein kann, wird die Zukunft zeigen. Einstweilen aber bleibt der föderalistische Entwurf eines demokratischen Weltparlaments die schlüssigste Alternative zum heutigen ineffizienten und schwach legitimierten UN-System. Jo Leinen und Andreas Bummel haben mit ihrem Buch einen wichtigen Beitrag geleistet, um die öffentliche Debatte darüber von unfruchtbaren Stereotypen zu lösen und in eine produktive Auseinandersetzung zu überführen.

Jo Leinen / Andreas Bummel: Das demokratische Weltparlament. Eine kosmopolitische Vision, Bonn (Dietz) 2017, 464 Seiten, Broschur: 26,00 Euro, eBook: 23,99 Euro.

Bild: NASA Goddard Space Flight Center; image by Reto Stöckli, enhancements by Robert Simmon [CC BY 2.0], via Flickr.

11 Oktober 2016

In anderen Medien: Auf #YourNextSG zum neuen Wahlverfahren für den UN-Generalsekretär

Auf dem Blog #YourNextSG schreibt Tim Richter für die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen über die Wahl des UN-Generalsekretärs. In einem Online-Hangout habe ich dort heute mit ihm über das neue Wahlverfahren gesprochen: Hat es die UN transparenter gemacht oder lief zuletzt doch alles auf eine Hinterzimmer-Entscheidung des Sicherheitsrats hinaus? 

Das Video ist hier zu finden.

29 August 2016

Elect the Council: Die globale Sicherheit braucht einen reformierten UN-Sicherheitsrat

Das neue Verfahren bei der Wahl des UN-Generalsekretärs zeigt: Reformen der Vereinten Nationen sind, trotz allem, möglich. In einer Serie von Gastartikeln antworten hier Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft auf die Frage: Wenn Sie eines an der Funktionsweise der UN ändern könnten, was wäre es? Heute: Jakkie Cilliers und Nicole Fritz. (Zum Anfang der Serie.)

„Ein Sicherheitsrat ohne Legitimität ist ohne Reformen in seiner Zusammensetzung und Arbeitsweise dem Risiko ausgesetzt, umgangen zu werden oder vollständig außer Acht zu geraten.“
Die Bürger der Welt haben ein sehr reales Interesse daran, eine effektive, koordinierte Antwort auf Bedrohungen der globalen Sicherheit zu gewährleisten. Wenn man Terrorismus, globalen Epidemien, Ressourcenarmut, Klimawandel und Internetkriminalität keinen Einhalt gebietet, werden sie Leben zerstören, menschliche Sicherheit und Menschenrechte gefährden und die Erfolge des letzten halben Jahrhunderts zunichte machen. Eine vernetzte Welt, die diesen Bedrohungen gegenübersteht, braucht einen wirksamen und zuverlässigen UN-Sicherheitsrat. Aber ein Sicherheitsrat ohne Legitimität und Glaubwürdigkeit – ohne Reformen in seiner derzeitigen Zusammensetzung und Arbeitsweise – ist dem Risiko ausgesetzt, umgangen zu werden, mit anderen Machtzentren konkurrieren zu müssen oder schlimmstenfalls sogar vollständig außer Acht zu geraten.

Die Initiative Elect the Council (EtC), jetzt etwas mehr als zwei Jahre jung, ist ein Projekt des Institute for Security Studies, einem führenden afrikanischen Thinktank in Fragen der menschlichen Sicherheit. Sie schlägt die Einrichtung einer breiten Allianz von interessierten Parteien vor, um die Reform des Sicherheitsrats voranzutreiben. Dazu gehören die Zivilgesellschaft, Nichtregierungsorganisationen, die Wirtschaft, Akademiker und Staaten, die verstehen, dass eine koordinierte globale Führung sich den Herausforderungen von heute und morgen stellen muss, dass diese Führung gerecht, repräsentativ und effektiv sein muss, und dass die Regierungen allein bis jetzt nicht in der Lage waren, eine solche Reform herbeizuführen.

Wir brauchen eine breite Allianz von Reformunterstützern

Wir erkennen an, dass ein reformierter Sicherheitsrat nicht für sich allein schon eine Garantie für eine effektivere Institution ist. In der Praxis erfordert die Reform ein Bewusstsein für die Notwendigkeit, gleichzeitig die Handlungsfähigkeit des Sicherheitsrats zu verbessern, das verheerende Repräsentationsdefizit bei seiner Zusammensetzung zu überwinden und die Realitäten der Machtverteilung im 21. Jahrhundert anzuerkennen. Auch können die Reformbemühungen nicht die Lehren ignorieren, die sich aus der Geschichte des Sicherheitsrats in den letzten siebzig Jahren ergeben.

Aber ein Reformprozess, der von einer breiten Allianz gleichgesinnter Einzelpersonen und Institutionen vorangetrieben und dessen Umsetzung später von dieser Allianz überwacht würde, könnte einen transparenteren Prozess in Gang setzen und Staaten empfänglicher dafür machen, was die Allianz als Bedrohungen des internationalen Friedens und Sicherheit wahrnimmt. Wenn erfolgreich, würde eine solche Kampagne die politischen Kosten für Einzelstaaten erhöhen, die die Anliegen der Allianz ignorieren.

Ein detaillierter Vorschlag

In den letzten Jahrzehnten gab es unzählbare Versuche der Sicherheitsratsreform. Mit Ausnahme von 1965, als die Anzahl der nicht-ständigen Mitglieder erweitert wurde, war kein Versuch erfolgreich, und es gibt wenig Hoffnung, dass sich das während der laufenden zwischenstaatlichen Verhandlungen in der UN-Generalversammlung in New York ändert, die derzeit zwischen unvereinbaren nationalen Positionen festgefahren sind. Der Mangel an Legitimität des Rates führt dazu, dass auch die übrigen Institutionen nicht reformiert werden können und das UN-System insgesamt nach und nach an Handlungsfähigkeit verliert.

Die Sicherheitsratsreform ist ein Bereich, in dem allseitige „grundsätzliche“ Unterstützung immer wieder an den Klippen des Details zerschellt. Viele Staaten sind ganz zufrieden damit, sich hinter dieser Uneinigkeit zu verstecken, da der Status quo ihnen die Möglichkeit zum Trittbrettfahren gibt. Um dies zu verhindern, ist EtC detailliert und spezifisch. Die Prinzipien, die die Initiative leiten, sind folgende:

Weltmächte müssen im Rat vertreten sein

1. Nicht alle Staaten sind gleich, was ihre Rolle und ihren möglichen Beitrag für Frieden und Sicherheit betrifft, und der künftige Sicherheitsrat muss die Machtverteilung berücksichtigen, die sich herausbildet. Langfristige Vorausschauen zur Machtverteilung, die eine Kombination unterschiedlicher Faktoren berücksichtigen, lassen alle eine dreigeteilte globale Struktur erwarten. Die erste Gruppe besteht aus zwei (vielleicht drei) Weltmächten (USA, China und vielleicht Indien). Mit großem Abstand folgen als zweite Gruppe weitere Staaten wie Brasilien, Indonesien, Korea, Japan, der Türkei, Russland, Deutschland, Großbritannien, Frankreich usw. – wobei eine integrierte EU natürlich ebenfalls die Bedingungen erfüllen könnte, um zur Elite der globalen Mächte zu zählen. Die dritte Gruppe wird von der Mehrzahl der Staaten gebildet, die einen sehr viel geringeren Anteil an der Macht hat.

Angesichts dieser großen Disparitäten ist EtC der Meinung, dass die oberste Schicht globaler Mächte in einem reformierten Rat vertreten sein muss. Ein Sicherheitsrat ohne diese globalen Mächte könnte ignoriert oder umgangen werden. Wir sehen deshalb eine Mitgliederkategorie vor, durch die Staaten (oder Staatenbünde), die 6% der globalen Wirtschaftsleistung, 6% der globalen Verteidigungsausgaben und 3% der globalen Bevölkerung umfassen, automatisch das Recht haben, im Rat vertreten zu sein, solange sie diese Kriterien erfüllen. Diese Staaten oder Staatengruppen haben außerdem ein verstärktes Stimmrecht, indem ihre Stimme dreifach zählt.

Gleichberechtigte Vertretung aller Weltregionen

2. In einer komplexen Welt arbeiten die UN zunehmend mit und durch Regionalorganisationen und richtet ihre Interessen notwendigerweise an Regionalmächten aus, die eine wichtige Rolle in ihrem jeweiligen geografischen Raum spielen. Deshalb sehen wir eine Kategorie für Regionalmächte vor, bestehend aus Staaten, die für eine einmal verlängerbare Amtszeit von fünf Jahren in den Sicherheitsrat gewählt werden. Jede der fünf Regionalgruppen, die derzeit die nicht-ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats wählen, würden einen regionalen Staat für je 22 ihrer Mitglieder wählen.

3. Eine dritte Kategorie von 16 rotierenden Sitzen komplettiert die Zusammensetzung des Rates. Jede Region würde für je 22 ihrer Mitglieder zwei Staaten in den Sicherheitsrat wählen dürfen. Diese Sitze würden für eine Amtszeit von drei Jahren ohne unmittelbare Wiederwahlmöglichkeit vergeben. Auf diese Weise würde der Rat eine proportionale Repräsentation aller Weltregionen auf gleichberechtigter Grundlage sicherstellen.

4. Zusammen mit den ersten beiden Sitzkategorien würde der reformierte UN-Sicherheitsrat also aus 24 gewählten Staaten plus zwei oder drei globalen Mächten bestehen.

Zwanzigjährige Übergangsphase

5. EtC schlägt vor, die ständigen Sitze (und das Vetorecht) abzuschaffen und den Rat im Verlauf einer 20-jährigen Übergangsphase schrittweise zu normalisieren. Dadurch würde die Zusammensetzung und Arbeitsweise des Sicherheitsrats den großen globalen Machtverschiebungen folgen, die derzeit stattfinden. Während der 20-jährigen Übergangsphase würden die derzeitigen ständigen Mitglieder weiterhin im Rat vertreten sein und verstärkte Stimmrechte, aber kein Vetorecht besitzen. Daneben wären im Rat 16 weitere Staaten vertreten, die für jeweils drei Jahre gewählt würden (wie oben beschrieben), sowie fünf Länder, die für fünf Jahre gewählt sind (anstelle der acht Fünfjahressitze nach Vollendung der Reform).

Dies liegt daran, dass vier der ständigen Mitglieder (China, Großbritannien/Frankreich und Russland) bereits in drei Regionalgruppen vertreten sind. Nach der 20-jährigen Übergangsphase würde die Zahl der Staaten, die für fünf Jahre gewählt sind, auf acht steigen.

Mindestanforderungen für die Mitglieder

6. Der UN-Sicherheitsrat ist das einzige Exekutiv- und Legislativorgan, das für die Sicherstellung des internationalen Friedens und Sicherheit zuständig ist. Staaten, die im Rat vertreten sind, sollten deshalb die Ressourcen, Erfahrung und globale Präsenz haben, um einen bedeutenden Beitrag zu Frieden und Sicherheit zu leisten. Zu diesem Zweck schlagen wir vier Basis- oder Mindestanforderungen vor – obwohl wir denken, dass die Durchsetzung dieser Kriterien am besten den regionalen Wahlgruppen selbst überlassen sein sollte.

Im Einzelnen sind die Kriterien: (a) Erfahrung und Fähigkeit, (b) gute Finanzbeziehungen mit den UN und ihren Agenturen, (c) die Bereitschaft, zusätzliche Finanzbeiträge zu UN-Bemühungen im Bereich Frieden und Sicherheit zu leisten, die von der Generalversammlung festgelegt werden, (d) Respekt für eine offene, inklusive und verantwortungsvolle Regierungsführung, Rechtsstaatlichkeit und internationale Menschenrechtsstandards.

Wiederherstellung der Legitimität des Rates

7. Ähnlich wie nach dem jetzt angewandten Verfahren würden die Regionen Staaten für die 24 gewählten Sitze nominieren, aber die formale Abstimmung darüber in der Generalversammlung stattfinden. Dieses Arrangement erlaubt es jeder Region, die Wahl so zu gestalten, wie sie selbst möchte – sei es in Form von Kampfabstimmungen oder nach einem Rotationsprinzip.

8. Das System der proportionalen Repräsentation, das im erweiterten Rat gelten würde, führt zu einer gerechteren Repräsentation der Regionen und würde die Legitimität des Rates und der UN wiederherstellen. Zudem sollte die Kategorie der gewählten Regionalmächte die Dynamik zwischen Regionalmächten und anderen Staaten in der Region verändert. Gruppen von Staaten mit besonderen Repräsentationsbedürfnissen, etwa die Arabische Gruppe oder die Kleinen Insel-Entwicklungsländer (Small Island and Development States, SIDS), würden ermutigt, gruppenübergreifende Arrangements zu treffen, um eine angemessene Repräsentation im reformierten Rat sicherzustellen.

Anreize für die jetzigen ständigen Mitglieder

9. Um den Wandel zu erreichen, ist es wichtig, Anreize für die jetzigen ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats zu schaffen. In einem reformierten Rat würde die Stimme aller gewählten Staaten nur einfach gewichtet, die Stimme der Weltmächte hingegen dreifach. Während der 20-jährigen Übergangsphase würden die Stimmen der ständigen Mitglieder zunächst fünffach gewichtet (1.-5. Jahr), dann vierfach (5.-10. Jahr), dreifach (11.-15. Jahr) und schließlich doppelt (16.-20. Jahr) – wobei die Stimmen der Staaten, die die Weltmacht-Kriterien erfüllen (Bevölkerung, Wirtschaftsleistung und Verteidigungsausgaben) niemals weniger als dreifach zählen würden.

10. Es ist wichtig, Hindernisse zu überwinden, die den Fortschritt bremsen könnten. Wir schlagen vor, dass der derzeitige UN-Sicherheitsrat bis zu fünf spezifische Themen definiert, die während der Übergangszeit auf Eis gelegt werden. In diesen fünf Bereichen würden für eine Phase von zwanzig Jahren nach dem Inkrafttreten der Generalversammlungsresolution zur Änderung der UN-Charta keine weiteren Kapitel-VII-Entscheidungen erlassen werden, außer dem Erhalt oder der Beendigung existierender Beschlüsse. Ein Beispiel könnten das Beharren der USA auf Angelegenheiten sein, die Israel/Palästina betreffen, oder auch der Konflikt um das Südchinesische Meer. Auf diese Weise könnten umstrittene Themen, die die Reform blockieren könnten, von der Agenda des reformierten Sicherheitsrats entfernt werden.

Verfahrensblockaden lösen

11. Die Einrichtung eines regelmäßigen Überprüfungsverfahrens für den UN-Sicherheitsrat würde die Möglichkeit schaffen, in Zukunft weitere Verbesserungen vorzunehmen, und eine Wiederholung der jetzigen Blockadesituation verhindern. Eine verpflichtende periodische Überprüfung der Sicherheitsratsverfahren, die alle 30 Jahre stattfindet, sollte deshalb in die Reform der UN-Charta mit eingeschlossen werden.

12. Zusätzlich zu all dem würde die überarbeitete UN-Charta Verfahren beinhalten, die verhindern, dass der Sicherheitsrats von einer Handvoll seiner Mitglieder durch Verfahrensfragen blockiert werden kann. Dadurch sollten ausstehende Fragen wie die Geschäftsordnung des Rates (die bis heute nur provisorisch ist) zügig abgeschlossen werden können. Die UN-Generalversammlung und der Internationale Gerichtshof würden die Möglichkeit bekommen, Verfahrensblockaden zu lösen.

13. All diese Vorschläge würden in einer einzigen Reform der UN-Charta zusammengefasst.

Elect the Council: die nächsten Schritte

Bis Mitte 2016 hat Elect the Council verschiedene Versionen dieser Vorschläge in Treffen mit der Zivilgesellschaft, Thinktanks und Regierungsvertretern in Berlin, Brüssel, London, Pretoria, Johannesburg, Oslo, Stockholm, Nairobi, Abuja, Seoul, New Delhi, Addis Abeba, Ankara, New York, Beijing und anderswo präsentiert und diskutiert.

Als nächste Schritte will EtC eine formale Koalition von Einzelpersonen und Gruppen in einer Kampagne zur Sicherheitsratsreform zusammenführen und vorbereitende Treffen ausrichten, um die spezifischen Reformmechanismen weiter auszuarbeiten.


Dr. Jakkie Cilliers ist Vorsitzender des Board of Trustees des Institute for Security Studies und Leiter der Abteilung African Futures & Innovation im Büro Pretoria des ISS. Er ist außerordentlicher Professor am Centre of Human Rights und dem Department of Political Sciences an der Universität Pretoria und ist Mitglied im Redaktionsbeirat der African Security Review und des South African Journal of International Affairs.

Nicole Fritz ist Gründungsdirektorin des Southern Africa Litigation Centre (SALC). Sie ist Honorardozentin am Centre for Human Rights der Universität Pretoria und an der School of Law der Universität Witwatersrand sowie Vorstandsmitglied des Women’s Legal Centre (WLC). Derzeit arbeitet sie als Beraterin für Elect the Council.

Wenn Sie eines an den Vereinten Nationen ändern könnten, was wäre es?

1: Serienauftakt [DE / EN]
2: Ein neues Wahlverfahren für den UN-Generalsekretär [DE / EN] ● Stephen Browne
3: Das Sekretariat der Vereinten Nationen: Unabhängig, effizient, kompetent? [DE / EN] ● Franz Baumann
4: Die Bürger in den Mittelpunkt: Die Vereinten Nationen brauchen eine Grunderneuerung für das 21. Jahrhundert [DE / EN] ● Dhananjayan Sriskandarajah
5: Weichenstellung für die Vereinten Nationen: Wie kann der Sicherheitsrat reformiert werden? [DE] ● Sven Gareis
6: Die Bürger der Welt müssen die Kontrolle zurückgewinnen – mit einem globalen Parlament [DE / EN] ● Andreas Bummel
7:  Elect the Council: Die globale Sicherheit braucht einen reformierten UN-Sicherheitsrat [DE / EN] ● Jakkie Cilliers und Nicole Fritz

Übersetzung aus dem Englischen: Manuel Müller.
Bilder: By Gobierno de Chile [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons; privat; privat.

Elect the Council: Global Security Needs a reformed UN Security Council

The new selection procedure for the UN Secretary-General shows that, after all, reforms of the United Nations are possible. In a series of guest articles, representatives from politics, science and civil society answer to the question: If you could change one thing about the functioning of the UN, what would it be? Today: Jakkie Cilliers and Nicole Fritz. (To the start of the series.)

“Absent reform of its composition and working, a Security Council without legitimacy faces the risk to be swept aside.”
Global citizenry has a very real, vested interest in securing effective, coordinated response to address global security threats. Left unchecked, terrorism, global health epidemics, material resource scarcity, climate change and cybercrime will immiserate lives, putting human security and rights at risk and reversing the gains of the last half century. An interconnected world facing these threats requires an effective, authoritative United Nations Security Council (UNSC). But a UNSC without legitimacy, without credibility – absent reform of its current composition and working – faces the risk that it will be swept aside, required to compete with other ostensible centres of power or, at worst, entirely disregarded.

The Elect the Council initiative (EtC), now slightly more than two years young, is a project of the Institute for Security Studies, a leading African think tank in human security matters. It proposes the establishment of a broad alliance of interested parties to push for UNSC reform: civil society, NGOs, business, academics and like-minded states all understanding that coordinated global leadership is required to meet the challenges of today and tomorrow, and that that leadership is required to be fair, representative and effective and recognising that governments alone have thus far been unable to secure such reform.

Building a broad alliance of reformers

We recognise that a reformed UNSC is not itself a guarantee of a more effective institution. Practically, reform requires sensitivity for the need to balance concerns about effectiveness with the dire representation deficit in the composition in the UNSC, whilst acknowledging the realities of the distribution of power in the 21st century. Nor will reform efforts be able to ignore the lessons learnt from the history of the UNSC over the last 70 years.

But a reform process involving advocacy by a broad alliance of like-minded individuals and entities, and close monitoring thereafter by such an alliance, is likely to condition a more transparent and accountable process and states more receptive of and sensitive to what appears to the alliance to be threats to international peace and security. If successful, such a campaign would increase the political costs to individual states of being seen to ignore the alliance’s concerns.

A detailed proposal

There have been innumerable efforts at reform of the UNSC over successive decades. With the exception of the enlargement of the non-permanent category of members in 1965, no effort has borne fruit and there is little prospect for success through the ongoing intergovernmental negotiations process under the auspices of the UN General Assembly in New York. Negotiations are stuck between irreconcilable national positions. The lack of legitimacy of the Council translates into an inability to reform other UN institutions and the steady attrition in the effectiveness of the UN system in general.

EtC is detailed and specific since this is an area where ‘in principal’ support of reform is dashed on the shores of detail and where many states hide behind this disagreement, being quite comfortable with the status quo since it affords them free rider status. The principles that inform EtC are as follows:

Global powers must be represented in the Council

1. Not all states are equal in their role and potential contribution to peace and security and a future UNSC needs to reflect the emerging distribution of power. Long-term forecasts of power using a combination of alternative metrics all indicate a three-tiered global structure consisting of two (eventually three) global powers (USA, China and eventually India) with a very large gap between them and other states including Brazil, Indonesia, Korea, Japan, Turkey, Russia, Germany, United Kingdom, France, etc. An integrated EU could, of course, also qualify to sit at the high table of global powers.

The majority of states are much lower down in the power stakes, constituting a third cluster. Given this huge disparity EtC takes the view that the top tier of global powers must be included on a reformed Council. A Council without these global powers could be ignored or bypassed. We therefore provide for a category where states (or coalitions of states) that have 6% of global GDP, 6% of global defence expenditure and 3% of global population automatically qualify to serve on the Council while they meet all three these criteria. These states/groups also have enhanced voting powers in that each of their votes will count for 3 votes.

Equitable representation of all world regions

2. In a complex world the UN is increasingly working with and through regional organisations and necessarily aligning its interests with regional powers who play an important role in their respective geographical space. We therefore provide for a category of regional powers, consisting of states that are elected to serve on the UNSC for an immediately renewable term of five years. Each of the five electoral regions that currently elect the non-permanent members of the UNSC would elect one regional state for every 22 of its members.

3. A third category of 16 rotational seats completes the composition of the Council. Each region would be entitled to elect two states to the UNSC for every 22 of its members. These seats are not immediately renewable and states serve for a three-year term. In this manner the Council would ensure proportional representation of all regions on an equitable basis.

4. Together with the other two categories of seats a reformed UNSC will therefore consist of 24 elected countries plus two or three global powers.

A 20-year interim period

5. EtC proposes to do away with permanent seats (and the veto) and move towards a normalization of the Council in a phased manner over a 20 year interim period. In this manner the composition and working of the UNSC would follow the larger global shifts in power distribution currently unfolding. During the 20-year interim period the current P5 would remain members of the Council with enhanced voting rights, but no veto, and the Council would additionally consist of 16 states elected for three years at a time (as set out earlier) and five five-year elected seats (instead of the eight five-year elected seats in the final, reformed Council).

This is because four of the P5 (China, the UK/France and Russia) already serve within three respective electoral regions. After the 20 year interim period the number of states elected for five years would increase to eight.

Minimum requirements for UNSC members

6. The UNSC is the only executive and legislative body entrusted with ensuring international peace and security. States that serve on the Council should therefore have the resources, experience and global representation to make a meaningful contribution to peace and security. To this end we propose four baseline or minimum requirements – although we believe that these criteria best be left to the electoral regions to enforce as they see fit.

These criteria are: (a) experience and capacity; (b) in financial good standing with the UN and its agencies; (c) willingness to shoulder additional financial contributions to UN efforts on international peace and security, as determined by the UNGA; and (d) respect for open, inclusive and accountable governance, the rule of law and international human rights standards.

Restoring the legitimacy of the Council

7. Similar to current arrangements, regions would nominate states for the 24 elected seats but actual voting would occur within the General Assembly. This arrangement would allow each region to manage its electoral processes according to its own preferences – these could be competitive/elective or rotational.

8. By adopting a system of proportional representation for an expanded Council the membership would allow for a more equitable representation of states on behalf of their regions and restore the legitimacy of the UN and the Council. In addition, the category of elected regional powers should change the dynamic between regional powers and other states within the region. Groups of states with specific representative requirements, such as the Arab group and Small Island and Development States (SIDS) would be encouraged to see cross-grouping arrangements to ensure appropriate representation in a reformed Council.

Incentives for the P5

9. It is important to create incentives within the P5 to change. In a reformed Council the vote of all elected states would count for one while the vote of global powers/groups will count for three votes. During the 20-year transition period the votes of the P5 would initially each count for five (years 1 to 5); then four (years 5 to 10); then three (years 11 to 15); and eventually two (years 16 to 20) – but with the understanding that the votes of those states who meet the global powers criteria (population, GDP and military expenditure) would never count for less than three.

10. It is important to remove obstacles that could block progress. We propose that the current UNSC define up to five specific issues which could be placed on ice. These five issues would not attract additional Chapter VII resolutions for a period of 20 years after the adoption of the enabling UNGA resolution to amend the UN Charter, beyond the maintenance or termination of existing decisions. An example could be US insistence on matters affecting Israel/Palestine or even consideration of the South China Sea impasse. In this manner contentious issues that block reform could be removed from the agenda of a reformed UNSC.

Breaking procedural deadlocks

11. The establishment of a regular review process of the UNSC would allow the opportunity for future improvements as may be appropriate and avoid a recurrence of the current impasse. A mandatory periodic review of the UNSC would therefore be included in the amendment to the UN Charter, occurring every 30 years.

12. In all of the above, the amended UN Charter would include procedures to avoid that the Council is held hostage through procedural matters by a handful of members. In this manner outstanding issues such as the finalization of the rules of procedure (which are still provisional) should be able to proceed apace. The UN General Assembly and the International Court of Justice would serve to break procedural deadlocks as appropriate.

13. These proposals would be contained in a single amendment to the UN Charter.

Elect the Council: going forward

By mid 2016 EtC had presented and discussed various versions of these proposals in meetings, with civil society, think tanks and often governments in Berlin, Brussels, London, Pretoria, Johannesburg, Oslo, Stockholm, Nairobi, Abuja, Seoul, New Delhi, Addis Ababa, Ankara, New York, Beijing, etc.

Going forward, EtC hopes to assemble a formal coalition of individuals and groups to campaign for UNSC reform, hosting preliminary meetings to refine and agree upon the specific mechanics of reform.

Dr Jakkie Cilliers is the chairman of the Board of Trustees of the Institute for Security Studies and head of African Futures and Innovation at the Pretoria office of the ISS. He is an Extraordinary Professor in the Centre of Human Rights and the Department of Political Sciences at the University of Pretoria and serves on the editorial boards of the African Security Review and the South African Journal of International Affairs.

Nicole Fritz is the founding Executive Director of the Southern Africa Litigation Centre (SALC) and an honorary lecturer at the Centre for Human Rights at the University of Pretoria and at the University of Witwatersrand’s School of Law. She sits on the board of the Women’s Legal Centre (WLC) and is currently working as a consultant for Elect the Council.


Pictures: By Gobierno de Chile [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons; private; private.

04 August 2016

Die Bürger der Welt müssen die Kontrolle zurückgewinnen – mit einem globalen Parlament

Das neue Verfahren bei der Wahl des UN-Generalsekretärs zeigt: Reformen der Vereinten Nationen sind, trotz allem, möglich. In einer Serie von Gastartikeln antworten hier Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft auf die Frage: Wenn Sie eines an der Funktionsweise der UN ändern könnten, was wäre es? Heute: Andreas Bummel. (Zum Anfang der Serie.)

„Das Weltregime dient vor allem der globalen Elite. Warum gibt es kein gewähltes Weltparlament, das eine demokratische Kontrolle im Namen der Bürger ausübt?“
Je enger und komplexer die weltweite wechselseitige Abhängigkeit wird, desto weniger Probleme können einzeln agierende Staaten alleine lösen. Wohlstand, Entwicklung und Sicherheit hängen heute sehr stark von erfolgreicher internationaler Zusammenarbeit und Integration ab. Das Brexit-Votum ist eine Anomalie und eine irrationale Antwort auf diesen globalen Trend. Während die neue britische Regierung sich auf die Austrittsverhandlungen mit der EU vorbereitet, plant die Afrikanische Union die Einführung eines kontinentalen Passes und die Abschaffung von Grenzkontrollen ähnlich wie im Schengen-Raum. Was auch immer fremdenfeindliche und nationalistische Demagogen die Menschen glauben lassen wollen: Eine zombieartige Wiederauferstehung der „nationalen Unabhängigkeit“ ist keine tragfähige Lösung und wird in der Welt nur Schaden anrichten.

Intergouvernementalismus untergräbt die Demokratie

Es gibt jedoch ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass die derzeitige Form der Globalisierung nicht weitergehen kann. Sie unterstreicht Klassengegensätze, indem sie wirtschaftliche Gewinne in einer sehr ungleichen Weise verteilt. Zugleich untergräbt sie durch intergouvernementale Zusammenarbeit die Demokratie. In vielen Fällen werden nationale Parlamente zu Abnick-Institutionen reduziert, von denen erwartet wird, dass sie alles akzeptieren, was ihre Regierungen ausgehandelt haben – falls sie überhaupt gefragt werden.

Die UN und ihre vielen Sonderorganisationen, die internationalen Finanzinstitutionen, die Welthandelsorganisation und verschiedene zwischenstaatliche Netzwerke üben schon jetzt viele Funktionen einer Weltregierung aus. Doch dieses Weltregime dient in erster Linie den Interessen einer globalen Elite. Wie Mary Kaldor vor einigen Wochen formuliert hat: „In der Theorie sollten wir Entscheidungen durch die Mitgliedschaft unserer Nationalstaaten in globalen Institutionen beeinflussen können, aber in der Praxis sind diese Institutionen eher durch die Interessen der globalen Elite geprägt als durch gewöhnliche Bürger.“

In einem früheren Beitrag hat Danny Sriskandarajah geschrieben, dass das System globalen Regierens das „eklatante, endemische Zusammenspiel zwischen wirtschaftlichen und politischen Eliten“ fördert. Er argumentiert für „radikal neue Formen der Repräsentation und Aufsicht“ auf globaler Ebene. Auf EU-Ebene garantiert das direkt gewählte Europäische Parlament, dass es eine demokratische Verbindung zu den Bürgern gibt. Es ist das markanteste Merkmal eines globalen Demokratiedefizits, dass es im globalen Regierungssystem nichts Ähnliches gibt.

Die Weltbürger gegenüber den globalen Eliten stärken

Steuervermeidung und die Nutzung anonymer Briefkastenfirmen durch die Superreichen ist ein massiver Angriff auf die Fähigkeit von Staaten, öffentliche Dienstleistungen zu erbringen, und erhöht die globale Ungleichheit. Es heißt, dass heute zwischen 24 und 36 Billionen Dollar in Steueroasen versteckt sind. Nach der spektakulären Veröffentlichung der Panama Papers richtete das Europäische Parlament im Juni einen Untersuchungsausschuss ein, der sich mit dem Thema Steuervermeidung und Geldwäsche beschäftigt.

Warum gibt es kein gewähltes Weltparlament, das dasselbe tut und eine demokratische Kontrolle im Namen der 99% der Weltbürger ausübt? „Die Panama Papers bestätigen, dass die globale Elite betrügt, lügt und stiehlt“, schrieb Fredrik Deboer und forderte: „Steuerzahler der Welt, vereinigt euch!“ Angesichts der Unfähigkeit oder des Unwillens der nationalen Regierungen, der OECD und anderer Institutionen, das Problem wirklich zu lösen, scheint ein Weltparlament aus regierungsunabhängigen Abgeordneten der beste Weg zu sein.

Eine Parlamentarische Versammlung bei den Vereinten Nationen

Mutiges Denken ist notwendig. Das Konzept der „Global Governance“ – das vorgibt, dass Regierungsfunktionen auf globaler Ebene erfüllt werden können, ohne dass es eine formale globale Regierung gibt – hat seinen Zenit überschritten. Es ist ein gutes Zeichen, dass führende Wissenschaftler der Internationalen Beziehungen, Politikwissenschaft, Philosophie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaft und anderer Felder sich letztes Jahr zusammengeschlossen haben, um das World Government Research Network zu gründen.

Gewiss, ein Weltparlament kann nicht von einem Tag auf den nächsten eingerichtet werden. Aber es ist ein alternativer und progressiver Ansatz zur Idee, „die Kontrolle zurückzugewinnen“. Es basiert auf den Werten von globaler Solidarität und Weltbürgertum. Ein erster Schritt wäre schon jetzt möglich, wenn genügend politischer Wille bestünde: die Schaffung einer Parlamentarischen Versammlung bei den Vereinten Nationen (United Nations Parliamentary Assembly, UNPA). Sie könnte von der UN-Generalversammlung ohne eine Charta-Reform oder die Zustimmung des Sicherheitsrats eingerichtet werden.

Mehr als 1.500 Parlamentarier unterstützen die UNPA

Boutros Boutros-Ghali, der von 1992 bis 1996 UN-Generalsekretär war (und von den USA aus dem Amt gedrängt wurde), war ein starker Verfechter dieses Projekts. Als 2007, zu einem guten Teil dank seiner Unterstützung, die internationale UNPA-Kampagne gestartet wurde, erklärte er: „Wir müssen die Demokratisierung der Globalisierung voranbringen, bevor die Globalisierung die Grundlagen nationaler und internationaler Demokratie zerstört. Die Etablierung einer Parlamentarischen Versammlung bei den Vereinten Nationen ist ein unverzichtbarer Schritt geworden, um eine demokratische Kontrolle der Globalisierung zu erreichen.“

Heute wird der internationale Aufruf für eine UNPA von einem breiten Spektrum von Einzelpersonen und Institutionen aus mehr als 150 Ländern unterstützt – insbesondere von rund 1.500 derzeitigen oder früheren Parlamentariern. Im Mai rief das Panafrikanische Parlament die afrikanischen Regierungen dazu auf, das Projekt bei den Vereinten Nationen voranzubringen. Das Parlament der Afrikanischen Union erklärte, dass eine UNPA „zur Stärkung der demokratischen Partizipation und Repräsentation der Bürger dieser Welt notwendig“ ist und dass die neue Versammlung zu „einer Stärkung der demokratischen Kontrolle über UN-Einsätze, speziell in Afrika, beitragen“ würde.

Das Gemeinwohl der Menschheit

In der Tat, es gäbe viel zu tun für eine UNPA. Wer zum Beispiel wäre in einer besseren Position als die Vertreter der Weltbürger, um die Fortschritte bei den neuen Zielen zur nachhaltigen Entwicklung zu bewerten? Eine UNPA sollte ihren eigenen Menschenrechtsausschuss einrichten. Sie sollte Druck auf Regierungen ausüben, bei Abrüstungsfragen voranzukommen. Sie könnte den Fortschritt beim Kampf gegen den Klimawandel überwachen. Mit der Zeit sollte eine UNPA Informations-, Beteiligungs- und Kontrollrechte gegenüber allen relevanten globalen Regierungsinstitutionen erhalten.

Gemäß einer kürzlich veröffentlichten Umfrage in 18 Ländern sehen sich mehr als die Hälfte der Befragten in Schwellenländern in erster Linie als globale, nicht als nationale Bürger an. Dieses Gefühl würde auch bei den meisten Weltparlamentariern vorherrschen. Sie wären dazu aufgerufen, das Gemeinwohl der Menschheit als Ganzes zu verfolgen. Im Gegensatz dazu haben Karrierediplomaten, was auch immer sie persönlich fühlen mögen, immer die Pflicht, die Sichtweisen ihrer Regierungen zu vertreten.

Den Bürgern der Welt ein Mitspracherecht geben

Die UN und die globalen Regierungsinstitutionen haben eine Reform zwingend nötig. Das System ist fragmentiert und oft ineffektiv. Es gibt eine Unzahl an Themen, die behandelt werden müssen. Eine der besten Übersichtsdarstellungen in jüngerer Zeit war Joseph Schwartzbergs Buch Transforming the United Nations System, das derzeit ins Deutsche übersetzt wird. Viele Vorschläge sind auch in dem Bericht der Commission on Global Security, Justice, and Governance enthalten, der letztes Jahr veröffentlicht wurde.

Von allen Vorschlägen aber ist die Einrichtung einer UNPA der wichtigste, um den Bürgern der Welt ein Mitspracherecht bei der UN und über die künftige Richtung der Globalisierung zu geben.

Andreas Bummel ist Mitgründer und Direktor des Komitees für eine demokratische UNO (KDUN), einer parteipolitisch unabhängigen Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Berlin, sowie Vorstandsmitglied im World Federalist Movement-Institute for Global Policy (WFM-IGP) in New York. Seit 2007 koordiniert er die internationale Kampagne für eine Parlamentarische Versammlung bei den Vereinten Nationen.


Wenn Sie eines an den Vereinten Nationen ändern könnten, was wäre es?

1: Serienauftakt [DE / EN]
2: Ein neues Wahlverfahren für den UN-Generalsekretär [DE / EN] ● Stephen Browne
3: Das Sekretariat der Vereinten Nationen: Unabhängig, effizient, kompetent? [DE / EN] ● Franz Baumann
4: Die Bürger in den Mittelpunkt: Die Vereinten Nationen brauchen eine Grunderneuerung für das 21. Jahrhundert [DE / EN] ● Dhananjayan Sriskandarajah
5: Weichenstellung für die Vereinten Nationen: Wie kann der Sicherheitsrat reformiert werden? [DE] ● Sven Gareis
6: Die Bürger der Welt müssen die Kontrolle zurückgewinnen – mit einem globalen Parlament [DE / EN] ● Andreas Bummel
7:  Elect the Council: Die globale Sicherheit braucht einen reformierten UN-Sicherheitsrat [DE / EN] ● Jakkie Cilliers und Nicole Fritz

Übersetzung aus dem Englischen: Manuel Müller.
Bilder: UNMEER/Pierre Peron [CC BY-ND 2.0], via Flickr; privat.