![]() |
Das Horizon-Europe-Projekt Activating European Citizens’ Trust in Times of Crisis and Polarisation (ActEU) untersucht Fragen politischen Vertrauens und demokratischer Legitimität in Europa. Dieser Artikel ist Teil einer Serie, in der ActEU-Forscher:innen ihre Ergebnisse präsentieren. |
- „Die Forderung nach mehr und besserer politischer Bildung manifestierte sich in der großen Mehrzahl aller Labs.“
Themen rund um politische Partizipation, Repräsentation, Polarisierung und nicht zuletzt politisches Vertrauen haben in der Europäischen Union in den letzten Jahren Hochkonjunktur. Auch das Forschungsprojekt ActEU widmet sich diesen Themen ausführlich. Eine Zielgruppe, die in diesen Fragen eine zentrale Rolle spielt, ist die Jugend. Dieser Beitrag stellt die Perspektive junger Europäer:innen zentral – auf das Mehrebenensystem der EU und darauf, welche Aspekte in der politischen Bildung zur EU häufig zu kurz kommen.
ActEU Youth Democracy Labs
Studien zu politischer Einstellung, Vertrauen und Wahlverhalten junger Menschen haben in letzter Zeit wiederholt für Aufsehen gesorgt. Dabei ist es ein vielfach diagnostiziertes Problem, dass Wissenschaft und Politik gern über, aber selten mit Jugendlichen und jungen Wähler:innen sprechen. Infolgedessen erhalten deren Perspektiven nur selten wirkungsvoll Eingang in Debatten und Entscheidungen. ActEU hat sich deshalb auch zum Ziel gesetzt, junge Europäer:innen in die Forschungsprozesse mit einzubeziehen, um so die Perspektiven junger Menschen mitzudenken und ihre Erfahrungen ernst zu nehmen.
Zu diesem Zweck wurden die sogenannten „ActEU Youth Democracy Labs“ konzipiert und von allen am Projekt beteiligten Partner:innen durchgeführt. Die Labs hatten zum Ziel, Jugendliche und junge Erwachsene konkrete Empfehlungen an Politiker:innen entwickeln zu lassen – sowohl was die politische Beteiligung im europäischen Mehrebenensystem als auch was die Rolle dieses Systems in der Bildung angeht.
Basierend auf einem gemeinsamen Konzept gelang es, Perspektiven aus unterschiedlichen europäischen Ländern zu sammeln. Insgesamt entwickelten über 300 Teilnehmer:innen mehr als 400 Empfehlungen. Auch wenn die Ergebnisse nicht zwingend repräsentativ sind, stellen sie ein interessantes Stimmungsbild dar: Während erwartbar konkrete politische Forderungen und Zielsetzungen je nach nationalem Hintergrund divergierten, zeigte sich auch Übereinstimmung in vielen zentralen Forderungen.
Hohes politisches Interesse
Zuerst die gute Nachricht: Wenn es nach den Ergebnissen der Labs geht, ist das politische Interesse junger Menschen hoch. Auch die Bereitschaft, sich mit der komplexen Realität des europäischen Mehrebenensystems auseinanderzusetzen und sich über partizipative Prozesse einzubringen, ist unter den Teilnehmenden klar erkennbar. So sind zuerst die Labs selbst als Erfolg zu werten: Diese Form der interaktiven und auf die aktive Rolle der Teilnehmenden fokussierte Form der Auseinandersetzung mit politischen Themen funktioniert.
Doch die Labs zeigen auch sehr deutlich, dass es akuten politischen Handlungsbedarf gibt. Im Folgenden sollen die wichtigsten und meistgenannten Empfehlungen der Teilnehmenden beschrieben werden.
Wunsch nach mehr Beteiligung und zugänglicherer Kommunikation
Ein zentrales Anliegen der jungen Europäer:innen ist es, Bürger:innen mehr Einfluss und Möglichkeiten der Partizipation zu bieten. So waren Bürgerforen oder andere konsultative Formen der Beteiligung eine wiederkehrende Empfehlung in vielen Labs – teilweise gepaart mit der konkreten Forderung, besonders junge Bürger:innen besser einzubinden.
Denn, und dies wird in der zweiten wichtigen Empfehlung deutlich: Die Teilnehmer:innen fühlen sich zu wenig gehört und ernst genommen. So werden Politiker:innen angehalten, mehr direkten Kontakt besonders zu jungen Menschen zu suchen, ihre Kommunikation zugänglicher zu gestalten, besser (oder überhaupt) die sozialen Medien als Kommunikationsforum zu nutzen. Generell soll die politische Kommunikation an die Bedürfnisse verschiedener Generationen und sozioökonomischer Gruppen angepasst werden.
Diese Empfehlung beschränkt sich allerdings nicht nur auf Politiker:innen. Insgesamt fordern unsere Teilnehmer:innen, dass Informationen zu Politik und Institutionen leichter zugänglich gemacht werden und in einer Art und Weise vermittelt, die für möglichst viele verständlich ist. Denn während die Teilnehmer:innen durchaus gewillt sind, sich am politischen Leben zu beteiligen, fühlen sie sich häufig nicht ausreichend informiert.
Kernforderung: Bessere politische Bildung
Dieser Umstand ist allerdings nicht allein der politischen Kommunikation zuzuschreiben. Wenn ein Anliegen der Teilnehmer:innen aller Labs besonders heraussticht, so ist es der Wunsch nach einer Anpassung, konkret einer deutlichen Verbesserung, der politischen Bildung. Die Forderung nach einer Anpassung der Lehrpläne über alle Altersgruppen hinweg mit mehr politischer Bildung manifestierte sich in der großen Mehrzahl aller Labs.
Politische Bildung zielt dabei vor allem auf die Vorbereitung auf ein aktives Mitwirken in der Demokratie ab. So sind es dann auch die grundlegenden Werte und Funktionsweisen der Demokratie, die in der politischen Bildung vermittelt werden sollen. Oft gingen die Empfehlungen so weit, diese politische Bildung müsse über Altersgruppen hinweg verpflichtend sein. Interessant ist vor dem Hintergrund auch ein weiterer Fokus der Teilnehmer:innen: Auch der kritische Umgang mit sozialen Medien und kritisches Denken allgemein müsste, ginge es nach unseren Empfehlungen, ein Fokus der politischen Bildung sein. Insgesamt sahen die Teilnehmer:innen soziale Medien und die daraus folgenden Kommunikationsdynamiken oft eher als Herausforderung denn als Chance für die Demokratie an.
Zusammenfassend lässt sich also festhalten: Die Teilnehmer:innen wünschen sich mehr Gehör, bessere Interaktions- und Partizipationsmöglichkeiten und mehr und bessere Information über Politik und System sowie eine bessere Vorbereitung auf die Rolle als aktive Bürger:innen demokratischer Gesellschaften.
Der europapolitischen Bildung fehlt oft die Bürgerdimension
Besonders mit Blick auf das Mehrebenensystem, in dem wir uns bewegen, könnten diese Forderungen nicht zeitgemäßer und treffender sein. So decken sich die Einsichten und Erfahrungen der Teilnehmer:innen mit der politikdidaktischen Forschung.
Die politische Bildung verfehlt häufig die Ziele, die sie, jedenfalls laut unserer Teilnehmer:innen, haben sollte. Während die EU in den Lehrplänen an Schulen durchaus zunehmend vertreten ist, bleibt das Wissen der Schüler:innen hinter den Erwartungen zurück. Wenn vermittelt, handelt es sich bei EU-politischem Unterricht oft um „reine Institutionenkunde“. Eine Erfahrung, die auch viele von uns in der Hochschullehre machen: Wissen zur Europäischen Union ist oft „eindimensional“ und beschränkt sich auf „Brüssel“ und die EU-Institutionen. Die Europäische Union wird mitnichten als Mehrebenensystem gedacht und verstanden.
Dieses falsche Verständnis erschwert es nicht nur, Verantwortlichkeiten richtig nachzuvollziehen und Narrative über „Brüsseler Bürokrat:innen“ als oft realitätsfern zu entlarven. Wenn das politische System der EU nicht konsequent bis zur Bürger:in und in seinen teils quasi-föderalen Strukturen verstanden wird, kann auch Partizipation und Teilhabe in diesem Rahmen nicht imaginiert, geschweige denn umgesetzt werden. Die Europäische Union ist eben kein System, dass den Mitgliedstaaten „übergestülpt“ wurde – sie besteht nur mit und aus den Mitgliedstaaten, den Regionen, Kommunen und letztendlich Bürger:innen heraus.
Mehr Mitbestimmung über Lehrpläne politischer Bildung
Des Weiteren fordern unsere Teilnehmer:innen, dass „ihre“ Themen, die in ihren Lebensrealitäten zentral sind, besser in den Lehrplänen berücksichtigt werden. In der Tat könnte mehr Mitbestimmung auch bei der Ausgestaltung (und der Umsetzung) der im Curriculum vorgegebenen Inhalte die politische Bildung zugänglicher und interessanter machen – und nicht zuletzt dadurch selbst zu einer Übung gelebter Demokratie werden.
Auch andere Formen der Beschäftigung mit politischen Inhalten, z.B. durch Gamification, sind sowohl durch die Teilnehmer:innen unserer Labs erwünscht und erweisen sich in der Praxis als sinnvolle Ergänzung..
Politische Bildung scheitert oft an konkreten Problemen
Die Umsetzung dieser und noch viel mehr guter Ideen, die im Diskurs um (EU-)politische Bildung vertreten sind, scheitern allerdings oft an ganz konkreten Problemen. Da ist zum einen die, jedenfalls gefühlte, fehlende Flexibilität von Lehrkräften angesichts festgeschriebener und in zentralisierten Prüfungsformaten verlangter Inhalte. Oft geht es dabei um „auswendiges“ Kennen von Institutionen und Prozessen – welches natürlich auch erheblich leichter geprüft werden kann.
Zum anderen mangelt es oft aber auch tatsächlich an Flexibilität der Lehrkräfte, die (unverschuldet) selbst nicht die notwendige Vorbereitung und das Grundwissen mitbringen, besonders wenn der Blick sich über das nationale politische System weiten soll. Dies liegt auch daran, dass die Realitäten des EU-politischen Systems auch in den Universitäten, besonders in der Lehrer:innen-Ausbildung, bis heute zu kurz kommen.
Auch die Lehrkräfte selbst brauchen ein tieferes Verständnis der EU
Gleichzeitig braucht es eine solide Kenntnis der politischen Abläufe, um sie sicher und flexibel vermitteln zu können. Besonders wenn der Anspruch ernst genommen wird, die EU über alle Ebenen zu denken und zu vermitteln, ist das eine durchaus komplexe Aufgabe. Denn dann reicht es eben nicht, die EU-Institutionen und deren Zusammenspiel zu verstehen. Vielmehr müssen auch Prozesse der nationalen und regionalen Umsetzung, demokratische Beteiligungsformen (und -defizite), Fragen der Legitimität und Verantwortlichkeit sowie die komplexe Verteilung politischer Kompetenzen zwischen den Ebenen unseres politischen Systems bekannt sein.
Nur so könnte eine europapolitische Bildung gelingen, die demokratische Kompetenzen entwickelt und auch kritisches Reflektieren über die Realitäten politischer und demokratischer Prozesse in der EU ermöglicht. Diese Aufgabe wird umso schwerer, wenn der Politikunterricht zunehmend von fachfremdem Lehrpersonal übernommen wird.
Ein Toolkit für die politische Bildung
Die politische Bildung vor allem in Bezug auf die Europäische Union zu verbessern ist eine Aufgabe, die langfristige Anstrengung erfordert und verschiedene Institutionen in die Pflicht nimmt, von der Politik über die Universitäten bis hin zur Schule selbst. Dennoch sind auch kurzfristige Verbesserungen möglich – etwa indem politische Akteure sich dem Kontakt mit Schüler:innen öffnen, und zwar nicht nur Parteipolitiker:innen und nicht nur zu Wahlkampfzeiten. Und auch Wissenschaftler:innen sollten im Sinne der „Third Mission“ ihren Blick über die eigenen Seminarräume weiten und Wissen und Lehre aus der Universität hinaustragen.
Das ActEU-Projekt versucht, mit einem Toolkit für den Bildungssektor einen solchen Beitrag zu leisten. Es basiert unter anderem auf den Empfehlungen aus den Labs und enthält Ressourcen für die politische Bildung zur EU, Pläne für interaktive Workshops, Videos und Cartoons. So können die Youth Democracy Labs vielleicht einen Weg aufzeigen, wie es gelingen kann, junge Stimmen in wissenschaftliche Prozesse und Ergebnisse einzubeziehen und so konkret die Voraussetzungen zu verbessern, um junge Europäer:innen auf eine aktive Rolle als Bürger:innen der EU vorzubereiten.
Alex Hoppe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Europäische Integration und Europapolitik sowie Lehrkraft am Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen. Er forscht zu Beschlussfassung, Transparenz und der Rolle von Bürger:innen in der EU sowie zu nationaler Umsetzung von EU-Politik. |
Eine ausführliche Darstellung der Ergebnisse der ActEU Youth Democracy Labs findet sich im „Integrated report on recommendations deriving from national ActEU Youth Democracy Labs“, der im August 2025 erschienen ist.
Das ActEU-Toolkit für den Bildungssektor steht auf der Website des Projekts zur Verfügung.
Am 5. Februar 2026 findet in Brüssel die Abschlusskonferenz des Projekts ActEU statt. Weitere Informationen und Anmeldung hier.
|
![]() |
|


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Kommentare sind hier herzlich willkommen und werden nach der Sichtung freigeschaltet. Auch wenn anonyme Kommentare technisch möglich sind, ist es für eine offene Diskussion hilfreich, wenn Sie Ihre Beiträge mit Ihrem Namen kennzeichnen. Um einen interessanten Gedankenaustausch zu ermöglichen, sollten sich Kommentare außerdem unmittelbar auf den Artikel beziehen und möglichst auf dessen Argumentation eingehen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Meinungsäußerungen ohne einen klaren inhaltlichen Bezug zum Artikel hier in der Regel nicht veröffentlicht werden.