26 Januar 2026

Von Sitzen zu Stimmungen: Was uns Österreich über Vertrauen und Repräsentation in einem Mehr-Ebenen-Europa lehren kann

Von Ermela Gianna, Matilde Ceron und Zoe Lefkofridi

Das Horizon-Europe-Projekt Activating European Citizens’ Trust in Times of Crisis and Polarisation (ActEU) untersucht Fragen politischen Vertrauens und demokratischer Legitimität in Europa. Dieser Artikel ist Teil einer Serie, in der ActEU-Forscher:innen ihre Ergebnisse präsentieren.
An Austrian and an EU flag next to each other
„Im Mikrokosmos Österreich zeigen sich die demokratischen Herausforderungen Europas: Die Repräsentation ist breiter geworden, doch das politische Vertrauen bleibt fragil.“

Österreich ist beispielhaft für ein aufschlussreiches Paradoxon, das weit über seine Grenzen hinaus von Bedeutung ist: Das Parlament des Landes ist inklusiver geworden, seine Mitglieder vielfältiger und die Aufmerksamkeit für Gleichstellungsfragen in der parlamentarischen Arbeit höher. Dennoch fühlen sich einige Bürger:innen weiterhin unterrepräsentiert und bringen den zentralen politischen Institutionen nur mäßiges Vertrauen entgegen.

In diesem kurzen Artikel diskutieren wir das Verhältnis zwischen der objektiven (deskriptiven und substanziellen) Repräsentation der Bürger:innen und ihrer subjektiven Repräsentationserfahrung sowie ihrem Vertrauen in repräsentative Institutionen. Man könnte erwarten, dass diese drei Aspekte eng miteinander verbunden sind. Tatsächlich aber sind unsere Ergebnisse komplexer. Ein besseres Verständnis davon, wie das Gefühl der Bürger:innen, repräsentiert zu werden, mit ihrem Vertrauen in demokratische Institutionen verbunden ist (oder nicht verbunden ist), kann Aufschluss über die Zusammenhänge zwischen Inklusion, Responsivität und wahrgenommener Fairness auf allen Ebenen der Regierungsführung geben.

Um zu verstehen, warum Repräsentation nicht immer zu mehr Vertrauen führt, hilft es, diese Dynamike aus einer Mehr-Ebenen-Perspektive, nämlich auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene zu betrachten. Für die Europäische Union wirft die Erfahrung Österreichs eine umfassendere Frage auf: Was stützt die Legitimität in einer supranationalen Demokratie, in der mehrere Arenen der Repräsentation nebeneinander bestehen?

Was sagen die Zahlen? Deskriptive und substanzielle Repräsentation

In deskriptiver Hinsicht ist der österreichische Nationalrat in den letzten beiden Legislaturperioden vielfältiger geworden. Zwischen 2017 und 2024 stieg der Frauenanteil von 36 auf 41 Prozent, und der Anteil offen LGBTQI+-lebender Mitglieder stieg von etwa 1 auf 4 Prozent. Der Anteil der Abgeordneten mit Migrationshintergrund hat sich von 2 auf 5 Prozent mehr als verdoppelt – liegt aber immer noch unter den rund 8 Prozent der Österreicher:innen mit einem solchen Hintergrund. Die Vertretung junger Menschen bleibt mit rund 6 Prozent begrenzt, und die Abgeordneten kommen weiterhin überproportional aus hochgebildeten sozialen Schichten. 

Diese graduelle Diversifizierung ist wichtig, aber sie zeigt nur einen Teil der Geschichte. Wenn wir uns ansehen, was die Abgeordneten tatsächlich tun, zeigen parlamentarische Anfragen ein Muster selektiver Responsivität. Gleichstellung der Geschlechter und Klimawandel gehören zu den häufigsten Themen und machen jeweils etwa 13 bis 15 Prozent aller schriftlichen Anfragen aus. LGBTQI+-Themen genießen ebenfalls eine relativ hohe Sichtbarkeit. Migrations- und Minderheitenfragen ziehen hingegen weit weniger Aufmerksamkeit auf sich. Diese Muster spiegeln wider, welche politischen Anreize und ideologischen Prioritäten die parlamentarische Arbeit prägen. 

Fühlen sich österreichische Bürger:innen repräsentiert? 

Wendet man den Blick vom Parlament zur Bevölkerung, wird das Bild noch komplexer. Die Ergebnisse einer von ActEU durchgeführten Meinungsumfrage zeigen, dass die Repräsentationswahrnehmung der Österreicher:innen durchwachsen ist. Mehr als jede zehnte Bürger:in gibt an, sich überhaupt nicht vertreten zu fühlen, und etwa ein Drittel sieht sich nur „etwas“ vertreten. Nur etwa 20 Prozent fühlen sich gut vertreten.

Die Wahrnehmung unterscheidet sich auch zwischen sozialen Gruppen. Bürger:innen mittleren Alters und wirtschaftlich benachteiligte Bürger:innen fühlen sich tendenziell unterrepräsentiert, während sprachliche Minderheiten und Hochgebildete eine stärkere Verbindung zu ihren Vertreter:innen verzeichnen.

Zudem variieren die Empfindungen je nach Regierungsebene: Einige Gruppen empfinden eine stärkere Repräsentation auf EU-Ebene, andere auf regionaler oder nationaler Ebene. Beispielsweise fühlen sich Befragte mit Migrationshintergrund zuweilen in der europäischen Politik stärker wahrgenommen, wo sie sich mit ihrer eigenen Staatsangehörigkeit vertreten fühlen. Menschen, die mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, sehen ihre Vertretungslücke wiederum häufig auf nationaler Ebene, da dort die Entscheidungen über Sozialleistungen und Steuern getroffen werden.

Diese Ergebnisse zeigen, dass Repräsentation kein einstufiger Prozess ist, sondern eine vielschichtige Erfahrung. Menschen beurteilen ihr Gefühl, gehört zu werden, danach, wo ihrer Meinung nach Entscheidungen getroffen werden, die für sie von Bedeutung sind.

Vertrauen in das österreichische Parlament

Auf einer Zehn-Punkte-Skala liegt das durchschnittliche Vertrauen in den österreichischen Nationalrat bei etwa 4,5, wobei die Werte für die Regierungsparteien etwas niedriger ausfallen (3,9). Die Medianwerte liegen bei etwa 5 für das Parlament und die Opposition und bei 4 für die Regierung. Bemerkenswerte 11 bis 17 Prozent der Österreicher geben an, überhaupt kein Vertrauen in diese Institutionen zu haben.

Das Vertrauen variiert zwischen sozialen Gruppen. Frauen und Bürger:innen mittleren Alters zeigen etwas weniger Vertrauen in das Parlament, während sprachliche Minderheiten ein höheres Vertrauen bekunden. Ältere Befragte vertrauen den Regierungsparteien weniger, und wirtschaftlich benachteiligte Bürger:innen äußern weniger Vertrauen in die Opposition – was möglicherweise ihre Enttäuschung über den politischen Wettbewerb selbst widerspiegelt. Interessanterweise zeigen Bürger:innen mit Migrationshintergrund und LGBTQI+-Befragte tendenziell mehr Vertrauen in das nationale Parlament als andere, was möglicherweise auf eine Anerkennung ihrer wachsenden Sichtbarkeit im politischen Leben hindeutet.

Hinsichtlich der unterschiedlichen Regierungsebenen schwankt das Vertrauen eher, als dass es mit zunehmender Entfernung systematisch abnähme. So gibt es Bürger:innen, die der nationalen Politik misstrauen, aber den EU-Institutionen vertrauen, während andere ein umgekehrtes Muster aufweisen. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich von teilweisem Vertrauen, was darauf hindeutet, dass positive Erfahrungen auf einer Ebene nicht automatisch zu mehr Vertrauen auf einer anderen Ebene führen.

Die Kluft zwischen Repräsentation und Vertrauen überbrücken

Was sagen uns diese Muster über die Demokratie in einem Mehr-Ebenen-Europa? Die erste Erkenntnis ist, dass die Einbeziehung in das Parlament – wer einen Sitz erhält – und die Responsivität der parlamentarischen Arbeit – welche Themen angesprochen werden – zwar notwendig, aber nicht ausreichend sind, um das Vertrauen der Bürger:innen zu gewährleisten. Die Repräsentation muss von den Bürger:innen auch wahrgenommen und gefühlt werden. Wenn Gruppen ihre Anliegen nicht in sichtbaren politischen Agenden wiederfinden oder wenn Verbesserungen in der deskriptiven Vertretung nicht mit substanziellem Engagement einhergehen, bleibt der Vertrauensgewinn fragil.

Zweitens zeigt der Fall Österreichs, wie Vertrauen und Repräsentation auf verschiedenen Regierungsebenen unterschiedlich zusammenwirken. Wenn Bürger:innen Fairness und Responsivität bewerten, geschieht das auch unter dem Blickwinkel, wo bestimmte politische Maßnahmen und Politikbereiche angesiedelt sind. Wirtschaftliche Benachteiligung beispielsweise beeinträchtigt das Gefühl der Repräsentation auf nationaler Ebene, und bestimmte Minderheitengruppen fühlen sich auf EU-Ebene besser anerkannt. Diese Muster deuten darauf hin, dass sich die Erwartungen in die nationale und lokale Ebene von jenen in die EU-Ebene unterscheiden können – entsprechend den unterschiedlichen Kompetenzen der verschiedenen Ebenen bzw. ihrer wahrgenommenen Haltung gegenüber Minderheitenrechten.

Verstärkt werden können solche Spannungen schließlich noch durch Diskrepanzen zwischen der Bedeutung eines Themas in der öffentlichen und in der politischen Debatte. Die starke Fokussierung auf Geschlechtergleichstellung und Klimawandel in der parlamentarischen Arbeit Österreichs spiegelt echte Fortschritte wider. Andere Themen, die in der Debatte mit den Bürger:innen stark politisiert sind, beispielsweise Migration, finden in der Arbeit des Nationalrats hingegen nur begrenzte Beachtung.

Implikationen für eine supranationale Demokratie

Für die EU ergeben sich aus diesen Erkenntnissen zwei weitreichende Schlussfolgerungen. Die erste ist die Notwendigkeit, Repräsentation und Vertrauen als Mehr-Ebenen-Frage zu behandeln. Bemühungen zur Stärkung der demokratischen Legitimität dürfen sich nicht darauf beschränken, die Inklusion innerhalb der nationalen Parlamente oder des Europäischen Parlaments zu verbessern. Vielmehr muss auch sichergestellt werden, dass die Bürger:innen eine ebenenübergreifende Konsistenz und Kohärenz wahrnehmen. Wenn Repräsentation als fragmentiert empfunden wird, kann Vertrauen nicht ohne Weiteres nach oben oder unten fließen.

Der zweite Punkt betrifft die Breite der politischen Agenda. Eine Demokratie mit selektiver Responsivität läuft Gefahr, ihre eigene Legitimität auszuhöhlen. Wenn Institutionen nur Themen aufgreifen, die in die ideologischen Komfortzonen der Mainstream-Gesellschaft passen, lassen sie Bereiche unberücksichtigt – wie beispielsweise migrationsbezogene Themen in Österreich –, die populistische und systemkritische Akteur:innen mit Ressentiments füllen können. Um Vertrauen aufrechtzuerhalten, ist es insbesondere in einem supranationalen Staatswesen wie der EU notwendig, Kanäle für diejenigen offen zu halten, die sich derzeit unbeachtet fühlen.

Die österreichischen Erfahrungen stellen somit einen Mikrokosmos dar, in dem sich die größeren demokratischen Herausforderungen Europas zeigen. Die Repräsentation ist breiter geworden, sowohl hinsichtlich der Personen, die zu Wort kommen, als auch hinsichtlich der Themen, die diskutiert werden. Dennoch bleibt das politische Vertrauen ungleichmäßig und fragil. Die Verbindung zwischen Sitzen und Stimmungen – zwischen messbarer Inklusion und gelebter Anerkennung – wiederherzustellen ist unerlässlich, damit die Mehr-Ebenen-Demokratie Europas nicht nur formal repräsentativ bleibt, sondern auch in der Praxis Vertrauen genießt.

Ermela Gianna ist Postdoktorandin am Fachbereich Politikwissenschaft der Universität Salzburg.

Matilde Ceron ist Marie Skłodowska-Curie Research Fellow am Europäischen Hochschulinstitut (EUI) in Florenz sowie Postdoktorandin am Fachbereich Politikwissenschaft der Universität Salzburg.

Zoe Lefkofridi ist Professorin für Politik & Geschlecht, Diversität & Gleichheit am Fachbereich Politikwissenschaft der Universität Salzburg.

Dieser Artikel basiert auf Daten, die für das Projekt ActEU erhoben wurden und im von ActEU herausgegebenen „Report on the patterns of objective and subjective representation across countries and across parties within countries“ enthalten sind.

Österreich wird auch ein Schwerpunkt des in Kürze erscheinenden Buches „ActEU: Towards a new era of representative democracy – Activating European Citizens’ Trust in Times of Crises and Polarization“ sein.


Am 5. Februar 2026 findet in Brüssel die Abschlusskonferenz des Projekts ActEU statt. Weitere Informationen und Anmeldung hier.


Übersetzung: Manuel Müller.
Bilder: Flaggen: Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons; Porträts Ermela Gianna, Matide Ceron, Zoe Lefkofridi: privat [alle Rechte vorbehalten].

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