06 November 2023

Am Scheideweg: Nach den Parlamentswahlen in Polen

Von Cordelia Buchanan Ponczek
Portrait Donald Tusk
Donald Tusk hat gute Aussichten, nächster polnische Premierminister zu werden. Doch der Weg zu einer neuen Regierung ist noch lang und könnte ungemütlich werden.

Am 15. Oktober haben die polnischen Wähler:innen Geschichte geschrieben. Das Land verzeichnete die höchste Wahlbeteiligung aller Zeiten – 74,7 % –, noch höher als bei den ersten demokratischen Wahlen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus (62,7 % bei den Parlamentswahlen 1989; 60,6 % bei den Präsidentschaftswahlen 1990). Diese Wahlbeteiligung ist von entscheidender Bedeutung, denn sie zeigt, wie engagiert die polnische Bevölkerung war und wie deutlich sie der derzeitigen Regierungspartei PiS (EKR) die Fortsetzung ihres Mandats verweigerte.

Die Szenen am Wahltag waren inspirierend. Im ganzen Land und im Ausland bildeten sich stundenlange Schlangen. Die letzte Stimme wurde um 2:48 Uhr nachts von einer Frau, Agata, in Wrocław (Breslau), Niederschlesien, abgegeben. In einigen Wahllokalen gingen sogar die Stimmzettel aus, was zu der Befürchtung führte, dies könnte absichtlich geschehen sein. Der Eindruck war, dass es in den ländlichen Gebieten (wo viele PiS-Wähler:innen leben) leichter war zu wählen als im Ausland und in den städtischen Zentren (wo es viele Oppositionswähler:innen gibt). Die Wahlbeteiligung war ermutigend, aber die Wahl wurde durch das angespannte Umfeld und die ungewissen Folgen überschattet. Weiterhin ringen die Parteien darum, wer Polen in den nächsten Jahren führen wird.

Freie, aber auch faire Wahlen?

Die Debatte über die Länge der Warteschlangen ist Teil einer größeren Diskussion darüber, ob es bei der Wahl frei und fair zuging. Im Vorfeld der Wahl wurden in großem Umfang öffentliche Dienste genutzt, um die Position der Regierungspartei zu stärken.

Die PiS-Regierung unter Mateusz Morawiecki nutzte ihre Kontrolle über den staatlichen Sender TVP Info, um ihre Parteilinie durchzusetzen. (Wie die New York Times berichtet, gab TVP Info 66 % seiner Sendezeit an die PiS und nur 10 % an die wichtigste Oppositionspartei.) Mit staatlichen Mitteln wurden Wahlbeteiligungsprämien ausgezahlt, um die Wahlbeteiligung in ländlichen Gebieten zu fördern. Zudem wurde die Regierungspartei beschuldigt, die staatlich kontrollierte Öl- und Gasgesellschaft Orlen zu nutzen, um vor der Wahl die Benzinpreise künstlich zu drücken.

Auch die Aufnahme von Referendumsfragen auf den Stimmzettel war de facto ein Lackmustest für die Unterstützung der PiS. Die Wähler:innen mussten den Stimmzettel für das Referendum gesondert abgeben, was auch als sichtbares Zeichen dafür verstanden werden konnte, ob ein:e Wähler:in mit der PiS sympathisierte. Die Opposition hatte ihre Wähler:innen zu einem Boykott des Referendums aufgefordert, das schließlich am 50-Prozent-Quorum scheiterte.

Junge, weibliche und „Unsichtbare-Mitte“-Wähler:innen

Unter den Wähler:innen war die Beteiligung vor allem bei drei Gruppen auffällig hoch: Jungwähler:innen, Frauen sowie die normalerweise abwesenden Wähler:innen der „unsichtbaren Mitte“. Die Wahlbeteiligung der 18- bis 29-Jährigen lag bei satten 68,8 % – eine beeindruckende Zahl, vor allem im Vergleich zur Wahlbeteiligung der Jungwähler:innen im Jahr 2019, die nur bei 46,4 % lag. Diesmal gab es mehr Wähler:innen in der Altersgruppe der Unter-29-Jährigen als in der Altersgruppe der Über-65-Jährigen.

Die PiS schnitt bei diesen jungen Wähler:innen nicht gut ab. Ein Grund dafür ist die Pro-EU-Haltung der Jugend im Gegensatz zur EU-feindlichen Haltung der PiS. Ein weiterer Faktor waren die Medien. Anders als die PiS nutzte die Opposition geschickt die sozialen Medien, insbesondere Seiten wie TikTok und Instagram. Andererseits konsumieren jüngere Wähler:innen auch wenig bis gar keine von der PiS kontrollierten Fernseh- und Radiomedien.

Unter den Frauen lag die Wahlbeteiligung bei 74,7 %. Abtreibung war ein zentrales Wahlkampfthema, und viele Frauen beteiligten sich an der Wahl, um auf die scharfe Anti-Abtreibungspolitik und -rhetorik der PiS zu reagieren. Nach einer Umfrage von Pew Research befürworten 56 % der Pol:innen den Zugang zur Abtreibung, auch in kleineren Städte und sogar Dörfern. Dass im Mai 2023 eine 33-jährige Frau, Dorota, and Schwangerschaftskomplikationen verstarb, die durch Polens strenge Abtreibungsgesetze verschlimmert worden waren, brachte Demonstrant:innen auf die Straße und sorgte dafür, dass das Thema für die Wähler:innen in den Vordergrund rückte.

Aggressive PiS-Strategie verschreckt Mitte-Wähler:innen

Die letzte Gruppe mit einer hohen Wahlbeteiligung waren die Wähler der „unsichtbaren Mitte“, also Menschen aus mittelgroßen Städten und mittleren Alters. Diese Gruppe ist für ihre Apathie bekannt; normalerweise fühlt sie sich nicht verpflichtet oder inspiriert, zur Wahl zu gehen. Doch dieses Mal trieb die PiS mit ihrer aggressiven Strategie des Tusk-Bashings und der Polarisierung die Menschen zum Handeln. Anders als 2015 und 2019 richtete sich das Angebot der PiS an den harten Kern ihrer eigenen Parteianhänger:innen, nicht an die politische Mitte.

Das hatte mehrere Folgen: Erstens trieb es die normalerweise apathischen Wähler:innen an die politischen Pole. Zweitens brachte es gemäßigte potenzielle PiS-Wähler:innen dazu, andere Parteien zu wählen, in diesem Fall PO (EVP) oder TD (ein Bündnis aus PSL/EVP und PL2050/ ALDE-nah). Ein drittes Ergebnis war, dass die übliche PiS-Dominanz in ländlichen Regionen schwächer ausfiel als sonst. In polnischen Dörfern – typischerweise PiS-Hochburgen – sank der Stimmenanteil der PiS um 11 Prozentpunkte, von 56 % im Jahr 2019 auf 45 % in diesem Jahr. Die Wahlbeteiligung im ländlichen Raum war zwar höher als in den Städten, aber die Wähler:innen entschieden sich ebenso häufig für die Opposition wie für die PiS.

Die alte Regierung verfehlt die Mehrheit

Im Ergebnis verteilen sich die Parlamentssitze auf fünf Gruppierungen. Jarosław Kaczyńskis Prawo i Sprawiedliwość (PiS/ECR) erhielt 35,4 % der Stimmen und damit 194 Sitze im 460 Sitze zählenden Unterhaus des polnischen Parlaments, dem Sejm. Damit fehlen der alten Regierung 36 Sitze zur Mehrheit. Zweite Kraft ist die Koalicja Obywatelska (KO), ein Mitte-Rechts-Bündnis, das von der PO/EVP dominiert wird, dem aber unter anderem auch die Zieloni/EGP angehören. Unter Führung des ehemaligen PO-Premierministers und ehemaligen Präsidenten des Europäischen Rates Donald Tusk erhielt die KO 30,7 % der Stimmen und 157 Sitze.

Danach kam Trzecia Droga (TD), ein Mitte-rechts-Bündnis aus Szymon Hołownias PL2050 (ALDE-nah) und PSL (EVP). Mit 14,4 % der Stimmen erreichte es 65 Sitze im Parlament. Lewica, ein Linksbündnis aus drei kleinen Parteien, erhielt 8,6 % der Stimmen und 26 Sitze. Und die neue Rechtsaußenpartei Konfederacja kam auf 7,2 % der Stimmen und 18 Sitze.

Im Oberhaus des Parlaments, dem Senat, erreichte der Pakt Senacki (ein Bündnis aus KO, PSL, PL2050 und Lewica) 66 Sitze gegenüber 34 Sitzen der PiS.

PiS – Paria unter den möglichen Koalitionspartnern

Die PiS „gewann“ also die Wahl, da sie die meisten Sitzen holte. Sie verfehlte aber die Mehrheit im Parlament, und beide Parteien, die für eine Koalition in Frage kämen, haben dies öffentlich abgelehnt. Dies ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass die PiS in den Wochen vor der Wahl ihre Beziehungen zu anderen Parteien massiv beschädigt hat.

Zum einen hat die Konfederacja erklärt, dass sie keine Koalition mit der PiS eingehen werde – und selbst wenn sie es täte, würde ein solches Bündnis im Parlament nicht genügend Sitze erreichen. Zum anderen hat sich auch die einem Bündnis mit der PiS verweigert, da dem Parteivorsitzenden zufolge das polnische Volk eindeutig für einen Wandel gestimmt habe und eine Allianz mit der PiS dem zuwiderlaufen würde.

Allerdings ist die PSL für ihre hohe Bereitschaft bekannt, mit allen möglichen Partnern Koalitionen einzugehen. (In einem polnischen Witz fragt ein Fernsehteam die PSL-Führung: „Wer wird die Wahl gewinnen?“ Und der PSL-Chef antwortet selbstbewusst: „Unser nächster Koalitionspartner natürlich!“) Es gibt deshalb einen Restzweifel daran, ob die PSL ihr Versprechen, keine Koalition mit der PiS einzugehen, tatsächlich einhalten wird – zumal die PiS hinter verschlossenen Türen hartnäckig versuchen dürfte, die PSL umzustimmen.

Der Ball liegt bei Präsident Duda

Klar ist aber, dass nach dem Wahlergebnis eine mögliche Koalition aus KO, TD und Lewica im Parlament eine Mehrheit von 248 Sitzen hätte. An dieser Stelle werden die Dinge ein wenig haarig. Da die PiS technisch gesehen die meisten Sitze hat und der polnische Präsident Andrzej Duda der PiS angehört, wird er der Partei voraussichtlich als Erstes die Chance geben, eine Regierungskoalition zu bilden. Dies wird den Prozess in die Länge ziehen und für ein gewisses Chaos sorgen (in dessen Verlauf viele Dinge passieren könnten, mehr dazu gleich). Am Ende ist es aber wahrscheinlich, dass die PiS keine Regierung bilden kann, die die erforderliche Vertrauensabstimmung übersteht, und dass eine KO-TD-Lewica-Koalition zustande kommt.

Inzwischen liegen die Wahlen zwei Wochen zurück, und Präsident Duda hat die Opposition noch nicht aufgefordert, eine Regierung zu bilden. Nach Art. 109 der polnischen Verfassung muss der Präsident innerhalb von 30 Tagen eine Sitzung des neuen Parlaments einberufen, die von einer von ihm ernannten Premierminister:in geleitet wird. Innerhalb der Opposition gibt es Gespräche, um die Verzögerung zu umgehen: Durch einen Koalitionsvertrag mit Unterschriften von Abgeordneten könnte Duda gezeigt werden, dass bereits eine tragfähige Regierung gebildet werden kann. Es wird jedoch allgemein erwartet, dass Duda darauf nicht eingeht und stattdessen eine PiS-Kandidat:in benennt. Diese designierte Premierminister:in wird dann eine Regierung vorschlagen, die Duda innerhalb von 14 Tagen nach der ersten Parlamentssitzung, also spätestens Ende November, ernennen muss (Art. 154 (1) polnische Verfassung).

Die neue (PiS-geführte) Regierung muss dann ihr Regierungsprogramm vorlegen und sich innerhalb von 14 Tagen einer Vertrauensabstimmung im Sejm stellen (Art. 154 (2) polnische Verfassung). Bei dieser Abstimmung wird die PiS die erforderliche Mehrheit wahrscheinlich nicht erreichen – sofern niemand die Seiten wechselt, was allerdings nicht ausgeschlossen ist. In ihrem verzweifelten Bemühen, eine Koalition zu bilden, um an der Macht zu bleiben, bietet die PiS potenziellen Koalitionspartnern in den Regierungsverhandlungen wahrscheinlich einige sehr verlockende Angebote.

KO-TD-Lewica-Koalition im Entstehen

Wenn die PiS bei der Vertrauensabstimmung scheitert, hat das Parlament erneut 14 Tage Zeit, eine neue Premierminister:in und eine neue Regierung zu wählen und eine Vertrauensabstimmung darüber durchzuführen (Art. 154 (3) polnische Verfassung). Diese neue Regierung wird wahrscheinlich aus KO, TD und Lewica bestehen.

Eine Koalitionsvereinbarung zwischen diesen drei Parteien wird intensive Verhandlungen nötig machen, da jede die anderen für die neue Regierung braucht. Gleichzeitig gibt es viele Unterschiede zwischen den Parteien – was sie hauptsächlich eint, ist nur ihre gemeinsame Abneigung gegen die PiS. Voraussichtlich wird es zu einem heftigen Gerangel um wichtige Ministerposten und zu Meinungsverschiedenheiten darüber kommen, wie die Politik der PiS zurückgedrängt werden kann und welcher Kurs stattdessen eingeschlagen werden soll.

Im schlimmsten Fall könnte es sein, dass überhaupt keine Regierung die Vertrauensabstimmung übersteht. In diesem Fall muss Duda das Parlament auflösen und Neuwahlen innerhalb von 45 Tagen ausrufen. Angesichts der Entschlossenheit von KO, TD und Lewica, die derzeitige PiS-Regierung abzulösen, ist dies jedoch unwahrscheinlich.

Noch ein weiter Weg

Auf jeden Fall aber ist der Weg zu einer neuen Regierung noch lang und könnte in den nächsten Wochen ungemütlich werden. Der PiS-Parteichef Jarosław Kaczyński hat bereits behauptet, dass „ausländische Einmischung“ die polnischen Wähler:innen beeinflusst haben könnte. Der PiS-Abgeordnete Antoni Macierewicz beschuldigte den TD-Vorsitzenden, Verbindungen zum russischen Geheimdienst zu unterhalten. PiS-Sprecher:innen und parteinahe Medien haben davor gewarnt, dass eine Oppositionsregierung zu einem „Vierten Reich“, einem „Dritten Weltkrieg“ und dem Zusammenbruch der polnischen Gesellschaft führen würde.

Was passieren könnte, wenn die PiS und Präsident Duda die Koalitionsbildung verzögern und den Zeitplan für die Regierungsbildung verschieben, ist Gegenstand zahlreicher Spekulationen: Es ist möglich, dass die PSL die Seiten wechselt. Es ist möglich, dass die von der PiS ernannten Richter:innen einen Weg suchen, um die Wahl für ungültig zu erklären. Es ist möglich, dass eine zu spät gebildete Oppositionskoalition die Frist für die Verabschiedung des Haushalts Ende Januar 2024 verpasst, was dem Präsidenten die Möglichkeit gäbe, das Parlament aufzulösen (Art. 225 polnische Verfassung). In den beiden letztgenannten Fällen müsste Polen allerdings Neuwahlen abhalten, und die PiS würde dann wahrscheinlich noch schlechter abschneiden, da die Pol:innen sehr unwirsch auf eine Annullierung der Wahlergebnisse vom Oktober 2023 reagieren dürften.

PiS steht vor einer politischen und rechtlichen Abrechnung

Ein weiteres Motiv für die Verzögerung ist Selbstschutz. Die neue Koalition hat nicht viele Gemeinsamkeiten – aber eine Sache, die sie eint, ist ihre extreme Abneigung gegen die PiS-Regierung und deren Regierungshandeln. Zahlreiche PiS-Getreue müssen deshalb mit ihrer Entfernung aus Machtpositionen in Behörden und Staatsunternehmen rechnen.

Dies gilt insbesondere für die Justiz, die in den letzten Jahren im Zentrum der polnischen Rechtsstaatskrise stand. Darüber hinaus ist es wahrscheinlich, dass eine neue Regierung den Nationalen Medienrat schließen wird – eine polnische Regierungsbehörde, die die Macht hat, in den staatlichen Medien tätiges Personal einzustellen und zu entlassen, und die Kritiker:innen als Schlüssel der Regierungskontrolle über die staatlichen Medien sehen. Die staatliche Ölgesellschaft Orlen, die vom ehemaligen PiS-Politiker Daniel Obajtek geleitet wird und sowohl das wichtigste Pressevertriebsunternehmen des Landes, Ruch S.A., als auch die wichtigste lokale Zeitungsgruppe, Polska Press, kontrolliert, dürfte ebenfalls umstrukturiert werden.

Es ist zu erwarten, dass einige dieser Personen wegen Verstößen gegen die Verfassung vor Gericht gestellt werden. Das politische Programm von KO sieht vor, jede:n zu verfolgen, der gegen die Verfassung oder die Rechtsstaatlichkeit verstoßen hat. Vor diesem Hintergrund könnte sogar Präsident Duda selbst angeklagt werden, etwa wegen seiner Weigerung von 2015, ordnungsgemäß gewählte Richter:innen des polnischen Verfassungsgerichts zu vereidigen. Weitere prominente Kandidaten für eine mögliche Strafverfolgung sind Premierminister Morawiecki, PiS-Chef Kaczyński, Justizminister Zbigniew Ziobro, Zentralbankgouverneur Adam Glapiński und Orlen-Chef Obajtek.

Es gibt bereits Berichte über Versuche von Regierungsstellen, Spuren von Fehlverhalten zu vernichten – so wurden beispielsweise von mehreren staatlichen Einrichtungen Papierschredder bestellt oder repariert. (Die Überprüfung und Vernichtung von Dokumenten wird in der Regel zu Beginn des Kalenderjahres abgeschlossen, sodass die Bestellung direkt nach der Wahl jedenfalls ungewöhnlich ist.) Die PiS hat solche Berichte als „Angstmacherei der Opposition“ abgetan.

Friedlicher Machtwechsel oder autoritäre Wende?

Es ist ungewiss, ob die PiS in sich gehen und ernsthaft darüber nachdenken kann, welchen Schaden ihre polarisierende Kampagne angerichtet hat und wie unbeliebt die Partei geworden ist. Angesichts der Äußerungen der PiS-Führung scheint dies unwahrscheinlich, aber zweifellos gibt es auch PiS-Mitglieder, die die Linie ihrer Partei kritischer sehen. Ohne ihren Einfluss auf die staatlich kontrollierten Medien (TVP Info und Polskie Radio) und Institutionen (Gerichte, Unternehmen) wird die PiS in Zukunft erheblich geschwächt sein – was einige Parteistrateg:innen dazu veranlassen könnte, die Seiten zu wechseln und sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben. Die bevorstehenden Kommunalwahlen im Frühling 2024 werden zeigen, wohin die Reise geht.

Polen steht am Scheideweg, und die PiS muss eine Richtung wählen: Entweder sie erkennt an, dass die Pol:innen ihr bei einer historischen Wahlbeteiligung kein Mandat gegeben haben, und lässt sich auf einen friedlichen Machtwechsel ein – oder sie ignoriert das Ergebnis, setzt eine eigene Koalition durch oder diskreditiert die Wahl und konsolidiert ihre Macht, um ein eindeutig autoritäres System zu schaffen. Im ersteren Fall hat Polen fürs Erste einen neuen Kurs eingeschlagen. Im letzteren Fall werden Polens derzeitige Verbündete schnell und unmissverständlich reagieren, und auch die Pol:innen, denen der von ihnen gewählte Wandel verwehrt bleibt, werden ihre Ablehnung vehement zum Ausdruck bringen, wahrscheinlich in einer Weise, wie es sie seit den 1980er Jahren nicht mehr gegeben hat.


Übersetzung: Manuel Müller.
Bilder: Donald Tusk: European People’s Party [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons; Porträt Cordelia Buchanan Ponczek: Finnish Institute of International Affairs [alle Rechte vorbehalten].

At a crossroads: After the parliamentary elections in Poland

By Cordelia Buchanan Ponczek
Portrait Donald Tusk
Donald Tusk has good prospects of becoming the next Polish prime minister. But the road to a new government is still long and could be messy.

On October 15, Polish voters made history. The country had the highest electoral turnout ever—74.7%—even higher than the first democratic elections after the collapse of communism (62.7% for the parliamentary elections in 1989; 60.6% for the presidential elections in 1990). This voter turnout is critical because it shows the engagement of the Polish people and the clear lack of mandate for the current governing party PiS (ECR) to continue.

The scenes on election day were inspiring. The last vote was cast at 2:48 AM by a woman, Agata, in Wrocław, Lower Silesia. Throughout the country and abroad, queues stretched for hours. Some polling places even ran out of ballots—which contributed to a concern that this could have been intentional. There is a sense that it was easier to vote in rural areas (PiS voters) than abroad and urban centers (opposition voters). The turnout was inspiring, but the election was clouded over by the tense environment and the uncertain aftermath as the parties struggle to determine who will lead—or continue to rule—Poland.

Free elections—but were they fair?

The debate over the ease of voting is part of a larger discussion about whether the election was free and fair. The lead-up to October’s voting included widespread use of public services to push the ruling party’s position. The PiS government under Mateusz Morawiecki made use of its control over the state station (TVP Info) to push its party line. (As the New York Times reports, TVP Info gave 66% of its airtime to PiS and just 10% to the main opposition party.) It used state funds to pay out turnout bonuses to incentivize voter turnout in small areas. The ruling party also been accused of using of the state-controlled oil and gas company, Orlen, to artificially suppress petrol prices.

And the inclusion of referendum questions on the ballot were a de facto litmus test of PiS support. Voters had to take the referendum ballot separately, which could also be understood as a visual count of pro-PiS voters. The opposition had told their voters to boycott the referendum, which ultimately did not meet the 50% threshold.

Youth, women, and “invisible middle” voters

Among the voters, there was particularly notable turnout among three groups: youth, women, and the usually absent “invisible middle” voters. Turnout for ages 18–29 was a whopping 68.8%—an impressive number especially when compared to the youth turnout in 2019, which was 46.4%. This year, there were more voters in the under-29 than in the over-65 age range. PiS did not do well among these young voters. One reason for this is the pro-EU stance of youth, in contrast to PiS’s antagonistic stance against the EU. Another factor were media. The opposition tapped into a social-media savvy that PiS lacks, especially on sites like TikTok and Instagram. The flip side of this is that younger voters also consume little-to-no PiS-controlled TV media/radio.

The turnout for women was 74.7%: abortion was a key issue to swing votes; women turned out in full force in response to PiS’s strong anti-abortion policy and rhetoric. According to Pew Research, 56% of Poles support access to abortion. That includes in smaller towns and even in villages. The tragic death of a 33-year-old woman, Dorota, in May 2023, due to pregnancy complications that were exacerbated by Poland’s strict abortion laws brought protestors to the streets and ensured the issue was front-and-center for voters.

PiS’ hardline strategy scares off centrist voters

The final group with a high turnout was among the “invisible middle” voters from mid-sized cities and middle-aged people. This group is known for its apathy; essentially, they would not usually feel obligated or inspired to vote. But this time, PiS’s hardline strategy of Tusk-bashing and polarization drove people to action. PiS’s 2023 offer, unlike in 2015 and 2019, was aimed at hard-core PiS supporters—it was not centrist.

This resulted in several things: first, it galvanized the usually apathetic voters to the poles, and second, it pushed more moderate would-be PiS voters to vote for a different party, in this case PO (EPP) and TD (an alliance of PSL/EPP and PL2050/close to ALDE). A third outcome was that PiS’s usual dominance in the countryside was lackluster. In Polish villages—typically PiS strongholds—PiS’s vote share decreased 11 percentage points, from 56% in 2019 to 45% this year. While the vote was higher in these small towns, the voters were turning out as much for the opposition as for PiS.

The government falls short of a majority

The result was a breakdown among five key groups. Jarosław Kaczyński’s Prawo i Sprawiedliwość (PiS/ECR) received 35.4% of the votes, which gave them 194 seats in Poland’s 460-seat lower house of Parliament, the Sejm. This put them 36 seats short of majority. Koalicja Obywatelska (KO), a center-right alliance dominated by PO/EPP (but also including Zieloni/EGP, among others) and led by former PO Prime Minister and former President of the European Council Donald Tusk, received 30.7%, or 157 seats.

After that, Trzecia Droga (TD), a center-right two-party coalition between Szymon Hołownia’s PL2050 (close to ALDE) and PSL (EPP), got 14.4%, earning them 65 seats. Lewica, a left-wing alliance of three small parties, received 8.6% and 26 seats. And Konfederacja, the new right-wing kid on the block, received 7.2%, entitling them to 18 seats.

In Parliament’s upper house, the Senat, Pakt Senacki (an alliance of KO, PSL, PL2050, and Lewica) holds 66 seats to PiS’s 34.

PiS, coalition partner pariah

PiS “won” with the most seats but fell short of a majority. The two parties that could possibly form a coalition with PiS have both refused, in part due to PiS’s bungling of the relationship just weeks before the election.

Konfederacja has said it will not form a coalition with PiS, and even if they did, it would not be enough seats. PSL—known for its usual willingness to form a coalition with anyone—has also refused to form a coalition with PiS, with the leader stating that the Polish people have clearly voted for change, and forming any alliance with PiS would go against that.

Still, PSL is known for its willingness to form a coalition with anyone. (The joke in Poland goes: A TV crewperson asks PSL leadership, “who will win the election?” And the PSL leader confidently replies, “Our next coalition partner, of course!”) So there is a modicum of doubt that PSL will stick to its no-PiS coalition pledge, especially as PiS must be pushing hard behind closed doors to convince PSL.

The outcome means that if KO, TD, and Lewica formed a coalition they would hold a majority of 248 seats. This is where things get a bit hairy. Because PiS technically has the most seats, and because Polish President Andrzej Duda is from PiS, he will give PiS the opportunity to form a government coalition first. This will draw out the process and create a bit of chaos (during which many things could happen, more on that below), but in the end it is likely that PiS will not find any government that can pass the necessary confidence vote, and that a KO-TD-Lewica coalition will emerge.

The ball is in President Duda’s court

We are now two weeks past the election, and President Duda has not asked the opposition to form a government. The Polish president must call a session of the new parliament within 30 days (art. 109 Polish Constitution), which will be overseen by a PM designated by him. There are talks within the opposition to work around delays by submitting a coalition deal with signatures from MPs, showing Duda that there is a viable government already formed. Still, Duda is widely expected not to go along with this and designate a PiS candidate instead. That designated PM will then propose a government, which Duda must appoint within 14 days of the first parliament session, so at latest by end of November (art. 154 (1) Polish Constitution).

Then that new (PiS-led) government will need to present their government program and face a confidence vote in the Sejm within another 14 days (art. 154 (2) Polish Constitution). They need a majority in parliament. PiS will likely fail this confidence vote, unless someone switches sides, which isn’t out of the question. In its desperation to form a coalition to stay in power, PiS is probably offering some very tempting treats to potential coalition partners in government negotiations.

KO-TD-Lewica coalition in the making

If or when PiS fails a confidence vote, parliament has once again 14 days to choose a new PM and government and hold a vote of confidence (art. 154 (3) Polish Constitution). This is likely to be KO-TD-Lewica.

The KO-TD-Lewica coalition deal will require intensive negotiations because each needs the other for the new government. At the same time, there are many differences among the parties—they are mostly unified by their dislike of PiS. We can expect to see a lot of jostling for key ministerial positions now and divisions on how to roll back PiS policy and what policies to pursue later down the road.

There is even a worst-case scenario in which no government can pass the confidence vote. In this case, Duda must dissolve parliament and call new elections within 45 days. But given the determination of all of KO, TD, and Lewica to replace the current PiS government, this is unlikely to happen.

Still a long way to go

In any case, the way to a new government is still long, and things could get messy in the next few weeks. There have already been claims by PiS party leader Jarosław Kaczyński that “foreign interference” by outside countries might have influenced Polish voters. A hardline PiS MP, Antoni Macierewicz, accused the TD leader of having ties to Russian intelligence. PiS media and spokespeople have warned that an opposition government would result in a “Fourth Reich”, “World War III”, and the collapse of Polish society.

There is a lot of speculation about what could happen while PiS and President Duda are delaying the coalition formation and pushing the timeline for the government formation process: It is possible that PSL will switch sides. It is possible that the PiS-appointed judges will try to find a way to invalidate the election. It is possible any opposition coalition would be formed too late and would miss the budget deadline at the end of January 2024, which would allow the President to dissolve parliament (art. 225 Polish Constitution). But the latter two instances would require that Poland hold a new set of elections, and PiS would likely come out worse because Poles would react very poorly to any move to invalidate the results of the October 2023 election.

PiS faces political and legal reckoning

Another motivation for the delay is one of self-protection. The new coalition does not share much in common, but one thing they can unite around is their extreme distaste for the PiS government and their actions while in power. Onlookers can expect a purge of PiS lackeys from positions of power in government and companies.

This will be especially true of the judiciary, which was at the center of the Polish rule-of-law crisis in recent years. In addition, it is likely any new government will shut down the National Media Council, a Polish government agency that has the power to hire and fire personnel who serve in state media—critics say that its dissolution or overhaul would set free the government’s control over the state media. The state-owned oil company Orlen, which is headed by former PiS politician Daniel Obajtek and controls both the country’s main press distribution company Ruch S.A. and the main local newspaper group Polska Press, will likely face a shake-up as well.

We might expect some of these people to be tried and prosecuted for violating the constitution. KO’s political program includes a provision to go after and prosecute anyone who has violated the constitution or the rule of law.  Under these terms, even President Duda himself might face charges, e.g., for refusing to swear in properly elected judges to the Polish Constitutional Tribunal in 2015. Other high-profile candidates for potential prosecution include PM Morawiecki, PiS leader Kaczyński, Justice Minister Zbigniew Ziobro, Central Bank Governor Adam Glapiński, and Orlen CEO Obajtek.

There have already been reports of attempts by government agencies to destroy traces of wrongdoing—for example, paper shredding machines being ordered or repaired by several state institutions. (Review and destruction of documents is typically completed at the beginning of the calendar year, and the request and process right after election is abnormal.) PiS has dismissed such reports as “fearmongering by the opposition”.

Peaceful power transition or a clear authoritarian embrace?

It is uncertain whether PiS can step back and seriously assess the damage that its polarizing campaign has wrought, and how unpopular the party has become. Given the words of PiS leaders, it looks unlikely, but there must be PiS strategists who are thinking more critically. Going forward, without its influence over state-controlled media (TVP Info and Polskie Radio) and institutions (courts, companies), PiS will be considerably weaker—which might induce some party strategists to abandon ship and even try to throw each other under the bus. Upcoming local elections in spring 2024 will reveal some of where this is going.

Poland is at a crossroads, and PiS faces a choice: recognize the clear lack of a mandate from Poles in a historic turnout and engage in a peaceful transition of power, or ignore the result, push through a coalition or disavow the election, and consolidate power to become a clearly authoritarian system. If the first happens, Poland has set itself a new course, for now. If the latter happens, Poland’s current allies will respond swiftly and unequivocally, and Poles, denied the change they voted for, will vehemently express their disapproval, probably in ways not seen since the 1980s.


Pictures: Donald Tusk: European People’s Party [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons; portrait Cordelia Buchanan Ponczek: Finnish Institute of International Affairs [all rights reserved].

03 November 2023

Podcast Bohrleute: Die EU, das unbekannte Wesen

Der von Stefan Sasse betriebene Podcast „Bohrleute“ begleitet die Politik mit Einschätzungen, Analysen und Seufzern. In der aktuellen Folge war ich zu Besuch, um über die Europäische Union zu sprechen: wie sie funktioniert, worin sie üblicherweise kritisiert wird und wie man sie reformieren kann.

„Bohrleute“ ist bei Spotify und allen anderen großen Podcast-Portalen zu finden.

30 Oktober 2023

Vertragsänderungen – aber welche? Aktuelle EU-Reformvorschläge im Vergleich

Von Manuel Müller
Notizblock mit EU-Reformvorschlägen
Probleme, die vielen EU-Reformideen im Blick zu behalten? Hier ist eine Übersicht.

Die Debatte über EU-Vertragsreformen ist in vollem Gange. Etliche Arbeitsgruppen, Thinktanks und Expertengremien haben dazu in letzter Zeit Entwürfe und Vorschläge vorgelegt. Angesichts der Vielzahl einzelner Ideen ist es allerdings nicht immer einfach, den Überblick zu behalten. In welchen Bereichen werden Reformen diskutiert, und wer hat dabei welche Vertragsänderung ins Spiel gebracht?

Ich habe deshalb eine Übersichtstabelle erstellt, die einen Vergleich zwischen den wichtigsten Reformentwürfen der letzten Jahre und Monate bieten soll. Es handelt sich dabei um ein Arbeitsdokument, das zunächst nur für meinen eigenen Gebrauch gedacht war. Aber vielleicht ist die Übersicht ja auch für andere nützlich, darum habe ich sie hier öffentlich zugänglich gemacht.

Sieben Reformpläne

Die Tabelle vergleicht sieben Entwürfe für institutionelle Reformen der EU, die seit 2013 von diversen Gremien vorgelegt wurden:

Im Einzelnen sind diese Entwürfe ganz unterschiedlicher Art: Manche sind offizielle Dokumente europäischer Institutionen, andere wurden von Thinktanks vorgelegt; manche sind ausformulierte Vertragsentwürfe, andere nur Auflistungen von Vorschlägen. Gemeinsam haben sie, dass sie jeweils eine umfassende Sammlung von institutionellen Reformansätzen bieten. Wenn in nächster Zeit noch andere entsprechende Reformentwürfe vorgelegt werden, werde ich die Übersicht entsprechend erweitern.

Die Tabelle listet für unterschiedliche Reformbereiche jeweils die in den Entwürfen vorgelegten Einzelvorschläge auf und nennt dazu die Fundstellen in den verlinkten englischsprachigen Originaldokumenten. Sie soll eine Übersicht über die wichtigsten Reformansätze geben, erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Der Fokus liegt auf Reformen, die Vertragsänderungen notwendig machen.  Ergänzungs- oder Verbesserungshinweise sind jederzeit herzlich willkommen.


Bild: Notizblock mit EU-Reformvorschlägen: Manuel Müller [alle Rechte vorbehalten].

Changing the treaties – but how? Current EU institutional reform proposals in comparison

By Manuel Müller
Notepad with proposals for EU reforms
Having trouble keeping up with EU reform ideas? Here’s an overview.

The debate on reforming the EU treaties is once again gaining momentum. Working groups, think tanks and expert panels are writing drafts and proposals. With so many plans being put forward, however, it is easy to lose track of the multitude of individual ideas. In which areas are treaty reforms being discussed, and who has suggested which change?

To keep an overview, I have drawn up a table that compares the main reform proposals of recent years and months. It is a working document, initially intended for my own use only. But it may be useful to others, too, so I have made it publicly available here.

Seven reform plans

The compilation compares seven plans for EU institutional reform presented by different bodies since 2013:

These drafts are very different in nature: Some are official documents of European institutions, others have been presented by think tanks; some are fully formulated draft treaties, others are just lists of proposals. What they all have in common is that they offer comprehensive plans for institutional reform. As more such plans are presented in the near future, I will expand the compilation accordingly.

The table lists each draft’s proposals for specific reform areas (focusing mainly on institutional changes that require a treaty revision) and provides references to the linked original documents. While the table is intended to give an overview of the most important reform approaches, it doesn’t claim to be exhaustive. Suggestions for additions or improvements are always welcome.


Picture: Notepad with proposals for EU reforms: Manuel Müller [all rights reserved].

20 Oktober 2023

Das europapolitische Quartett: Neue Vorschläge zur Erweiterung und Reform der EU

Mit:
  • Minna Ålander, Finnish Institute of International Affairs, Helsinki
  • Carmen Descamps, Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, Brüssel
  • Manuel Müller, Finnish Institute of International Affairs / Der (europäische) Föderalist, Helsinki
  • Julian Plottka, Universität Passau / Universität Bonn
  • Sophie Pornschlegel, Europe Jacques Delors, Brüssel
Dieses Gespräch entstand als Online-Chat und wurde redaktionell bearbeitet.
Hölzernes Getriebe
Damit auch eine erweiterte EU weiter funktionieren kann, ist es notwendig, ihr Getriebe zu überholen.

Manuel
Über institutionelle Reformen der EU wird schon seit der Eurokrise diskutiert, aber konkrete Vorstöße in diese Richtung blieben lange sehr zaghaft. Zuletzt hat sich das durch verschiedene Ereignisse geändert: Zum einen durch die Konferenz über die Zukunft Europas, die in ihrem Abschlussbericht im Mai 2022 mehrere Vorschläge für institutionelle Änderungen machte. Daran anschließend forderte das Europäische Parlament den Europäischen Rat im Juni 2022 offiziell auf, einen Konvent zur Vertragsreform einzuberufen. Jüngst im September hat eine Arbeitsgruppe des Verfassungsausschusses detailliert ausformulierte Änderungsvorschläge vorgelegt, über die in den nächsten Wochen erst im Ausschuss und dann im Parlamentsplenum diskutiert und abgestimmt werden soll.

Zum anderen hat der russische Angriff auf die Ukraine zu einer EU-Erweiterungsdebatte und in der Folge zu einer Diskussion darüber geführt, wie eine EU mit 30, 35 oder mehr Mitgliedern ihre Handlungsfähigkeit erhalten soll. Die deutsche und französische Regierung haben dazu im Januar 2023 eine Expertengruppe eingesetzt, die nun ebenfalls im September ihre Vorschläge vorgelegt hat. Später im Jahr will das deutsche Auswärtige Amt zu einer großen Europakonferenz einladen, um auch auf Regierungsebene voranzukommen.

Auch sonst tut sich einiges, zum Beispiel hat erst gestern eine „High-Level Group on bolstering EU Democracy“ der Thinktanks SWP und CEPS ihren Abschlussbericht vorgelegt. Die Debatte gewinnt also an Fahrt. Was haltet ihr von den Vorschlägen, die jetzt auf dem Tisch liegen?

Julian
Ich mag Deinen Optimismus, dass die Debatte an Fahrt gewinnt. Ich hoffe, Du hast Recht, sehe das aber noch nicht wirklich.

Die Debatte nimmt Fahrt auf

Sophie
Hallo zusammen! Schön, dass wir uns wieder treffen. Ich mach’s ganz kurz: Ich finde es sehr positiv, dass die Debatte Fahrt aufgenommen hat und konkrete Vorschläge vorgelegt wurden, die jetzt ernsthaft diskutiert werden können.

Aber es sind nur noch knapp acht Monate bis zur Europawahl, und ich fürchte, dass diese Reformvorschläge im Wahlkampf etwas untergehen werden. Die große Frage ist natürlich, ob nach der Europawahl die neue EU-Kommission und die nationalen Regierungen die Vorschläge weiter vorantreiben. Aber falls nach den polnischen Wahlen am letzten Sonntag Donald Tusk wieder an die Regierung kommt, könnte es tatsächlich sein, dass die EU-Reformen und die Erweiterungsdebatte konstruktiv weitergeführt werden.

Carmen
Ich stimme Julian und Sophie grundsätzlich zu, dass der neue Elan in der Reformdebatte zu begrüßen ist. An Vorschlägen mangelt es nun ja wirklich nicht, einerseits aus den Institutionen, andererseits aus den Hauptstädten und von diversen Thinktanks. Es ist sehr zu hoffen, dass dieses Momentum nun genutzt wird und nicht verpufft. Ich sehe hierin eine große Chance und würde mir wirklich wünschen, dass es zu diesen Reformen kommt. Was das genau beinhaltet, diskutieren wir ja sicher gleich noch.

Minna
Hallo auch von mir – ich kann heute leider nur zur ersten Hälfte unseres Gesprächs bleiben, weil ich gleich noch zu einer anderen Veranstaltung weiter muss.

In Finnland und Schweden spielt die Debatte um EU-Reformen momentan keine große Rolle im öffentlichen Diskurs; da ist noch alles überschattet vom NATO-Beitritt. Das könnte kontraintuitiv aber auch ein Vorteil sein: Wenn die EU in der öffentlichen Debatte nicht so präsent ist, gibt es vielleicht auch weniger Opposition zu Reformen.

Interessant ist die Rolle der Partei „Die Finnen“ in der Regierung: Einerseits sind sie europaskeptisch, andererseits ist der frühere Parteivorsitzende und jetzige Parlamentspräsident Jussi Halla-aho aber auch sehr pro-ukrainisch. Auch sonst gibt es allgemein starke Unterstützung für die Beitrittsperspektive der Ukraine – die könnte man in der Diskussion nutzen, um auch den Reformbedarf deutlich zu machen.

Eine Frage von Jahren – oder Jahrzehnten?

Julian
In der Sache ist es ja vollkommen richtig, dass eine Erweiterung der EU ohne grundlegende Reformen nicht möglich ist. Aber für eine zeitnahe Reform fehlt trotzdem der politische Druck. Wenn wir auf die Ukraine, Moldau und vielleicht bald Georgien schauen, reden wir über Zeithorizonte, die in Dekaden und nicht in Jahren zu messen sind – da lässt sich eine EU-Reform wunderbar auf die lange Bank schieben.

Denn was hat sich seit der Zukunftskonferenz geändert? Die Situation ist eher noch schwieriger geworden. Der mögliche Regierungswechsel in Polen wäre ein kleiner Lichtblick, aber den sehe ich eher in Bezug auf konkretes Policy-Making (zum Beispiel beim Klimaschutz) und weniger auf der Ebene Polity-Making.

Manuel
Als Zeithorizont für die Erweiterung hat Ratspräsident Charles Michel das Jahr 2030 ins Spiel gebracht. Klar, das ist sehr ambitioniert – aber wenn man es halbwegs ernst nimmt (was man sollte, um die Beitrittskandidaten nicht jetzt schon wieder vor den Kopf zu stoßen), muss die Debatte über die Vorbedingungen dafür quasi sofort beginnen.

In Berlin jedenfalls scheint man schon bis Ende dieses Jahres vorankommen zu wollen. Annalena Baerbock hat im September angekündigt, „noch vor dem Europäischen Rat im Dezember zu einer Europakonferenz nach Berlin ein[zu]laden, um genau das zu diskutieren, was die nötigen Schritte für uns in der Europäischen Union mit Blick auf die Erweiterung und die dafür zugrundeliegenden Reformen sind“.

Das Ziel ist also offenbar, noch rechtzeitig vor der Europawahl erste Pflöcke einzuschlagen, über die man dann diskutieren kann. Und übrigens höre ich auch aus Finnland, dass es dort gar nicht ungern gesehen würde, wenn es in der Debatte um Erweiterung und Reformen mehr „Leadership“ gäbe.

Gelegenheitsfenster

Sophie
Insgesamt ist die politische Situation sehr volatil – das kann bedeuten, dass sich auch auf einmal ein Gelegenheitsfenster öffnet und ganz schnell eine Erweiterung stattfinden soll, und dann ganz schnell auch Reformen mitgetragen werden. Das kann natürlich auch nach hinten losgehen und sehr negative Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit der EU haben. Mein Punkt ist: Wir wissen nicht, welche politische Dynamik sich in den nächsten Jahren entwickelt, auch wenn es bisher nicht so scheint, als gäbe es viel politischen Willen für Reformen.

Die größte Gefahr ist aus meiner Sicht, dass es zu einer Erweiterung ohne Reformen kommt – was daraus hinauslaufen würde, dass die EU nicht mehr entscheidungsfähig ist.

Minna
Ja, da stimme ich Sophie zu. Es gibt sehr wohl die Möglichkeit, dass externe Ereignisse die EU einholen – und dann muss man einfach machen, ob die Debatte nun ausreichend geführt worden ist oder nicht. Das Resultat könnte dann klassisch suboptimal sein.

Manuel
„Failing forward“ nennt man das heutzutage... 😉

Julian
Ein solches Gelegenheitsfenster setzt aber ein Ende des Krieges in der Ukraine und eine Lösung mit festen Grenzen voraus. Die Bedingung, dass die EU keine Staaten mit (Grenz-)Konflikten aufnimmt, wird mit Sicherheit nicht aufgegeben – berechtigterweise. Allein das wird den Beitrittsprozess erheblich verzögern.

Der andere Grund, warum ich bei einer Zielmarke 2030 skeptisch bin, sind die Erfahrungen mit Bulgarien und Rumänien. Auch hier denke ich, dass das Diktum „keine Abkürzungen mehr“ erhalten bleibt. Nur noch sieben Jahre für die Reformen in der Ukraine ist echt knapp.

Andererseits stimme ich voll und ganz zu, dass ein längerer Zeithorizont auch die Gefahr erhöht, dass es zu Enttäuschungen und Reformermüdung in der Ukraine und Moldau kommt.

Die EU erweiterungsfähig machen

Manuel
Wenigstens bei der deutschen Bundesregierung scheint mir die Haltung sehr klar zu sein, dass man die Erweiterung ernst nimmt und deshalb will, dass sich die EU so schnell wie möglich selbst in einen Zustand versetzt, in dem sie andere Länder aufnehmen kann. Wenn dann die Reformen in der Ukraine, Moldau oder anderswo länger dauern, dann ist das eben so – aber wenn es in diesen Ländern Fortschritte gibt, dann soll die Erweiterung nicht an der EU selbst scheitern.

Die Frage ist natürlich, ob andere Regierungen, von denen manche ja ohnehin auch zu einer Erweiterung ohne Reformen bereit wären, sich auf diese Logik einlassen werden.

Carmen
Sophies Punkt, dass es keine Erweiterung ohne Reformen geben darf, weil die EU sonst nicht mehr handlungsfähig wäre, ist ja auch nicht neu. Ex-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hatte das schon für die Legislaturperiode 2014-2019 unterstrichen.

Seitdem ist noch nicht so viel passiert an der Reformfront – obwohl es an den von Minna erwähnten „externen Ereignissen“ derzeit ja wirklich nicht mangelt!

Sophie
In die Kristallkugel zu schauen ist immer schwierig. Wichtig ist aber, dass die Reformvorschläge jetzt existieren und bereits ernsthaft und auf höchstem Niveau diskutiert werden. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass – falls es ein Gelegenheitsfenster gibt – die Reformvorschläge nicht hinten runterfallen und nur auf Erweiterung gesetzt wird. Das werden ja so oder so schon schwierige Prozesse.

Minna
Da stimme ich zu – und damit muss ich mich leider schon wieder verabschieden. Macht’s gut und bis zum nächsten Mal! 👋

Reformprioritäten

Manuel
Schauen wir noch mal auf die Reformvorschläge selbst. Im Mittelpunkt der Debatte steht vor allem der Übergang zu mehr Mehrheitsentscheiden, aber auch die Mechanismen zum Schutz der Rechtsstaatlichkeit. Geht es nach dem Europäischen Parlament, sollen außerdem auch die repräsentative und die direkte Demokratie auf EU-Ebene gestärkt werden, zum Beispiel bei der Wahl der Kommission oder in Form von europaweiten Referenden. Was sind aus eurer Sicht die wichtigsten Bereiche, in denen die EU institutionellen Reformbedarf hat?

Sophie
Das ist keine einfache Frage, weil natürlich alle Reformen wichtig sind. Trotzdem möchte ich zwei Punkte hervorheben: Erstens ist es wichtig, dass in Zukunft die Grundwerte der EU nicht mehr mit Füßen getreten werden – also dass es Mechanismen gibt, die es autoritären Herrschern wie Viktor Orbán nicht mehr erlauben, als gleichwertiger Partner gesehen zu werden und EU-Entscheidungen blockieren zu können, obwohl sie schon längst den Club der Demokratien verlassen haben. Das bedeutet eine Reform von Artikel 7, aber auch stärkere Konditionalitäts- und womöglich Sanktionsmechanismen zum EU-Budget.

Zweitens bin ich grundsätzlich der Meinung, dass es mehr Möglichkeiten geben sollte, Initiativen auch mit einer „Koalition der Willigen“ voranzubringen, vor allem wenn die EU in Zukunft mehr als 30 Mitgliedstaaten hat. Wie genau das möglich ist, ohne die Institutionen zu schwächen, ist natürlich die Frage, auf die ich noch keine zufriedenstellende Antwort gefunden habe.

Europäische Demokratie und Unionsbürgerrechte

Julian
Ich stimme zu. Außerdem ist natürlich die Stärkung der europäischen Demokratie ein Evergreen. Jenseits des Übergangs zu Mehrheitsentscheidungen (bei dem Demokratie und Handlungsfähigkeit Hand in Hand gehen) wird es allerdings schwierig zu erklären, warum mehr Demokratie die Effizienz der EU erhöht und deshalb für die Erweiterung notwendig ist.

Carmen
Manuel, du stellst uns hier eine Gretchenfrage. Jenseits der üblichen Verdächtigen wie der Ausweitung der Mehrheitsentscheide gibt es noch einen weiteren Punkt, der in der Agenda nicht so weit oben steht, aber mir persönlich eine Herzensangelegenheit ist – nämlich die Unionsbürgerrechte. Nachbesserungsbedarf besteht hier vor allem noch beim Wahlrecht für mobile Unionsbürger:innen, also denjenigen EU-Bürger:innen, die in einem anderen Mitgliedstaat als in ihrem Herkunftsland leben. Aus unserer beschaulichen Quartett-Runde trifft das immerhin auf 60% zu, was im Vergleich zur EU-Bevölkerung natürlich weit überproportional ist.

Manuel
Ja, aber du hast schon Recht: Auch auf die Gesamtbevölkerung bezogen ist der Anteil der mobilen Bürger:innen nicht trivial. 2020 waren immerhin rund 3,3 Prozent der Unionsbürger:innen im Erwerbsalter betroffen, mit steigender Tendenz.

Welche Rolle für die Europäische Politische Gemeinschaft?

Julian
Aus drei Gründen würde ich außerdem noch die Außenbeziehungen der EU als weiteres wichtiges Reformthema ergänzen. (Ich schreibe hier bewusst Außenbeziehungen und nicht GASP oder GSVP, weil meiner Ansicht nach eine der Herausforderungen gerade mehr Kohärenz zwischen den unterschiedlichen Politikinstrumenten in den Außenbeziehungen ist.)

Der erste Grund ist schlichtweg der dringende Reformbedarf, der seit Jahren außer Frage steht. Der zweite ist die Verknüpfung der Reformen mit der Erweiterungsdebatte. Wenn die anstehende Erweiterung der Anlass für Reformen ist, dann muss es bei den Reformen eben auch um den Politikbereich gehen, der für die Beitrittsstaaten besonders wichtig ist – die ja zum großen Teil aus geopolitischen Gründen in die EU wollen.

Der dritte Grund ist, dass wie schon 2004 eine kommende Erweiterung die Nachbarschaft der EU verändern wird und die Außenbeziehungen zur direkten Nachbarschaft neu geordnet werden müssen. Die deutsch-französische Expertengruppe hat in diesem Zusammenhang die Europäische Politische Gemeinschaft als Lösung vorgeschlagen. Wie seht ihr das?

Sophie
Da sprichst du einen wichtigen Punkt an. Grundsätzlich fand ich die Idee der Europäischen Politischen Gemeinschaft gut, weil dadurch ein Forum entsteht, wo sich alle Regierungen treffen und austauschen können. Es gab ja bereits die Kritik, dass das nichts als ein talking shop sei. Aber das kommt auf die Erwartungshaltung an. Aus meiner Sicht hat es bereits einen Mehrwert, wenn die EU dadurch wieder regelmäßiger mit Großbritannien spricht – nach dem Brexit sind ja viele Kommunikationskanäle weggefallen. Austausch und Dialog auf höchster Ebene sollte niemals unterbewertet werden, auch wenn nicht gleich eine politische Initiative daraus entsteht.

Problematisch ist allerdings, dass die EU in ihrer Nachbarschaftspolitik keine kohärente Strategie fährt – und es auch keine Alternative zum EU-Beitritt gibt, die für die Länder in der Nachbarschaft attraktiv genug ist.

Carmen
Grundsätzlich finde ich die EPG auch eine gute Idee, die in ihrer Konzeption Staaten um einen Tisch bringt, die sonst kein solches Forum hätten – Großbritannien und die EU, aber auch Drittstaaten wie Aserbaidschan und Armenien. Nach dem Treffen in Granada am 5. Oktober sind meine Erwartungen aber offen gestanden etwas gedämpft. Aber vielleicht bin ich da auch zu ergebnisfokussiert; die EPG-Gipfel sollen ja vor allem ein Forum für Austausch bieten.

Julian
Viele Regierungen scheinen in der fehlenden Zielorientierung sogar gerade den Wert der EPG zu sehen, weil sie von dem ständigen Zwang zu Ergebnissen in anderen Formaten der Nachbarschaftspolitik überfordert sind.

Neuerfindung der Nachbarschaftspolitik

Manuel
Viele der Länder, die an der EPG beteiligt sind, sind allerdings selbst Beitrittskandidaten. Wenn die Erweiterungspolitik ein voller Erfolg ist, dann könnten bald alle demokratischen Staaten im östlichen Europa der EU angehören, und die verbleibenden Nachbarn wären Länder wie die Türkei oder Aserbaidschan. Das würde in der Tat eine Neuerfindung der Nachbarschaftspolitik nötig machen – aber braucht es dafür auch institutionelle Reformen?

Julian
Eine Frage ist, ob die Nachbarschaftspolitik von den supranationalen Politiken zur intergouvernementalen GASP wechseln sollte, weil sie nun zur originären Außenpolitik wird.

Bisher ist die Nachbarschaftspolitik – vor allem da, wo sie erfolgreich war – als external governance der EU angelegt: Die Nachbarstaaten sollen partiell in den Rechtsrahmen der EU integriert werden. Die große Frage ist, ob das in Zukunft noch funktionieren würde. Die Expertengruppe scheint das partiell zu glauben, denn das Papier positioniert die EPG zwar außerhalb der Rechtsunion, macht dann aber in einigen Politikbereichen doch Vorschläge für eine Institutionalisierung, was ohne eine Anwendung von EU-Recht nicht geht.

Angesichts der potenziellen Adressaten der Nachbarschaftspolitik in einer erweiterten Union ist zweifelhaft, ob diese Staaten dazu bereit wären. Wenn nicht, brauchen wir eben einen neuen Ansatz, der die Nachbarschaftsbeziehungen als klassische Außenpolitik sieht, weil die Partner dort bei einer auch nur partiellen Integration nicht mitgehen. Damit stellen sich meiner Meinung nach grundlegende Fragen der außenpolitischen Zuständigkeiten, die auch institutionelle Reformen nötig machen.

Petrifizierte Verfassung

Manuel
Ein anderes Thema, das mich selbst in letzter Zeit viel beschäftigt, ist die Frage, welche Reformen eigentlich nötig wären, um die Reformierbarkeit der EU selbst zu verbessern. Selbst heute noch wird die Debatte über institutionelle Reformen oft mit dem Argument abgewürgt, dass das Verfahren dafür „zu aufwendig“ ist, in eine jahrelange „Nabelschau“ münden oder gar „die Büchse der Pandora öffnen“ würde. Das ist kein tragbarer Zustand, denn wenn sich die EU-Verträge nicht mehr reformieren lassen, kann die EU ihren institutionellen Rahmen auch nicht mehr an neue Herausforderungen anpassen.

Ursache dieser petrifizierten Verfassung sind die hohen Hürden einer Vertragsänderung – Einstimmigkeit unter den Regierungen, gefolgt von einer Ratifikation durch jeden einzelnen Mitgliedstaat, teilweise sogar per Referendum. Der Entwurf des Europäischen Parlaments schlägt deshalb vor, die Verfahren zur Vertragsänderung zu erleichtern, sodass für eine Reform künftig nur noch vier Fünftel der Mitgliedstaaten zustimmen und ratifizieren müssten. Das könnte allerdings in vielen Ländern Probleme mit der nationalen Verfassung geben – auch in Deutschland insistierte das Bundesverfassungsgericht ja im Lissabon-Urteil auf der nationalen „Kompetenz-Kompetenz“.

Eine Alternative könnte mehr differenzierte Integration sein, aber das ist, wie Sophie oben schon geschrieben hat, sehr schwierig, ohne die bestehenden supranationalen Institutionen zu schwächen.

Carmen
Ich halte die Möglichkeit und aktive Nutzung differenzierter Integration jedenfalls für sehr sinnvoll. Das wird in einigen Mitgliedstaaten nicht gern gesehen, da man befürchtet, außen vor gelassen zu werden. Aber die Option, sich an bestimmten EU-Politiken zu beteiligen, steht ja grundsätzlich jedem Mitgliedstaat offen. Daher sehe ich das Problem nicht und halte differenzierte Integration für ein sehr gutes Mittel, um als EU30+ zu agieren. „One size fits all“ bringt uns nicht weiter.

Zukunft der differenzierten Integration

Manuel
Die deutsch-französische Expertengruppe hat dazu ja auch den Vorschlag gemacht, notfalls mithilfe von „Ergänzungsverträgen“ voranzugehen – ähnlich dem „Zusatzvertrag“-Modell, das ich selbst letztes Jahr hier in einem unserer europapolitischen Quartette beschrieben habe. Nach diesem Modell könnte zum Beispiel eine Gruppe von Ländern unter sich vereinbaren, künftig auf die Ausübung ihres Vetorechts im EU-Rat zu verzichten. Außerdem könnte diese innere Gruppe ein eigenes Budget haben (was die Beteiligung daran attraktiver machen würde) und auch in anderen Fragen wie dem Wahlrecht für mobile Bürger:innen vorangehen.

Damit das funktioniert, müsste ein solcher Zusatzvertrag europarechtliche Qualität haben, sodass die Vereinbarungen darin vor dem EuGH einklagbar sind. Das geht nur, wenn die anderen Mitgliedstaaten es zulassen – allerdings hätten die dadurch ja nicht viel zu verlieren, weil sich an ihrem eigenen Status erst einmal nichts ändert. Die eigentliche Herausforderung wäre deshalb wohl nur, eine gewisse Mindestanzahl an Staaten zu finden, die bereit sind, den Schritt zur Gründung einer solchen Avantgarde mitzugehen. Ich bin mir nicht sicher, ob Deutschland und Frankreich selbst davon so begeistert sind.

Julian
Auch wenn differenzierte Integration meistens als (Notfall-)Instrument zur Steigerung der Entscheidungseffizienz gesehen wird, ist es meiner Ansicht nach wichtig, auch die demokratische Seite nicht zu vergessen. Wenn die legitimatorische Funktion von differenzierter Integration allein darin bestehen soll, dass jeder Mitgliedstaat nur machen muss, was er möchte, enden wir beim Rosinenpicken und letztlich im Chaos.

Deshalb kann es aus meiner Sicht Differenzierung nicht politikbereichsweise geben, sondern nur in Form von klaren, transparenten Stufen – andernfalls wird es für die Bürger:innen vollkommen unübersichtlich. Je Stufe muss ein Gleichgewicht von Rechten und Pflichten definiert werden. Der Vorschlag der Expertengruppe geht ja in diese Richtung.

Sophie
Ich finde das Zusatzvertrag-Modell spannend, kann dir bei dem letzten Punkt aber nicht komplett zustimmen, Julian. Realistischerweise wird es eine differenzierte Integration nach Politikbereichen geben, denn ich kann mir kaum vorstellen, wie sich die Mitgliedstaaten in „Stufen“ einsortieren sollten. Auch die Länder, die an einer differenzierten Integration interessiert wären, haben ja ihre Politikbereiche, in denen sie auf keinen Fall ihr Veto aufgeben wollen – sei es Frankreich in der Agrarpolitik oder Irland in der Steuerpolitik.

Julian
Ja, ich fürchte, da hast Du Recht. 🙄

Sophie
Und leider ist das politische System der EU für die Bürger:innen ja schon jetzt ziemlich unübersichtlich – schon allein, weil es nicht nur die verschiedenen Institutionen gibt, sondern auch ganz unterschiedliche Formen von Kompetenzen und Verfahren. Das sollte aber natürlich kein Argument sein, jetzt alles noch komplexer zu gestalten als unbedingt nötig.

Kein Allheilmittel

Carmen
Julian hat aber schon Recht, dass man genau darauf achten muss, wie differenzierte Integration ausgestaltet wird. Heutzutage ist das ja ein Schlagwort, das von manchen geradezu als Allheilmittel für die Politiksklerose der EU beschrieben wird. Vor allem, weil es gerade Europaverfechter:innen wie uns bei der Integration nie schnell und tief genug gehen kann. 😉

Wie man sich wirklich auf solche Zusatzverträge einigt, sehe ich noch nicht ganz – aber ich lasse mich da gern eines Besseren überzeugen. Eine Chance sehe ich in der Möglichkeit schon, aber es darf nicht zu einer Zwei-Klassen-EU führen.

Sophie
Naja, das wäre ja nur eine Fortführung der verschiedenen Klassen in den Zügen für die Europaabgeordneten und ihre Assistent:innen, wenn sie monatlich nach Straßburg fahren. 😅

Carmen
Oder nach Disneyland … 🚄

Institutionelle Erosion?

Manuel
Meine Sorge bleibt, dass wir – wenn es uns nicht gelingt, in Sachen Reformierbarkeit Fortschritte zu machen – bald über eine unkontrollierte Differenzierung, über eine institutionelle Erosion und letztlich auch wieder über Desintegration sprechen werden.

Die externen Bedingungen, um sich auf institutionelle Reformen zu einigen, werden ja nicht besser, sondern auf absehbare Zeit eher schlechter. Die erhöhte geopolitische Unsicherheit, der Aufstieg rechter Parteien, die Demokratiekrise in vielen Mitgliedstaaten, der Klimawandel und seine gesellschaftlichen Folgen: All das wird einen Konsens in der EU in Zukunft nur noch schwieriger machen als heute. Wenn wir also selbst jetzt, im Angesicht all dieser Krisen, nach der EU-Zukunftskonferenz und mit der Erweiterung vor Augen, in institutionellen Fragen nicht vorankommen – wann dann?

Jetzt brauchen wir aber bitte noch ein optimistisches Schlusswort …

Sophie
Ich habe eins: Die politische Unsicherheit führt dazu, dass manchmal auch positive Veränderungen sehr schnell passieren können. Ich gebe zu, dass das in letzter Zeit grundsätzlich eher selten der Fall ist, aber aufgrund der polnischen Wahlergebnisse diese Woche bin ich gerade hoffnungsvoll gestimmt. Und deshalb denke ich schon, dass die Reformvorschläge mindestens eine Chance haben.


Carmen Descamps ist Fachgebietsleiterin für europäische Energie- und Digitalthemen beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in Brüssel.

Die Beiträge geben allein die persönliche Meinung der jeweiligen Autor:innen wieder.

Frühere Ausgaben des europapolitischen Quartetts sind hier zu finden.


Bilder: Hölzernes Getriebe: Manuel Müller [alle Rechte vorbehalten]; Porträt Carmen Descamps: Life Studio [alle Rechte vorbehalten]; Porträts Minna Ålander, Manuel Müller: Finnish Institute of International Affairs [alle Rechte vorbehalten]; Porträts Julian Plottka, Sophie Pornschlegel: privat [alle Rechte vorbehalten].