
- Am Ende hat Alexis Tsipras den Bedingungen der Kreditgeber doch zugestimmt. War das das Ende der griechischen Demokratie?
Erinnern
Sie sich noch an den Twitter-Hashtag #StopESM?
Inzwischen kaum noch verwendet, erfreute er sich Mitte
2012 vor allem in deutschen
nationalkonservativen Kreisen
großer Popularität. Gemeint
war damit der damals frisch
verabschiedete Europäische Stabilitätsmechanismus, der gegen
Auflagen Notkredite an Euro-Krisenstaaten
vergeben sollte. In den Augen
der Kritiker war das ein Verrat an der deutschen
Demokratie, da mit dem ESM der
Bundestag seine Haushaltsautonomie verliere und damit die nationale
Souveränität zerstört werde.
Drei
Jahre später haben die Staats- und Regierungschefs der Eurozone sich
darauf verständigt, den ESM für Griechenland zum Einsatz zu
bringen: ein 86
Milliarden Euro schweres Kreditprogramm im Gegenzug gegen umfassende
Spar-, Privatisierungs- und Reformauflagen. Und
wieder macht ein Twitter-Hashtag Furore: Unter
#ThisIsACoup
(„Dies ist ein Staatsstreich“) wird den Regierungen der
Euro-Staaten – vor allem aber dem deutschen Finanzminister Wolfgang
Schäuble (CDU/EVP), der in den Verhandlungen mit
einem „Grexit auf Zeit“ gedroht hatte – vorgeworfen, die
griechische Demokratie zu untergraben und womöglich gezielt einen
Regierungswechsel herbeiführen zu wollen. Und anders als vor drei
Jahren kommen diese Vorwürfe nicht nur von notorischen
Europaskeptikern, sondern auch von einem Wirtschaftsnobelpreisträger
wie Paul Krugman oder einem Europaabgeordneten
wie Sven Giegold (Grüne/EGP).
Was
ist davon zu halten? Sieben Thesen zur Demokratie in der Währungsunion.
1:
Die Einigung widerspricht dem griechischen Referendum
Der
Grund dafür, dass die demokratische Legitimität der Eurogruppe
plötzlich so stark in Frage gestellt wird, hat natürlich mit dem
griechischen Referendum vor einer Woche zu tun, bei dem eine
deutliche Mehrheit mit Nein stimmte. Wie man dieses Nein deuten
sollte, war dabei zwar von
Anfang an unklar; technisch ging es darin nur um einen Vorschlag,
der schon vor der Abstimmung obsolet geworden war.
Aber
auch wenn der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras
(Syriza/EL) nun versucht, die Einigung mit den anderen Euro-Staaten
als
einen Erfolg seiner Regierung zu verkaufen, und auch wenn
Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker (CSV/EVP) erklärt, er
„glaube
nicht, dass das griechische Volk erniedrigt wurde“, drängt
sich doch der Eindruck auf, dass die 3,5 Millionen Nein-Stimmenden
sich jedenfalls nicht dieses Ergebnis gewünscht haben. Nicht nur in
griechischen Medien ist gerade viel
von einer „Kapitulation“ des Landes die Rede.
2:
Die demokratischen Ansprüche beider Seiten
heben sich auf
Wie
sich die europäischen Kreditbedingungen mit der griechischen
Demokratie vertragen, ist aber schon seit der Wahl der
Syriza-Regierung im Januar ein Dauerthema der europapolitischen
Debatte. Vor allem Alexis Tsipras selbst machte von
Anfang an „Demokratie“ und „Volkssouveränität“ zu zentralen
Argumenten, um die Forderungen der Kreditgeber zurückzuweisen:
Wenn die Griechen ihn mit dem Wahlversprechen ins Amt brachten, die
Austeritätspolitik zu beenden, dann müsse er dieses Wahlversprechen
auch umsetzen.
Dagegen
verwiesen Politiker aus den anderen Euro-Ländern ebenfalls schon
frühzeitig darauf, dass nicht nur Tsipras, sondern auch die übrigen
Regierungschefs demokratisch legitimiert seien – und Tsipras kaum
den Anspruch erheben könne, seine Wahlversprechen mit dem Geld
nicht-griechischer Steuerzahler zu finanzieren. Wenn die übrigen
Mitgliedstaaten Griechenland Geld liehen, um damit die Stabilität
der Währungsunion zu gewährleisten, dann jedenfalls nur zu ihren
eigenen Bedingungen.
Auf
die nationale Volkssouveränität und Demokratie zu pochen, hilft
erst einmal also nicht weiter: Die Ansprüche der einen und der
anderen Seite heben sich gegenseitig auf. Wenn aber alle nationalen
Regierungen gleichermaßen demokratisch legitimiert sind, bleibt
scheinbar nur eine Lösung – im Europäischen Rat miteinander zu
verhandeln.
3:
Verhandlungen im Europäischen Rat sind nicht demokratisch
Wie
viel politische Legitimität haben Verhandlungen im Europäischen
Rat? Diese Frage ist ein alter Streitpunkt zwischen
Intergouvernementalisten und supranationalen Föderalisten, zu dem
ich hier
schon einmal ausführlicher geschrieben habe. Das zentrale
Argument der Intergouvernementalisten ist dabei gerade die
Legitimationskette, die jede nationale Regierung an den Willen ihrer
nationalen Wähler bindet – sodass die Summe aller nationalen
Regierungen auch berechtigt sein sollte, die Summe aller europäischen
Bürger zu repräsentieren.
Das
wichtigste Gegenargument dagegen ist in meinen Augen, dass das
Ergebnis von Verhandlungen im Europäischen Rat eben nicht nur davon
abhängig ist, wen die einzelnen nationalen Wählerschaften als
ihren jeweiligen Vertreter wählen. Ganz wesentlich ist vielmehr auch
das Kräfteverhältnis zwischen
den einzelnen
Mitgliedstaaten, auf
das die Bürger so gut wie keinen Einfluss haben. Entscheidend
sind dabei Faktoren wie die
wirtschaftliche Stärke oder das Ausmaß
der Erpressbarkeit
eines Landes –
Dinge, die kaum etwas mit
Demokratie zu tun haben.
4:
Die Regierungen missbrauchen die nationale
Demokratie
Betrachtet
man den Verlauf der Verhandlungen über die neuen griechischen
Kreditbedingungen, konnte man genau das beobachten. Von Anfang an
lieferten
sich beide Seiten ein beeindruckendes Feiglingsspiel: Während
die deutsche Bundesregierung behauptete, einen griechischen
Euro-Austritt für
„verkraftbar“ zu halten, deutete Tsipras an, sich notfalls
eben an
Russland zu wenden. In der Spieltheorie bezeichnet man das als
Brinkmanship:
die strategische Drohung mit dem Zusammenbruch, um dadurch den
Verhandlungspartner zum Nachgeben zu bringen.
Umso
glaubwürdiger wird diese Drohung, wenn die Akteure (wenigstens
scheinbar) die Möglichkeit aus der Hand geben, den Zusammenbruch
noch aus eigener Kraft zu verhindern – auch diese Strategie ist in
der Spieltheorie gut bekannt. Im Europäischen Rat geschieht dies
häufig durch den strategischen Einsatz von Elementen der nationalen
Demokratie: So haben mehrere, vor allem nordeuropäische Euro-Staaten
– einschließlich Deutschland und Österreich – Regelungen
eingeführt, nach denen ihre Regierung eine Auszahlung von
ESM-Krediten nur dann bewilligen kann, wenn zuvor
auch das nationale Parlament zugestimmt hat. Das stärkt die
Position der nationalen Regierung, da sie mögliche Zugeständnisse
an andere Mitgliedstaaten immer mit dem Hinweis ablehnen kann, dass
sie diese nicht durchs nationale Parlament bringen könnte. Und auch
das griechische Referendum von letzter Woche lässt sich wohl im
Wesentlichen in diesem Sinne verstehen: Jedenfalls warb Tsipras
selbst damit, dass ein
Nein die griechische Verhandlungsposition verbessern würde.
Am
Ende aber bedeuten solche verhandlungstaktischen Züge aber nicht
wirklich mehr Demokratie. Sie bewirken nur eine Stärkung der einen
nationalen Regierung gegenüber den anderen, geben aber nicht den
europäischen Bürgern insgesamt mehr Einfluss auf das
Verhandlungsergebnis. Mehr noch: Demokratische Verfahren auf diese
Weise zu missbrauchen, beschädigt letztlich auch das Vertrauen in
die Demokratie selbst.
5:
Die Einigung führt „national ownership“ ad absurdum
Zu
den Schlüsselbegriffen in der Debatte über die europäische
Wirtschaftspolitik gehört die „national ownership“ (auf
Deutsch oft als „nationale
Eigenverantwortung“
übersetzt). Das Wort stammt ursprünglich aus der
Entwicklungszusammenarbeit und bezieht sich dort darauf, dass auch
von außen finanzierte entwicklungspolitische Maßnahmen immer von
den Institutionen des Entwicklungslandes selbst beschlossen werden
sollen. Im europäischen Kontext ist damit gemeint, dass die EU
ihren Mitgliedstaaten zwar mehr oder weniger detaillierte
wirtschaftspolitische Vorgaben macht, die formale Entscheidungshoheit
über deren Ausgestaltung jedoch bei den nationalen Parlamenten
liegt. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass sich die
nationalen Politiker und letztlich die nationalen Öffentlichkeiten
auch selbst mit den Maßnahmen identifizieren.
Wie
wenig diese Idee der Realität entspricht, ließ sich in der
Eurokrise oft genug beobachten. Dass es am Ende stets die nationalen
Parlamente der Krisenstaaten waren, die die von den Kreditgebern
geforderten Sparmaßnahmen verabschiedeten, führte nicht etwa zu
einer höheren demokratischen Legitimation – sondern nur zu einem
Akzeptanzverlust und zur Abwahl der jeweiligen Regierungsparteien und
zu einer Vernebelung
der eigentlichen Verantwortlichkeiten.
In
der jüngsten Griechenland-Einigung aber wird die Idee der national
ownership vollends ad
absurdum geführt: Als
Bedingung für weitere Hilfskredite soll
das griechische Parlament bestimmte Reformen (unter
anderem des Mehrwertsteuer-
und des Rentensystems) bis
zum kommenden Mittwoch verabschiedet haben – also
innerhalb von weniger als 72
Stunden. Auch
wenn diese Reformen
inhaltlich schon länger
diskutiert werden, nimmt eine
so kurze Frist den nationalen
Parlamentariern
natürlich jede reale
Mitwirkungsmöglichkeit.
6:
„National ownership“ führt zu einem demokratischen Problem
Die
kurzen Fristen für die ersten Reformen begründen sich auch mit dem
Vertrauensverlust der anderen Mitgliedstaaten. Vor allem die deutsche
Bundesregierung brachte dieses Argument in den letzten Tagen immer
wieder in die Diskussion: Wie solle man sichergehen, dass die
griechische Regierung nach einer Einigung auch wirklich ihre Zusagen
einhält? Kann man nach all den Verhandlungstricks und all den
Vorwürfen, die Syriza-Politiker gegen die Kreditgeber erhoben haben,
wirklich noch daran glauben, dass die griechische Regierung sich voll
hinter die vereinbarten Bedingungen stellen wird?
Dieser
Mangel an Vertrauen ist nachvollziehbar
– immerhin wurde die
Syriza ja gerade deshalb
gewählt, weil sie den
Bürgern ein Ende der Austeritätspolitik
versprochen hat. Man wird
also kaum erwarten dürfen, dass
sie nun mit voller Überzeugung eben
diese Austeritätspolitik verteidigt und
in der Öffentlichkeit dafür wirbt. Solange
man am Konzept der national ownership
festhält, führt dies aber
zu einem unlösbaren
demokratischen Problem:
Kann die Währungsunion
wirklich nur funktionieren, wenn die
Regierungen in allen Mitgliedstaaten dieselben wirtschaftspolitischen
Überzeugungen teilen? Vor
diesem Hintergrund ist es kein Wunder, wenn viele
Syriza-Freunde
hinter dem Vorgehen der
Eurogruppe eine
Strategie zum
Sturz der Tsipras-Regierung
vermuten.
7: Demokratie geht in der Währungsunion nur europäisch
Ist
die Einigung, die die Regierungschefs heute Morgen erzielt haben, ein
Staatsstreich, der die griechische Demokratie zerstört? Die
Wirklichkeit ist banaler, aber nicht weniger dramatisch: Die
europäische Währungsunion kann mit rein nationalen demokratischen Verfahren einfach nicht legitimiert werden. Alle Mitgliedstaaten sind darin so
stark voneinander abhängig, dass eine eigenständige nationale
Wirtschaftspolitik unmöglich geworden ist. Belässt man die formale
Zuständigkeit dafür trotzdem auf der nationalen Ebene, dann
funktioniert die gemeinsame Währung nur, wenn die nationalen Regierungen
auch eine gemeinsame wirtschaftspolitische Linie vertreten.
Aber diese „Alternativlosigkeit“ ist unvereinbar mit
der demokratischen Grundidee, dass es immer eine Auswahl zwischen
verschiedenen politischen Möglichkeiten geben muss.
Auswege
aus dieser Situation gibt es drei: Wir können, erstens, in Kauf
nehmen, dass ein Land aus dem Euro austreten muss, sobald seine
Bürger „falsch“ wählen – das aber wäre bald das Ende der
Währungsunion. Wir können, zweitens, darauf setzen, dass die
nationalen Regierungen die im Europäischen Rat ausgehandelte Linie
auch dann vertreten, wenn das eigentlich ihren Wahlversprechen
widerspricht – das aber ist das
schleichende Ende der Demokratie. Oder wir verlagern, drittens,
die Kompetenz über die Wirtschaftspolitik in der Eurozone auf das
Europäische Parlament. Wir würden damit auf eine Fiktion von
nationaler Souveränität verzichten, aber dafür bekämen wir die
Chance, auf europäischer Ebene die Demokratie zurückzuerlangen.
Is This A Coup? Es ist gut, dass wir endlich in einer breiten
Öffentlichkeit über die demokratische Legitimation der europäischen
Krisenpolitik diskutieren; und es ist richtig, dass gerade die
deutsche Bundesregierung darin zuletzt eine
sehr problematische Rolle gespielt hat. Aber es hilft nicht, uns
nur auf den Einzelfall Griechenland zu konzentrieren. Die europäische
Währungsunion insgesamt hat in ihrer heutigen Form ein
Demokratiedefizit. Nur wenn es uns gelingt, das zu lösen, hätten
wir die Eurokrise wirklich überwunden.
Bild: by Martin Broek [CC BY-NC-ND 2.0], via Flickr.




