Als hätte die Europäische Union
nicht schon genug Probleme, steht seit vergangenem Mittwoch auch noch
ihre Ukraine-Politik in Frage. In einem Referendum
in den Niederlanden stimmte die Mehrheit gegen die Ratifizierung
des Assoziierungsabkommens,
das 2014 unterzeichnet wurde und freien Handel sowie eine
engere politische Zusammenarbeit zwischen der EU und der Ukraine
vorsieht.
Ob
es nun wirklich zu der „großen kontinentalen Krise“ kommt, vor
der Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker (CSV/EVP) im Januar gewarnt hatte, bleibt jedoch abzuwarten. Zwar hatte
die niederländische Regierung angekündigt, das Resultat der
(rechtlich nicht bindenden) Abstimmung respektieren zu wollen, sofern
die Beteiligung daran über 30 Prozent läge, was knapp erreicht
wurde. Die Inhalte des Abkommens werden aber ohnehin bereits seit
Anfang des Jahres vorläufig angewandt, und sowohl die Europäische
Kommission als auch die ukrainische Regierung erklärten
nach dem Referendum, dass das bis auf Weiteres auch so bleiben
solle. Am Ende könnte es deshalb darauf hinauslaufen, dass das
Abkommen lediglich in einigen wenigen Punkten noch einmal
nachverhandelt und dann erneut zur Ratifizierung vorgelegt wird –
mit oder ohne ein neues Referendum in den Niederlanden.
Ziel
des Referendums war die EU selbst
Sehr
viel bitterer als das Ergebnis allein dürfte für die meisten
Europapolitiker allerdings die Art gewesen sein, wie die
Abstimmungskampagne verlief. Das Assoziierungsabkommen spielte darin
nämlich nur eine untergeordnete Rolle: Sogar die Initiatoren des
Referendums erklärten, es gehe ihnen weniger
um die Ukraine als um die Europäische Union selbst. Wenig
überraschend waren es deshalb auch die Europaskeptiker in allen
Ländern und besonders die britischen Austrittsbefürworter, die sich
am
lautesten über das Ergebnis freuten.
Auf
der anderen Seite hingegen hagelte es Kritik: Der luxemburgische
Außenminister Jean Asselborn (LSAP/SPE) etwa erklärte, wenn man
„Europa
kaputt machen will“, brauche man nur mehr Referenden durchzuführen. Und
auch die eigentlich doch basisdemokratisch orientierten Grünen
stimmten in den Chor mit ein: So warnte Rebecca Harms, grüne
Fraktionsvorsitzende im Europäischen Parlament, „plebiszitäre
Elemente zu europäischer Politik, die so angelegt sind wie die
gestrige Abstimmung“, könnten „die
EU in ihrem Bestand gefährden“.
Fast
fünfzig EU-Referenden seit den 1970er Jahren
Tatsächlich
ist das Verhältnis der EU zu nationalen Referenden schon seit
längerem alles andere als ungetrübt. Der Artikel der englischen
Wikipedia über „Referenden
mit Bezug auf die Europäische Union“ listet fast fünfzig
Volksabstimmungen, die seit Anfang der 1970er Jahre in
unterschiedlichen Mitgliedstaaten stattgefunden haben. In den meisten
davon ging es um den Beitritt des Landes zur EU, in anderen um die
Ratifizierung einer Vertragsreform oder um andere größere
Integrationsschritte.
Während
dabei die meisten Beitrittsreferenden zu einem Ja führten, ist die Erfolgsquote bei
Vertiefungsreferenden eher durchwachsen. So stimmten etwa die
dänische und die schwedische Bevölkerung gegen die Einführung des
Euro – im schwedischen Fall sogar, obwohl das Land sich zuvor
vertraglich zur Teilnahme an der Währungsunion verpflichtet hatte.
Abstimmen
lassen, bis das Ergebnis passt?
Was
das Bild der EU im Umgang mit nationalen Referenden jedoch am meisten
geprägt hat, waren die Abstimmungen in Dänemark zum Vertrag von
Maastricht 1992 sowie in Irland zu den Verträgen von Nizza 2001 und
Lissabon 2008. All diese Referenden scheiterten zunächst, wurden
jedoch wenig später – nach minimalen Änderungen an der
Vertragsreform – wiederholt, um das Ergebnis doch noch zu drehen.
Und auch 2005 bewirkte die französische und niederländische
Ablehnung des EU-Verfassungsvertrags zwar, dass dieser nicht
ratifiziert wurde. Viele seiner Inhalte tauchten später jedoch im
Vertrag von Lissabon wieder auf, ohne dass die Franzosen und
Niederländer noch einmal darüber hätten abstimmen dürfen.
Diese
Praxis, Volksabstimmungen nach einem „falschen“ Ergebnis einfach
wiederholen zu lassen, war natürlich Wasser auf die Mühlen
derjenigen, die die Europäische Union ohnehin als eine Art
Verschwörung der transnationalen Eliten gegen ihre Bevölkerung
ansehen. Nichts scheint das populistische Bild einer abgehobenen,
bürgerfernen Eurokratie, die sich in ihrer Integrationsbesessenheit
keinen Deut um Volkes Stimme schert, eindrucksvoller zu bestätigen –
und nichts wäre deshalb besser geeignet, um die EU in der
öffentlichen Wahrnehmung zu diskreditieren.
Kernbestandteil im Repertoire der Europaskeptiker
Nationale
Europa-Referenden zu fordern ist deshalb gerade in den letzten Jahren
zum Kernbestandteil im politischen Repertoire der Europaskeptiker
geworden. Die nationalpopulistische Europaparlamentsfraktion Europa
der Freiheit und der Direkten Demokratie (EFDD) sowie die
dazugehörige Europapartei Allianz
für Direkte Demokratie in Europa (ADDE) tragen dieses Ziel sogar
im Namen.
Und
auch in der Praxis mehren sich die nationalen Referenden, in denen es um oder gegen die europäische
Integration geht: vom griechischen
Volksentscheid im Juli 2015 über das britische
Austrittsreferendum im kommenden Juni bis zu der Abstimmung, mit
der der ungarische Premierminister Viktor Orbán (Fidesz/EVP) im
nächsten Herbst die
auf EU-Ebene beschlossene Umverteilung von Asylbewerbern zu Fall
bringen möchte.
Zweifel
an der Sinnhaftigkeit nationaler Europa-Referenden
Kein
Wunder also, dass unter Pro-Europäern inzwischen die Ansicht weit
verbreitet ist, dass man Volksabstimmungen tunlichst vermeiden
sollte. Und auch die Sinnhaftigkeit nationaler Europa-Referenden wird
immer öfter in Zweifel gezogen – bis hin zu dem Vorschlag eines EU-weiten Referendumsverbots, den der Politikberater
und frühere Kommissionsmitarbeiter Fraser Cameron jüngst ins Spiel
brachte (ohne allerdings zu erklären, wie das verfassungsrechtlich
möglich sein sollte).
Im
Mittelpunkt dieser pro-europäischen Referendumskritik stehen vor
allem zwei Argumente. Das erste davon ist eher allgemeiner Natur und
wird auch auf nationaler Ebene immer wieder von Gegnern einer direkten
Demokratie vorgebracht: Da den meisten Bürgern die Zeit und das
Interesse fehlt, sind sie über die inhaltlichen Details einer
politischen Entscheidung in der Regel schlechter informiert als die
gewählten Abgeordneten, die sich damit hauptberuflich beschäftigen.
Direkte
Demokratie ist irrational, schafft aber Legitimität
Im
schlimmsten Fall kann eine Volksabstimmung deshalb auch durch völlig
themenfremde Gründe entschieden werden. Wie Jean Asselborn in seiner
schon
zitierten Referendumskritik erklärte: „Die Menschen antworten
nicht auf sachliche Fragen, sondern erteilen ihren jeweiligen
Regierungen Denkzettel.“
Doch
selbst wenn man sich diesem Argument grundsätzlich anschließen mag,
kann es in Bezug auf die EU nur begrenzt überzeugen. Denn es ist
zwar richtig, dass direkte Demokratie ein gewisses irrationales
Element in die Politik bringt; durch ihre Unmittelbarkeit ist sie
zugleich aber auch besonders gut geeignet, Menschen das Gefühl von
politischer Teilhabe zu verschaffen. Die
Irrationalität vieler Referenden ist also nur der Preis, den man für
einen Gewinn an wahrgenommener
Legitimität bezahlt – was
gerade im Fall der oft noch immer allzu technokratisch wirkenden EU ein durchaus sinnvoller Tauschhandel sein könnte.
0,6
Prozent der Unionsbürger
Überzeugender
ist das zweite Argument, das von Seiten der Integrationsbefürworter
immer wieder gegen nationale Europa-Referenden ins Feld geführt
wird: nämlich dass dabei die Staatsangehörigen eines einzelnen
Landes über eine Angelegenheit abstimmen, die auch alle anderen
Unionsbürger angeht.
So
kritisierte nach dem niederländischen Ukraine-Referendum
beispielsweise der frühere schwedische Außenminister Carl Bildt
(M/EVP), die rund 2,5 Millionen Nein-Stimmen, die das
Assoziierungsabkommen zu Fall brachten, entsprächen gerade
einmal 0,6 Prozent der Unionsbürger. Und auch nach dem irischen
Lissabon-Referendum 2008 war immer wieder zu hören, es könne doch
nicht angehen, dass ein einzelner Mitgliedstaat durch eine
Volksabstimmung eine Reform blockiert, die alle übrigen zu
ratifizieren bereit sind.
Verstoß gegen das demokratische Gleichheitsprinzip
Dieses
Argument trifft das Problem mit nationalen Europa-Referenden besser
als das erste. Dass Volksabstimmungen oft als besonders demokratisch
wahrgenommen werden, liegt ja vor allem daran, dass darin der
Grundsatz „one person, one vote“
besonders eindrücklich umgesetzt wird: Jeder Betroffene hat eine
Stimme, und zuletzt entscheidet die Mehrheit.
Referenden,
bei denen die Bürger
eines einzelnen
Landes über eine
gesamteuropäische Angelegenheit entscheiden, werden
diesem Prinzip jedoch nicht gerecht, da
die Stimme der anderen Unionsbürger dabei kein Gehör findet.
Und selbst wenn in mehreren
oder allen EU-Ländern nationale Referenden zu derselben Frage
stattfinden würden, bliebe
die Ungleichheit
erhalten, wenn
die abgegebenen Stimmen nicht
auf gesamteuropäischer, sondern auf nationaler Ebene aggregiert
werden. Solange
eine Mehrheit in einem
einzelnen Land einen Beschluss für
die ganze EU scheitern lassen
kann, werden die
Blockierer immer einen größeren
Einfluss haben, als
ihnen nach demokratischen Gleichheitsgrundsätzen zusteht.
Kern des Problems sind die nationalen Vetorechte
Letztlich
tragen nationale
Volksabstimmungen also
tatsächlich weniger dazu
bei,
die EU zu demokratisieren,
als sie lahmzulegen. Nur
sollten wir uns dabei nichts vormachen: Der Kern des Problems liegt
nicht am direktdemokratischen
Verfahren selbst –
sondern an
den nationalen Vetorechten,
durch die einzelne Mitgliedstaaten in
wichtigen politischen
Fragen Beschlüsse für die
gesamte EU verhindern können.
Sicher:
Solange Entscheidungen allein
im Europäischen Rat
getroffen werden, lässt sich
mit diesem Vetorecht einigermaßen leben. Die
nationalen Regierungen nutzen es meist lediglich als Werkzeug, um bei
Verhandlungen einen etwas
besseren Deal für ihr Land zu erzielen, nicht
um gemeinsame Vorhaben
vollständig scheitern zu
lassen. Erst durch nationale
Referenden, die mit dem
Anspruch auf ein
endgültiges Ja
oder Nein einhergehen, kann
es seine
volle destruktive Kraft entfalten.
Lasst
uns gerne Referenden halten – aber gesamteuropäische!
Trotzdem ist es das nationale Vetorecht, nicht die
Referenden selbst,
was die
Europäische Union (in
den Worten Asselborns) „kaputt
machen“ könnte. Wer den
populistischen Rufen der
Europaskeptiker nach mehr direkter Demokratie etwas entgegensetzen
möchte, der sollte sich
deshalb nicht
in bloßer Referendumskritik
üben, sondern besser ihre
Forderungen ins Europäische
drehen: Lasst uns also
gerne Volksabstimmungen zu
europapolitischen Fragen
durchführen – aber nicht
auf nationaler, sondern auf gesamteuropäischer Ebene!
Und
vor allem: Schaffen wir auf
europäischer Ebene endlich
alle nationalen Vetorechte ab!
Bild: By SP Groningen [CC BY-NC-ND 2.0], via Flickr.





