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Das Horizon-Europe-Projekt Activating European Citizens’ Trust in Times of Crisis and Polarisation (ActEU) untersuchte Fragen politischen Vertrauens und demokratischer Legitimität in Europa. Dieser Artikel ist Teil einer Serie, in der ActEU-Forscher:innen ihre Ergebnisse präsentieren. |
Über die letzten Jahre hinweg hat Der (europäische) Föderalist das ActEU-Projekt als Bezugspunkt für Debatten über den Stand der Demokratie in Europa begleitet. ActEU-Forscher:innen – ein Konsortium aus zwölf europäischen Partnerinstitutionen – untersuchten politisches Vertrauen und Legitimität in Europa, mit einem Fokus auf die politischen Einstellungen, die politische Beteiligung sowie die Repräsentation der politischen Präferenzen der Bürger:innen. Ihr übergeordnetes Ziel bestand darin, die anhaltenden Probleme des schwindenden Vertrauens in das Mehrebenen-Regierungssystem der EU zu erfassen und einen Werkzeugkasten zu entwickeln, der politischen Entscheidungsträger:innen, der Zivilgesellschaft und dem Bildungssektor helfen soll, politisches Vertrauen wiederherzustellen.
In zahlreichen Beiträgen auf diesem Blog haben uns ActEU-Forscher:innen dazu eingeladen, über die oberflächlichen Indikatoren demokratischen Niedergangs hinauszuschauen und genauere Fragen zu Vertrauen, Legitimität und Repräsentation im politischen Mehrebenen-System Europas zu stellen. Dies beinhaltete Analysen zu Vertrauen und wirtschaftlicher Benachteiligung, Vertrauen und der Rolle der subnationalen Ebene, Polarisierung und Klimaprotesten, Repräsentation sowie die Wahlen zum Europäischen Parlament 2024, ebenso wie Informationen zu den Projektaktivitäten zur Einbindung junger Menschen.
Mit der Veröffentlichung des frei zugänglichen Sammelbands Activating European Citizens’ Trust in Times of Crisis and Polarization: Towards a New Era of Representative Democracy erreicht diese intellektuelle Reise nun ihren Abschluss. Das Buch vereint zentrale theoretische Überlegungen und empirische Erkenntnisse des von Horizon Europe finanzierten ActEU-Projekts und übersetzt sie in einem einheitlichen analytischen Rahmen.
Vertrauen: kein Nebenprodukt, sondern Ressource von Demokratie
Der Zeitpunkt dieser Publikation könnte kaum passender sein. Die europäischen Demokratien agieren unter Bedingungen permanenter Belastung: aufeinanderfolgende Krisen, verschärfte geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheit und eine sich vertiefende soziale und politische Polarisierung. In solchen Kontexten wird politisches Vertrauen oft als diffuses Gefühl betrachtet, das in Krisenzeiten einfach „nachlässt“. Der Band beginnt jedoch mit einer anderen Prämisse: Vertrauen und Legitimität sind keine residualen Nebenprodukte demokratischer Politik, sondern unverzichtbare Ressourcen, ohne die eine repräsentative Demokratie gar nicht erst funktionieren kann.
Wir argumentieren, dass politisches Vertrauen ein entscheidendes, jedoch unterschätztes Element in den repräsentativen Demokratien Europas ist. Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Bürger:innen und staatlichen Institutionen gewährleistet das Funktionieren demokratischer Systeme, reduziert Transaktionskosten und erleichtert die Rechtfertigung politischer Entscheidungen. Ohne den Einsatz einer kritischen Masse können demokratische Regierungen innerhalb der Bevölkerung keine Legitimität erlangen.
Schon in normalen Zeiten ist ein stabiles, von den politischen Parteien vermitteltes Vertrauensverhältnis zwischen den Bürger:innen und dem Staat also eine Grundvoraussetzung für repräsentative Demokratie. Noch mehr an Bedeutung gewinnt es in Zeiten demokratischer Umwälzungen und Umbrüche, wenn Demokratien sich im Wandel befinden. Krisenperioden offenbaren nicht nur, ob Bürger:innen den Institutionen vertrauen, sondern auch, ob sie sich vertreten und gehört fühlen und ob sie das Gefühl haben, sich sinnvoll am politischen Geschehen beteiligen zu können.
Das ActEU-Dreieck: Einstellungen, Verhalten, Repräsentation
Im konzeptuellen Mittelpunkt des Buches steht das ActEU-Dreieck, das einen neuartigen Ansatzpunkt für die Analyse von Vertrauen und Legitimität in Europa bietet. Statt sich auf einzelne Umfrageelemente zu stützen, bei denen Bürger:innen etwa gefragt werden, wie viel sie „der Politik“ oder „dem Parlament“ vertrauen, verbindet das Dreieck drei analytisch unterschiedliche, jedoch empirisch miteinander verflochtene Dimensionen: politische Einstellungen, politisches Verhalten und politische Repräsentation.
Dieses Rahmenkonzept verbindet also, was Bürger:innen denken, wie sie sich verhalten und wie ihre Präferenzen in politischen Ergebnissen repräsentiert werden. Es erlaubt dadurch eine präzisere Diagnose von demokratischen Stärken und Schwächen im europäischen Mehrebenensystem.
Sinkendes Vertrauen folgt oft aus konkreten Ausgrenzungserfahrungen
Die praktischen Kapitel des Bandes bauen auf diesen Rahmen auf und stützen sich zudem auf von ActEU selbst erhobene Umfragedaten sowie komplementäre qualitative Befunde, um Vertrauen und Legitimität in verschiedenen europäischen Kontexten zu erfassen. Mit sieben Mehrebenen-Fallstudien – Österreich, Tschechien, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Italien und Spanien – deckt das Buch ein breites Spektrum politischer Systeme und demokratischer Traditionen ab und berücksichtigt dabei ausdrücklich die Interaktion zwischen regionalen, nationalen und europäischen Regierungsebenen.
Über die Fälle hinweg sticht eine zentrale Erkenntnis hervor: Vertrauensdefizite sind selten einheitlich. Sie unterscheiden sich je nach Institution, Politikbereich und politischer Ebene, und sie stehen oft in engem Zusammenhang mit wahrgenommenen Lücken in der politischen Repräsentation.
Polarisierende Politikbereiche wie Migration, Klimawandel oder die Gleichstellung der Geschlechter erweisen sich als besonders aufschlussreiche Stresstests für die repräsentative Demokratie. In diesen Bereichen weichen die Einstellungen, die Partizipation und die Repräsentationserfahrungen der Bürger:innen oft in einer Weise voneinander ab, die herkömmliche Vertrauensindikatoren nicht erfassen können. Der ActEU-Ansatz zeigt, dass sinkendes Vertrauen oft nicht auf allgemeiner Skepsis gegenüber der Demokratie beruht, sondern auf konkreten Erfahrungen von Fehlrepräsentation oder Ausgrenzung.
Mithilfe unserer innovativen Datenquellen wie dem ActEU Citizens’ Emotions & Trust Focus Group Dataset sowie dem ActEU Digital Political Discourse Dataset kann diese Erkenntnis in zukünftigen Forschungsarbeiten nocb detaillierter analysiert werden.
Demokratische Erneuerung beginnt mit sorgfältiger Analyse
Aber Activating European Citizens’ Trust bleibt nicht bei der Diagnose stehen. Über den gesamten Band hinweg betonen die Auto:innen, dass Vertrauen kein feststehender Endzustand ist, sondern eine dynamische Beziehung, die durch institutionelles Design, politische Praktiken und Repräsentationsformen gestärkt oder geschwächt werden kann. Durch die systematische Verknüpfung von Einstellungen, Beteiligung und Repräsentation eröffnet das ActEU-Konzept Raum für gezielte demokratische Reformen – von der Verbesserung der repräsentativen Responsivität bis hin zur Stärkung partizipativer Kanäle, die der europäischen Mehrebenen-Realität gerecht werden.
Als letzter Beitrag in der ActEU-Reihe bei Der (europäische) Föderalist bietet dieses Buch somit einen passenden Abschluss. Es umfasst das Kernanliegen des Projekts: nicht nur den Rückgang des politischen Vertrauens zu dokumentieren, sondern zu einem differenzierteren Verständnis darüber beizutragen, wie sich die repräsentative Demokratie in Europa unter den Bedingungen von Krise und Polarisierung anpassen, erholen und von Bestand sein kann. In einer Zeit, in der oft demokratischer Pessimismus die öffentliche Debatte dominiert, ist dieser Band eine notwendige Erinnerung daran, dass demokratische Erneuerung mit einer sorgfältigen Analyse beginnt – und damit, das Vertrauen der Bürger:innen ernst zu nehmen.
Daniela Braun ist Professorin für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Europäische Integration und Internationale Beziehungen an der Universität des Saarlands. |
Alex Hartland ist Postdoktorand in der Fachrichtung Gesellschaftswissenschaftliche Europaforschung an der Universität des Saarlands. |
Zoe Lefkofridi ist Professorin für Politik & Geschlecht, Diversität & Gleichheit am Fachbereich Politikwissenschaft der Universität Salzburg.. |
Kristina Weissenbach ist Vertretungsprofessorin im Arbeitsbereich Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft an der Universität Duisburg-Essen sowie Kodirektorin der NRW School of Governance. |
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Daniela Braun, Alexander Hartland, Michael Kaeding, Zoe Lefkofridi, Kristina Weissenbach (Hrsg.): Activating European Citizens’ Trust in Times of Crisis and Polarization: Towards a New Era of Representative Democracy, Cham: Springer Nature 2026 (Open Access).
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Bilder: Buchcover: Springer Nature; Autorenporträts: privat [alle Rechte vorbehalten].








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